Tagesspiegel Plus - jetzt gratis testen
In kleinster Runde. Stefan Kunath und Anne Brehm (Mitte) mit ihrer Mini-Hochzeitsgesellschaft. Foto: privat
© privat

Heiraten in Corona-Zeiten Wie ein Hochzeitspaar den Lockdown überlistete

Ein rauschendes Fest mit allen Freunden? Corona durchkreuzt Hochzeitspläne und bedroht eine ganze Branche. Zwei Berliner haben trotzdem „Ja“ gesagt.

Sie sind für das Telefonat auf einen Parkplatz abgebogen, eine halbe Stunde vor St. Peter-Ording, durch die Windschutzscheibe sehen sie ein Aldi- Schild. In ihrem Camper, einem ausgebauten Vitro, stellen sie das Telefon für die nächsten anderthalb Stunden auf laut, sodass man beide hören kann: Stefan Kunath und Anne Brehm. Sie sind heute sechs Tage verheiratet.

Doch eigentlich wären sie jetzt, an diesem Montag, Mitte Mai, mit „den 34 sympathischsten Menschen, die wir kennen“ noch in ihrer gemieteten Finca auf Mallorca zum Feiern. Ein Virus kam ihnen dazwischen. Also Wattenmeer statt Mittelmeer – kurz vor der Küste haben sie Zeit, zu telefonieren und zu berichten, wie es ist, eine Hochzeit abzusagen, die sie seit bald einem Jahr geplant hatten.

In der Planung kam nicht vor, dass sie ihre Hochzeitsnacht auf einem Parkplatz in Wilhelmshaven verbringen würden. Am Deich. Eigenes Klo und Dusche, kontaktbeschränkt. Ebenfalls vollkommen unvorhersehbar war, dass sich trotzdem alles so richtig und großartig anfühlen würde. „Noch eine Woche vorher habe ich nicht geglaubt, zu heiraten“, sagt Stefan. „Und das Bauchgefühl kann man ja nicht überlisten.“ Das Bauchgefühl meldet einfach: Glück.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Es geht in diesen Tagen nicht mehr darum, ob man sich traut oder nicht. Hochzeitspaaren war die Feier lange behördlich verboten. Erst ab dem heutigern Dienstag sind in Berlin wieder 50 Personen erlaubt. Aber im Mai war es garstig: Einige Standesämter ließen lange nur das Brautpaar selbst zu. Und wer will schon zum vermutlich folgenreichsten „Ja“ seines Lebens niemanden umarmen?

Die meisten sagen ihre Hochzeit ab

In Düsseldorf heiratete ein Paar im Autokino, während die Gäste in ihren Blechkarossen saßen. Ein britisches Paar verlegte sich selbst als Hochzeitsstory ins Netz: Lockdown Wedding, sie dekorierten ihre Wohnung und warfen den Brautstrauß einer Freundin zu.

Aber die meisten sagen ihre Hochzeit ab. Sagen zumindest die Feier ab. Oder verlegen sie gleich um ein Jahr. Wieder ein üppig blühender Wirtschaftszweig, der durch Corona schlagartig erfror wie Kirschblüten im Spätfrost.

Durch dick und dünn. Stefan Kunath und Anne Brehm in den improvisierten Flitterwochen. Foto: privat Vergrößern
Durch dick und dünn. Stefan Kunath und Anne Brehm in den improvisierten Flitterwochen. © Foto: privat

Anne und Stefan waren kurz traurig, als sich abzeichnete, dass aus Mallorca nichts würde. Aber dann waren sie dankbar für die Geschwindigkeit und die Eindeutigkeit, mit der ihre Hochzeit ins Wasser fiel: Spanien zuerst extrem getroffen, im strengsten Lockdown. Die Flieger am Boden. Einreiseverbot. Dann auch Deutschland mit Kontaktsperre. Beim besten Willen wäre es niemandem der 34 Gäste möglich gewesen, die Reise überhaupt anzutreten. Es war niederschmetternd, aber darin wenigstens eindeutig.

Ihr Fest sagten sie ab, ja, die ganze Hochzeit: Sie wollten nicht, dass ihre Trauung ihnen das ganze Leben als ein bedrückter Verwaltungsakt in Erinnerung bliebe. „Die Leute sind ja krank geworden“, sagt Stefan. In Spanien, in ganz Europa wurde gestorben.

Jetzt kam es halt dicke

Doch sie hatten nicht mit ihren Trauzeugen und Freunden gerechnet. „Was bedeutet es euch, zu heiraten?“, hätten die gefragt. Zu heiraten, hätten sie gesagt, das ist ja nicht nur die rauschende Feier. Ihr passt so gut zusammen, und wer weiß, was wird. Heiratet doch! Das ist dann der Tag für euch ganz persönlich. Also, er würde sich jedenfalls spontan einen Tag Urlaub nehmen und aus Hamburg kommen, warb der Trauzeuge.

Und so sickerte die Möglichkeit ein, dass die standesamtliche Trauung nicht einfach nur stattfinden, sondern auch jenseits ihres ausgeklügelten Plans, nach dem sie mit ihren Gästen am nächsten Tag den Flieger Richtung Mallorca bestiegen hätten, eine tiefere Bedeutung haben könnte.

[Alle aktuellen Entwicklungen in Folge der Coronavirus-Pandemie finden Sie hier in unserem Newsblog]

Auf einmal waren sie wieder zuversichtlich gestimmt. Die Ehe ist ausgelegt für dick und dünn. Jetzt kam es halt dicke. Geht es nicht im ganzen Leben um die Frage, wie am Ende die Wirklichkeit im Verhältnis zur eigenen Vorstellung steht? Hier also: Was das Leben mit der Liebe macht? War dies eine erste Prüfung?

„In guten wie in schlechten Zeiten“, hieße es ja auch, sagt Stefan. Und sie dachten: „Vielleicht ist das jetzt eine schlechte Zeit.“ Ihre Hochzeit – dieses Versprechen „unter allen Umständen“ – würde also diesen Wesenszug schon praktisch verkörpern.

Dann erschien ein Silberstreif am Horizont: Das Standesamt Charlottenburg erlaubte nun neben dem Brautpaar zwei Zeugen und einen Fotografen im Trauzimmer. Dazu kam die Meldung im Radio: Niedersachsen war offen. Plötzlich war der Weg frei zum Meer.

Fünf Tage vor ihrem Termin im Standesamt, es war der 8. Mai, Tag der Befreiung, entschieden sie, dass sie doch heiraten wollen. Sie wurden, erzählen sie, übermütig, froh und pragmatisch: Kurzerhand ernannten sie Stefans Schwester zur Fotografin. Sie würde im Standesamt einfach ihr Smartphone hochhalten.

Samstag buchten sie den Camper, Montag gingen sie – erster Öffnungstag! – ins KaDeWe und besorgten sich etwas zum Anziehen. Mittwoch fuhren sie mit dem bepackten Camper zum Charlottenburger Standesamt. Auch so, sagt Anne, sei es ungeheuer aufregend gewesen. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich das ausgehalten hätte, wenn danach draußen wie geplant alle unsere Freunde gestanden hätten.“

So machten sie in kleinster Runde ein Picknick am See, an der Heilandskirche in Sacrow. Spontan, improvisiert, ihnen fehlte nichts. Entsprach ihnen nicht das Spontane viel mehr als das Durchgeplante? Spiegelte dieses Picknick nicht viel mehr, wie sie auch im richtigen Leben sind?

Die Hochzeitsnacht auf einem Parkplatz in Wilhelmshaven

Dann gen Norden aus Berlin raus. Vor der Windschutzscheibe führte ein Asphaltband direkt in das noch unbekannte Terrain ihrer Ehe. Sie fuhren jetzt gemeinsam Richtung Meer, soweit es ging an diesem Abend, der ja nahtlos in ihre Hochzeitsnacht mündete. Ein Parkplatz in Wilhelmshaven, am Jadebusen. Als sie das jetzt, sechs Tage später erzählen, klingt aus ihren Stimmen Euphorie, Freude, und noch ein Rest Unglaube darüber, tatsächlich verheiratet zu sein.

[Über die Corona-Entwicklungen in Berlin halten wir Sie hier auf dem Laufenden]

An dieser Stelle wird es nötig, Uli Knieknecht zu erwähnen. Denn noch blieb die Logistik, die Verschiebung ihrer großen Feier auf Mallorca auf das nächste Jahr. Uli, sagen sie, hat es geschafft, in Verhandlung mit den Vermietern auf Mallorca, den Fotografen und Floristen, auf einen Termin im nächsten Jahr umzubuchen. Und das zu gleichen Konditionen.

Uli Knieknecht ist Hochzeitsplaner, den man in seinem Schöneberger Büro, in dem es nach rosa Flamingo-Weingummi riecht, besuchen kann und dessen Gedämpftheit mit den ausgelassenen Bildern an der Wand kontrastiert, von glücklichen Paaren und deren glücklichem Planer.

Jetzt, im Mai und Juni, der Hochzeit der Hochzeiten, wäre er an jedem Wochenende gebucht gewesen, jeden Samstag eine Dosis Euphorie, eine Hochzeitsfeier oder zumindest eine Rede bei einer freien Trauung. Ihm fehlt die Freude, die auch ihn erfasst, wenn er an den Wochenenden von einem Höhepunkt zum nächsten springt. Ihm fehlt dieses Überschäumende einmaliger Erfahrungen, wenn sich die Aufregung und Anspannung in einer Feier entlädt.

Verzweiflung, die man sonst nur Bräuten nachsagt

Uli Knieknecht, Gründer von „Die JaSager“, wird gebucht um zu verhindern, dass Pannen eine Hochzeit dominieren. Aber gegen Corona ist er machtlos. Es stürzt ihn selbst in Sorge. Ein Hochzeitspaar muss ja nur eine Hochzeit absagen. Doch Uli Knieknecht jedes Wochenende mindestens eine, die er zum Teil über ein Jahr lang geplant hat. Alle bis Mitte August, langsam wird es auch existenziell.

Knieknecht sitzt also an allen diesen idealen Hochzeits-Samstagen 2020 in seinem Schöneberger Büro und telefoniert. Mit Hotels, Musikern, Fotografen und Caterern. Und mit der Verzweiflung, die man sonst nur Bräuten nachsagt, versucht er, die Veranstaltungsorte auf einen anderen Termin umzubuchen, deren Konditionen auch fürs nächste Jahr zu sichern.

Ebenfalls im Mai hatte er zum Beispiel eine internationale Hochzeit auf Schloss Neuhardenberg geplant, das Brautpaar lebt in Singapur. War schon zum Probeessen da. Doch ihr Hochzeitsdatum verlebten sie isoliert in einem Apartment auf der anderen Seite der Welt.

Uli Knieknecht ist tapfer. Ein extrovertierter, schlaksiger Typ, der sich bemüht, für alle die Laune zu bewahren. Zu Hause zwei Schulkinder. Für das kommende Jahr sind viele Veranstaltungsorte auch schon gebucht. Seinen Paaren rät er jetzt zu Hochzeiten an einem Wochentag – wie wäre es mit einem Freitag? Es muss ja nicht immer ein Samstag sein!

Für Anne und Stefan hatte sich Knieknecht schon im letzten Herbst ins Zeug gelegt, erzählen beide. Als es noch um die ganz normalen Nervenzusammenbrüche ganz normaler Bräute ging, die zum ersten Mal in Kontakt kommen mit den rüden Methoden der Hochzeitsindustrie, die jetzt ebenfalls darniederliegt. Eine florierende Branche, die davon lebt, dass für Brautpaare an einem Tag Geld keine Rolle spielen soll.

Das war, als Annes Brautmodenladen pleiteging und das weiße Kleid in dem geschlossenen Geschäft hängen blieb. Schon im Oktober ausgesucht, geändert, bezahlt. „Da wird man einmal geschröpft“, sagt Anne lakonisch. Sobald der Vertrag steht, hätten die Ladenbesitzer kein Interesse mehr an ihren Kundinnen. „Bräute sind ein Einmalgeschäft“, sagt Stefan. „Bräute kommen ja nicht wieder.“

Kurz darauf schnellten die Infizierten-Zahlen in die Höhe

Uli Knieknecht nimmt der oft schnöden Behandlung von Berliner Paaren die Schärfe. Er portioniert die überwältigende Menge der Angebote von Brautmodegeschäften, Floristen, Fotografen und Caterern in appetitliche Häppchen, aus denen sie auswählen können.

Anne und Stefan wollten nicht nur einen feierlichen Tag, der durchgetaktet vorbeirauscht, sondern länger mit ihren Gästen zusammen sein. Lieber weniger Leute, dafür intensiver. Tischtennis spielen. Gemeinsam an den Strand gehen.

Als ihnen also einfiel, dass sie lieber auf Mallorca heiraten wollten, wo sie schon oft gewesen waren, war Uli mit von der Partie. Im September setzten sie sich zu dritt ins Flugzeug, um die Möglichkeiten auszuloten.

Sie fanden ein Haus mit 14 Schlafzimmern, Bädern und vielen Aufenthaltsräumen, ideal für ihre 34 Gäste. Im Februar, erzählen Anne und Stefan am Telefon, Corona war schon in Italien angekommen, sind sie noch einmal zu zweit dort gewesen. Sie haben das Essen Probe gegessen, aufgeregt und vorfreudig, und der Besitzer führte sie im Garten herum und erklärte, welche Blumen im Mai blühen würden. „Eine Woche später sind in Spanien die Infizierten-Zahlen in die Höhe geschnellt“, sagt Stefan.

Jetzt haben sie ein Wunder vollbracht

Anne, 31, aus Jena und Stefan, 34, aus Dresden haben ihre gemeinsame Reise schon beim Studium an der TU Dresden begonnen. Seit sieben Jahren sind sie zusammen. Seit 2014 leben sie in Berlin, wo sie ihre ersten Jobs gefunden haben.

Jetzt haben sie ein Wunder vollbracht: nach fast einem Jahr minutiöser Planung haben sie es doch noch geschafft, vollkommen spontan zu heiraten. Ihre werktägliche Mittwochshochzeit. Und jetzt Deich und Fischbrötchen. Ebbe und Flut.

Anne will ihr weißes Hochzeitskleid im nächsten Jahr tragen, dann auf Mallorca. „Wir haben ja beides“, sagt Stefan. Jetzt das Spontane, im nächsten Jahr das große Fest. Den professionellen Fotografen. Die Zeremonie für die Familie, der etwas fehlt, wenn die Kinder plötzlich einfach so weggeheiratet sind.

Und nein, unterwegs dächten sie gar nicht dauernd daran, dass sie jetzt eigentlich auf Mallorca wären. Die Realität ist stärker. „Jetzt“, hatte Anne am Samstagmittag nur einmal gesagt, „würden wir heiraten“. Für den Nachmittag war ja die freie Trauung geplant. Auf ihren Telefonen konnten sie sehen, dass es auf Mallorca regnete.

Ihre Hochzeit in Corona-Zeiten fühle sich vollwertig an, sagt Stefan. Überhaupt nicht wie die zweitbeste Lösung. „Viel schlimmer“, sagt Stefan, müsse es jetzt den Paaren gehen, die die ganze Zeit nicht wissen, ob es nicht vielleicht doch klappt, wie viele Gäste denn nun kommen dürfen.

Die sich mit einem Rattenschwanz von 100 Gästen zum Spielball des Föderalismus machen, fürchtend, dass eine zweite Welle in einzelnen Bundesländern alle Lockerungen wieder zurückwirft. Ob sie verpflichtet sind, einen Veranstalter zu bezahlen, auch wenn sie das Fest absagen? Was geschieht mit gebuchten Musikern, angezahlten Brautkleidern und falsch gravierten Ringen?

Ach ja, die Ringe! Sie lachen. Die haben sie gar nicht mehr abgeholt vom Juwelier. Dort ist das falsche Datum eingraviert.

Zur Startseite