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Ägypten ist auf Weizenimporte angewiesen. Foto: Ahmed Gomaa/XinHua/dpa
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Hungerkrise im Ramadan Im Nahen Osten schnellen die Lebensmittelpreise in die Höhe

Der Krieg in der Ukraine und große Dürre verschärfen die Versorgungskrise in der arabischen Welt. Ramadan wird für viele eine besonders karge Zeit.

Der Fastenmonat Ramadan wird im Nahen Osten normalerweise mit abendlichen Festmählern gefeiert. Erst nach Sonnenuntergang dürfen gläubige Muslime wieder essen und trinken. Doch diesmal steht Millionen Menschen ein karger Ramadan bevor. Zu Beginn des heiligen islamischen Monats an diesem Wochenende treiben der Ukraine-Krieg und ein ungewöhnlich trockener Winter im Nahen Osten die Preise für Brot und Speiseöl hoch.

Für jene Menschen im Nahen Osten und Nordafrika, die ihre Familien ohnehin kaum ernähren können, wird es im Ramadan wegen der Preisanstiege noch schwieriger, warnt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Für Regierungen von Tunis bis Beirut ist die Entwicklung ein Alarmzeichen. Versorgungsmängel bei Grundnahrungsmitteln führten in der Vergangenheit zu politischen Erschütterungen und Krieg, etwa in Syrien.

Dort trieb eine schwere Trockenheit zwischen 2006 und 2009 laut einer Studie amerikanischer Wissenschaftler rund 1,5 Millionen Menschen aus ländlichen Regionen in die Städte; die Massenmigration wurde wenige Jahre später zu einer Triebfeder für den Aufstand gegen Präsident Baschar al Assad. Auch in diesem Jahr ist es in vielen Gegenden des Nahen Ostens sehr trocken.

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Wie die Forschungsstelle der EU-Kommission berichtet, fiel in Marokko, Algerien sowie in Teilen Tunesiens und Libyens viel weniger Regen als in normalen Wintern. Tunesien habe nur die Hälfte der üblichen Regenmenge erhalten, schätzt auch die auf Landwirtschaft spezialisierte US-Beratungsfirma Gro Intelligence. Wenn die Trockenheit anhalte, steige der Bedarf an Importgetreide in der Region.

Auch die Versorgung mit Sonnenblumenöl leidet

Aber zusätzliche Importe, um Ernteausfälle auszugleichen, sind wegen des Ukraine-Krieges viel teurer als sonst. Die Ukraine und Russland sind die wichtigsten Weizenlieferanten für den Nahen Osten. Im Libanon und in Ägypten kommen mehr als 80 Prozent aller Weizeneinfuhren aus den beiden Ländern, in Libyen sind es 75 Prozent, in Tunesien 50 Prozent.

Seit dem Beginn des russischen Überfalls am 24. Februar stiegen die Weltmarkt-Preise zeitweise um mehr als die Hälfte. Auch die Versorgung mit Sonnenblumenöl, das von Millionen Menschen im Nahen Osten zum Kochen verwendet wird, ist betroffen, denn die Ukraine ist weltweit führender Exporteur.

Auch Sonnenblumenöl ist wie hier in Beirut Mangelware und sehr teuer. Foto: Mohamed Azakir/Reuters Vergrößern
Auch Sonnenblumenöl ist wie hier in Beirut Mangelware und sehr teuer. © Mohamed Azakir/Reuters

Im Bürgerkriegsland Syrien werden Weizen, Zucker und Speiseöl bereits rationiert. Die Hilfsorganisation Oxfam berichtet, in der Umgebung der Hauptstadt Damaskus müssten die Menschen stundenlang für subventioniertes Brot anstehen. Kinder durchwühlten Müll, um etwas Essbares zu finden. Sechs von zehn Syrern wissen Oxfam zufolge nicht, wo die nächste Mahlzeit herkommen soll.

Im Libanon stiegen die Brotpreise um 70 Prozent

Moutaz Adham, Syrien-Direktor der Organisation, erwartet, dass das Leben für Normalbürger wegen der Folgen des Ukraine-Krieges noch entbehrungsreicher wird. Die Lebensmittel-Rationierung „könnte nur der Anfang sein“. Die „Washington Post“ zitierte eine Syrerin mit den Worten, ihr Mann habe einen Behälter Sonnenblumenöl aus dem Libanon ins Land schmuggeln können. „Den hebe ich mir für Ramadan auf.“

Im Libanon schossen die Brotpreise seit dem Beginn des Ukraine-Krieges um 70 Prozent nach oben. Weil die Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut im Sommer 2020 auch Getreidesilos zerstörte, hat das Land kaum Möglichkeiten, Getreide zu lagern. Das Wirtschaftsministerium teilte Anfang März mit, die Vorräte reichten nur für anderthalb Monate.

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In Ägypten braucht der Staat immer mehr Geld, um Brot erschwinglich zu halten. Rund 70 Millionen der 100 Millionen Ägypter essen staatlich subventioniertes Brot, das nach dem Willen der Regierung billig bleiben soll: Explodierende Brotpreise für die Ärmsten könnten Aufstände auslösen. Auf dem freien Markt, mit dessen Hilfe sich 30 Millionen Ägypter versorgen, ist Brot so teuer geworden, dass Kairo einen Preisstopp verfügte. Der Export von Nudeln und Linsen aus Ägypten ist vorerst verboten.

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