Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Zutritt nur für Geimpfte und Genesene. Doch einige sind zwar genesen, gelten aber nicht als Genesene. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
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Hoher Infektionsschutz nach schwerem Krankheitsverlauf Genesen, aber nicht geimpft – was nun?

Sie fallen durch alle Raster: Genesene, die an Covid-19 erkrankt waren und sich aus Angst vor einer Immun-Überreaktion nicht impfen lassen. Ein Kommentar.

In der hitzig geführten Corona-Debatte gibt es Geimpfte und Ungeimpfte, sonst kaum eine Kategorie. Offenbar verträgt der Kampf gegen die Pandemie keine Grautöne, kein Innehalten. Das führt dazu, dass eine Gruppe von Menschen, die oft mehr gelitten haben als alle anderen, durchs Raster fällt. Es mögen wenige sein, vielleicht nur einzelne. Aber was tun mit ihnen?

Es sind Covid-19-Erkrankte, die einen besonders schweren Krankheitsverlauf hatten und bei denen sich noch viele Monate später eine hohe Zahl von Antikörpern nachweisen lässt.

Einige dieser Genesenen wollen sich deshalb aus Angst vor einer Überreaktion ihres Immunsystems nicht impfen lassen. Ob diese Angst berechtigt ist – darüber gehen die Meinungen auseinander.

Doch ohne Impfung, spätestens ein halbes Jahr nach einem positiven PCR-Test, durch den eine gesicherte Sars-CoV-2-Infektion nachgewiesen wird, gelten diese Menschen nicht als Genesene, sondern als Ungeimpfte. Das heißt, sie sind vom 2G-Leben ausgeschlossen - obwohl ihr Infektionsschutz in der Regel sehr hoch und die Wahrscheinlichkeit einer Infektiosität sehr gering ist. Vergleichbar etwa mit der von vollständig Geimpften.

Husten, Fieber, Atemnot - das volle Programm

Bislang gelten Allergien gegen Bestandteile bestimmter Impfstoffe als legitimer Grund, sich nicht impfen zu lassen. Nur ein sehr kleiner Prozentsatz der Genesenen ist davon betroffen. Wie groß die Gruppe derer ist, die im Falle einer Impfung Angst vor einer Überreaktion ihres Immunsystems haben, weiß keiner.

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Ein Beispiel (der Name wurde geändert): Im März 2020 infiziert sich der damals 58-jährige Lou. Husten, Fieber, Atembeschwerden, Geschmacks- und Geruchsverlust, das volle Programm. Wochenlang leidet er unter Atemnot, muss lange schlafen, kann nicht Sport treiben.

Nach einem Jahr fühlt er sich immer noch schnell erschöpft, kraftlos, hat oft Kopfschmerzen. Dann öffnen die Fitnesszentren wieder, Lou geht regelmäßig aufs Laufband und in die Sauna, langsam geht es ihm besser.

Könnte eine Impfung sein Immunsystem überreagieren lassen?

Lou ist beileibe kein Impfgegner. Aber in seinem Fall hat er starke Bedenken. Die Infektion ließ seinen Körper ein gutes Immungedächtnis entwickeln. Bis heute hat er sehr hohe Antikörper-Titer, bestätigt durch diverse Bluttests. In der Vergangenheit hat er Autoimmunerkrankungen erfahren. Könnte eine Impfung sein Immunsystem überreagieren lassen?

Wissenschaftlich ist diese Frage nicht abschließend beantwortet. Einige Immunologen warnen, andere halten die Gefahren einer Zweitinfektion für gravierender als die Risiken, die mit einer Impfung verbunden sind. Ein Zusammenhang zwischen Corona-Impfungen und Autoimmunreaktionen sei nicht eindeutig nachgewiesen, sagen sie.

Es gilt als sicher, dass die Immunitätsdauer nach einer Infektion korreliert mit der Schwere der Erkrankung. Je stärker die Erstinfektion, desto länger hält die Immunität an. Andersherum: Eine milde Symptomatik verursacht oft nur eine kurz anhaltende Immunität.

Die Deutsche Gesellschaft für Immunologie plädiert inzwischen dafür, dass der Zeitraum, in dem Genesene bei Corona-Beschränkungen Geimpften gleichgestellt sind, auf zwölf Monate nach der Infektion verlängert wird.

Die Ständige Impfkommission geht davon aus, dass die Schutzwirkung mindestens sechs bis zehn Monate nach bestätigter symptomatischer Sars-CoV-2-Infektion anhält. Das Problembewusstsein scheint zu reifen.

Warum genügt nicht ein einfacher Antikörper-Nachweis?

Lou hat sich an alle durch Corona bedingten Einschränkungen gehalten. Manchmal fiel es ihm schwer. Länger als eine halbe Stunde mit FFP2-Maske in der S-Bahn hielt er nicht aus. Er hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ins Fitness-Center wäre er zur medizinischen Rehabilitation gerne früher gegangen.

Er fragt: Warum müssen sich Genesene auf jeden Fall spätestens ein halbes Jahr nach ihrer Infektion impfen lassen, um als solche anerkannt zu werden, obwohl ihr Antikörpertiter viele Monate später immer noch sehr hoch ist? Warum genügt nicht ein einfacher Antikörper-Nachweis als Beleg für eine Covid-19-Genesung?

Er ist ratlos. Er fällt durchs Raster

Von der Politik, dem Robert-Koch-Institut und der Ständigen Impfkommission fühlt Lou sich nicht ausreichend bedacht. Er wünscht sich von der Wissenschaft ein Maß an Klarheit und Orientierung, das es zum gegenwärtigen Zeitpunkt offenbar nicht gibt. Er hat das Virus am eigenen Leib erfahren, will etwas Vergleichbares nie wieder erleben.

Lou ist genesen, aber ungeimpft. Er hat schwer gelitten und Angst vor erneutem Leiden. Er würde gerne am 2G-Leben teilnehmen, darf es aber nicht. Er ist ratlos. Er fällt durchs Raster.

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