Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, spricht vor Mitgliedern seiner Regierungspartei im Parlament. Foto: Burhan Ozbilici/AP/dpa
© Burhan Ozbilici/AP/dpa

Harsche Kritik nach TV-Auftritt Millionen Türken warten auf Impfung – aber Erdogan hat schon die dritte Dosis

Während die Impfkampagne in der Türkei schleppend verläuft, prahlt Erdogan mit seinem Immunschutz. Hat seine Partei zudem unter der Hand Impfstoff verteilt?

Millionen Türken warten auf ihre Corona-Impfung, doch einer hat schon die dritte Dosis erhalten: Präsident Recep Tayyip Erdogan prahlte jetzt bei einem Fernsehauftritt, er sei schon dreimal geimpft worden.

„Nach den drei Impfungen habe ich prüfen lassen, ob meine Antikörper gestiegen sind oder nicht - ich habe 2160, gottseidank“, sagte er und lächelte zufrieden. Viele Türken wollten ihren Augen und Ohren nicht trauen. Der 67-jährige, der seine Karriere auf dem Image eines Mannes aus dem Volk aufgebaut hat, wirkt entrückt von den Menschen des Landes und ihren Sorgen.

Erdogan sprach in einer Live-Sendung des Staatssenders TRT, in der er zahme Fragen von regierungstreuen Journalisten beantwortete. Bei seinem ersten Auftritt ohne Redemanuskript seit einem Jahr zeigte sich der Präsident stolz auf seinen Impfstatus. „Gottlob“, sagte einer der Journalisten – keiner fragte den Präsidenten, wieso er drei Impfungen hat, wo das türkische Impf-System nur zwei Dosen pro Person vorsieht und Millionen noch auf die erste Impfung warten.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Erdogan hatte laut Regierungsangaben Mitte Januar die erste und im Februar die zweite Impfung erhalten; damals war in der Türkei nur das chinesische Präparat Sinovac zugelassen. Inzwischen wird auch der Impfstoff von Biontech-Pfizer verimpft. Der Präsident erwähnte in der Fernsehsendung nicht, welchen Impfstoff er erhalten hat.

Das macht die Opposition misstrauisch. Sie hatte Erdogans Regierungspartei AKP in den vergangenen Monaten vorgeworfen, heimlich Biontech-Impfstoff an ihre Anhänger verteilt zu haben. Beweise dafür gibt es nicht, doch nach Erdogans Mitteilung fühlen sich Regierungsgegner bestätigt: Seine Partei habe von Anfang an gesagt, dass sich die AKP unter der Hand Impfstoff sichere, sagte der Abgeordnete Murat Emir von der Oppositionspartei CHP: „Jetzt zeigt sich, dass wir recht hatten.“

Erst 13 Millionen Türken sind vollständig geimpft

Offiziellen Zahlen zufolge haben Ärzte und Kliniken in der Türkei, einem Land mit rund 80 Millionen Menschen, bisher 30 Millionen Dosen verabreicht, 13 Millionen Menschen sind vollständig geimpft. Zum Vergleich: In Deutschland mit einer ähnlichen Bevölkerungszahl sind es rund 16 Millionen Vollgeimpfte, 37 Millionen haben mindestens eine Dosis erhalten (Stand Freitag, 4.6.). Insgesamt wurden in Deutschland knapp 53 Millionen Impfdosen verabreicht.

Derzeit können in der Türkei die über 50-jährigen einen Termin beantragen, bis Ende des Monats soll die Altersgruppe der 40- bis 50-Jährigen an die Reihe kommen.

Während es für viele Normalbürger nicht einmal die erste Dosis gebe, habe Erdogan schon drei bekommen, kritisierte Engin Özkok, CHP-Fraktionsvize im Parlament von Ankara. Die Abgeordnete Oya Ersoy von der pro-kurdischen Partei HDP will in einer parlamentarischen Anfrage von der Regierung wissen, ob noch andere Politiker eine dritte Dosis erhalten haben.

Kritik kommt auch von Ärzten. Politiker sollten Vorbild sein, sagte Mehmet Ceyhan, Vorsitzender des türkischen Infektologen-Verbandes. Dritte Impfungen gebe es weltweit bisher überhaupt nicht.

Wirtschaft am Boden, ein aufmüpfiger Mafiaboss – Erdogan steht unter Druck

Die Fernsehsendung könnte Erdogans Beliebtheit einen weiteren Schlag versetzt haben. Schon vor dem Auftritt stand er unter Druck: Die Inflation in der Türkei liegt bei knapp 17 Prozent, die Arbeitslosigkeit bei offiziell 13 Prozent und nach Gewerkschaftsangaben beim doppelten Wert. Ein Mafiaboss macht seit Wochen Schlagzeilen mit Enthüllungen über Verbindungen türkischer Politiker zum organisierten Verbrechen.

Erdogan verursachte mit seinem Fernsehinterview auch eine neue Währungskrise. Der Präsident, der in den letzten zwei Jahren drei Zentralbankchefs wegen hoher Leitzinsen gefeuert hat, kritisierte erneut die hohen Zinsen von 19 Prozent und sagte, er habe mit dem derzeitigen Zentralbankchef Sahap Kavsioglu über Zinssenkungen im Juli oder August gesprochen. Dass die Türkei trotz der hohen Inflation bald die Zinsen senken könnte, jagte vielen Investoren einen solchen Schrecken ein, dass die Lira gegenüber Dollar und Euro schlagartig an Wert verlor.

Sogar Tierfreunde stieß der Präsident mit seinem Fernsehauftritt vor den Kopf. Ein Journalist wollte in der TRT-Runde vom Präsidenten wissen, wann mit dem seit langem erwarteten Tierschutzgesetz zu rechnen sei, und erwähnte dabei, dass eines seiner Haustiere kürzlich gestorben sei. „Hast du es umgebracht?“ fragte Erdogan zurück und lachte. Mit dem merkwürdigen Scherz habe der Präsident alle Tierliebhaber geschockt, sagte der Oppositionspolitiker Zeki Hakan Zidali.

Zur Startseite