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Städtische Polizeibeamte führen im Rahmen der Corona-Maßnahmen eine Autokontrolle auf der Autobahn durch. Foto: Ricardo Rubio/dpa
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Höchste Ansteckungswerte in Europa Madrid erneut im Ausnahmezustand

Spaniens Premier Pedro Sánchez greift durch und verhängt weitreichende Einschränkungen - gegen den Willen der Regionalregierung.

Mit einem Machtwort beendete die spanische Regierung das immer größere Corona-Chaos in Madrid: Premier Pedro Sánchez verhängte mit sofortiger Wirkung den Ausnahmezustand in der Hauptstadt, um den heftigen Virusausbruch in der Millionenstadt unter Kontrolle zu bekommen.

Die hohen Infektionszahlen in der Metropole seien außerordentlich besorgniserregend, sagte der Sozialist Sánchez. Die Mitte-links-Regierung fürchtet, dass der Hotspot in Madrid, dem Verkehrs- und Wirtschaftszentrum der Nation, sich weiter ausbreiten und auch andere Regionen mitreißen könnte. Im Großraum Madrid werden momentan die höchsten Ansteckungswerte in ganz Europa registriert.

Mit dem Ausnahmezustand setzt die Regierung die Absperrung Madrids und acht weiterer Vorstädte wieder in Kraft, nachdem am Donnerstag das Oberste Gericht der Hauptstadtregion die Abriegelung aus formalen Gründen für unrechtmäßig erklärt hatte.

Lange Staus auf den Ausfallstraßen

Vorübergehend konnten somit nach dem Richterspruch die Bewohner Madrids ihre Stadt wieder verlassen, was zu chaotischen Szenen führte. Stunden vor Verkündung des Ausnahmezustandes bildeten sich lange Staus auf den Ausfallstraßen, die zur Küste und ins Landesinnere führen.

Zehntausende Familien versuchten, vor der erneuten Absperrung der Metropole, die am Freitagnachmittag in Kraft trat, die Stadt zu verlassen. Am Montag, 12. Oktober, wird Spaniens Nationalfeiertag begangen, sodass sich dieses Wochenende um einen Tag verlängert.

Der Aufruf der Behörden, verantwortungsvoll zu handeln und zu Hause zu bleiben, fand nicht das gewünschte Gehör. Unmittelbar nach Verhängung des Notstandsrechtes in Madrid richtete die Polizei an den Ausfallstraßen mit einem Großaufgebot Kontrollpunkte ein. Auch der internationale Flughafen und die großen Bahnhöfe wurden überwacht.

Wer ohne triftigen Grund reist, wird zurückgeschickt

„Was ist das Motiv ihrer Reise“, fragten die Beamten bei ihren Kontrollen. Wer keine triftigen Gründe angeben kann, wurde wieder zurückgeschickt. Nur wer „unvermeidliche Motive“ anführen kann, darf das Madrider Corona-Sperrgebiet, in dem insgesamt knapp fünf Millionen Menschen leben, verlassen. Erlaubt ist zum Beispiel die Fahrt zum Arbeitsplatz oder zum Arzt. Nicht erlaubt ist der Besuch von Familienangehörigen, Freunden oder die Fahrt ins Wochenendhäuschen.
Mit dem Notstandsrecht übernimmt die spanische Staatsregierung zugleich das Kommando im Anti-Corona-Kampf in der Region Madrid. Deren erzkonservative Ministerpräsidentin Isabel Díaz Ayuso hatte sich in den letzten Wochen hartnäckig geweigert, die von Epidemiologen und der nationalen Regierung geforderten Mobilitätsbeschränkungen umzusetzen.

Menschen mit Maske gehen am Sonnabend im Retiro Park in Madrid spazieren. Foto: Gabriel Bouys/AFP Vergrößern
Menschen mit Maske gehen am Sonnabend im Retiro Park in Madrid spazieren. © Gabriel Bouys/AFP

Der eigenwillige Kurs der Regionalpräsidentin Ayuso in dieser Pandemie erinnert zunehmend an die leichtfertige Corona-Politik von US-Präsident Donald Trump oder die des brasilianischen Staatspräsidenten Jair Bolsonaro.

„Man kann nicht 100 Prozent der Bürger einsperren, um das eine Prozent der Menschen, die sich infizieren, zu schützen“, meint Ayuso. Die Abriegelung der Hauptstadtregion treibe die Wirtschaft in den Ruin.

Ayusos Crash-Kurs sorgte auch in ihrer eigenen Regionalregierung für Krach. In der Region regieren Ayusos konservative Volkspartei und die bürgerlich-liberale Bewegung Ciudadanos. Ayusos Vize, der regionale Ciudadanos-Chef Ignacio Aguado, hatte seine Chefin vergeblich aufgefordert, die Gesundheit der Menschen in den Vordergrund zu stellen und im Kräftemessen mit der spanischen Regierung nachzugeben.

„Die Regionalpräsidentin hat entschieden, nichts gegen Corona zu unternehmen“, begründete Spaniens Gesundheitsminister Salvador Illa am Freitagnachmittag die Ausrufung des Ausnahmezustandes in der Region Madrid. „Die Geduld hat ein Ende.“

Die Krankenhäuser sind völlig überlastet

Die 7-Tage-Inzidenz im Großraum Madrid betrug nach den letzten verfügbaren Angaben 230 Infektionen pro 100 000 Einwohner. In einigen lokalen Brennpunktvierteln werden sogar mehr als 500 Fälle pro 100 000 Bewohner registriert. Die Krankenhäuser und lokalen Gesundheitszentren der Stadt sind bereits derart mit Corona-Fällen überlastet, dass viele Patienten, die an anderen Krankheiten leiden, nicht behandelt oder operiert werden können.

Auf den Inseln bessert sich die Lage

In ganz Spanien, dem derzeit am schlimmsten betroffenen europäischen Land, lag der statistische Risikowert zuletzt bei 122. Allerdings ist die Lage regional sehr unterschiedlich. Auf den Kanarischen Inseln und auf den Balearen – die beliebtesten Urlaubsziele in Spanien – verbesserte sich die Lage in den vergangenen Wochen deutlich. Auf den Kanaren liegt die 7-Tage-Häufigkeit nur noch bei 41, auf der Baleareninsel Mallorca bei 55 Fällen pro 100 000 Einwohner. Die beiden Ferienhochburgen hoffen daher, dass die Reisewarnung, die Deutschland und andere europäische Länder ausgegeben haben, zumindest für die Urlaubsinseln bald aufgehoben werden kann.

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