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Grünen-Parteichef Robert Habeck hat an der gemeinsamen Entscheidung pro Annalena Baerbock zu knabbern. Foto: Imago/Rüdiger Wölk
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Habeck über Verzicht auf Kanzlerkandidatur „Schmerzhaftester Tag in meiner politischen Laufbahn“

Ohne Streit überließ Robert Habeck die erste grüne Kanzlerkandidatur Annalena Baerbock. Nun spricht der Parteichef bemerkenswert offen über seine Gefühle.

In dem Moment, der für Robert Habeck politische Karriere ein entscheidenden Einschnitt bedeutet, zittert ihm leicht die Stimme. "Wir beide wollten es, aber am Ende kann es nur eine machen", sagt er am Montag in der Schöneberger Malzfabrik. "Heute ist der Moment zu sagen, dass die erste grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock sein wird."

Bevor er ihren Namen ausspricht stockt er kurz. Auch wenn er den Auftritt vorher geübt haben dürfte, fällt er ihm sichtbar nicht leicht. Er überlässt seiner Co-Parteichefin die Bühne und die Kanzlerkandidatur. Sie, die 40-Jährige, hat die Chance Kanzlerin zu werden. Er, der 51-Jährige, hat sie mit diesem Moment nicht mehr. Näher wird er einer Kanzlerkandidatur wohl nicht mehr kommen.

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Wie schwer dem Grünen-Parteichef dieser Schritt gefallen ist, darüber hat Habeck bereits zwei Stunden später in einem Interview mit der "Zeit" gesprochen. Zwei Tage später wurde es nun veröffentlicht und gewährt einen bemerkenswert offenen Einblick ins Gefühlsleben von Habeck.

"Nichts wollte ich mehr, als dieser Republik als Kanzler zu dienen. Und das werde ich nach diesem Wahlkampf nicht", sagte Habeck in dem Gespräch. Er sei nicht in der Position, auf die er hingearbeitet habe. "Insofern ist das heute der schmerzhafteste Tag in meiner politischen Laufbahn. Oder sagen wir lieber: der schwerste."

Er räumt zudem ein, dass die Entscheidung Auswirkung auf das Rollenverständnis zwischen ihm und Baerbock haben werde. "Es ist ein Moment, der die Dinge neu formatiert. Wie das wird, ist noch nicht ganz klar. Ich will mich voll in den Wahlkampf einbringen", sagte er. Konkret deutete er seine Rolle als Redner im Wahlkampf und als Verhandler in Koalitionsgesprächen an. Darin habe er bereits aus seiner Zeit als Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein Erfahrung.

An einen Rückzug habe er nicht gedacht

Gemeinsam führen die beiden seit gut drei Jahren die Grünen. Zu Beginn hatte Habeck deutlich im Fokus gestanden, seine Umfragewerte lagen weit vor denen Baerbocks. "Meine Arbeit als Minister spielte in dem Moment keine Rolle mehr, in dem ich in Berlin aufgetreten bin. Ich wurde auf einmal über Äußerlichkeiten beschrieben und nicht über meine Leistungsbilanz und Erfahrung." Das habe ihn genervt und sei irritierend gewesen. "Bei Frauen würde man das sexistische Zuschreibung nennen."

Zu den Gründen, warum sich die beiden Vorsitzenden auf Baerbock geeinigt hätten, hielt er sich zurück. Man habe Vertraulichkeit vereinbart. Aber: "Dass Annalena eine Frau ist in einem ansonsten männlichen Wahlkampf, war ein zentrales Kriterium."

[Lesen Sie bei Tagesspiegel Plus: Auf dem Weg ins Kanzleramt? So schaffte es Annalena Baerbock aus dem Schatten von Robert Habeck]

An eine Rückzug aus der Politik habe er deshalb aber nicht gedacht, versicherte Habeck. Er wolle in einem Jahr Teil der Bundesregierung sein, sagte er. Konkrete Forderung an Baerbock oder seine Partei richtete er aber nicht.

Bei Spitzengrünen geht jedoch die Sorge um, dass Habeck mit der neuen Rolle fremdeln könnte. "Das ist für ihn eine schwierige Situation", sagt eine, die ihn gut kennt. Habeck sei wichtig im Wahlkampf, die Geschlossenheit der vergangenen Monaten hätten die Grünen erst so erfolgreich gemacht. Nur mit Habeck gemeinsam werde man ein starkes Ergebnis holen.

Werner Kiwitt traut Habeck in der kommenden Regierung jedes Ministerium zu, sieht aber vor allem bei den Themen Finanzen und Energie seine größten Stärken. Kiwitt kennt Habeck bereits seit seinem ersten Tag in der Partei.

"Er kann richtig zuhören." Robert Habeck in seiner Heimat. Foto: imago / Willi Schewski Vergrößern
"Er kann richtig zuhören." Robert Habeck in seiner Heimat. © imago / Willi Schewski

Als dieser 2002 bei einem Kreismitgliederabend in einem Landgasthof bei den Grünen eintrat, war Kiwitt vor Ort. "Ich war erst skeptisch, ob er als Philosoph wirklich Lust auf die Mühlen der Parteibasis hat. Aber ich habe an diesem Abend gleich gemerkt, dass er richtig zuhört und eine extreme Erdung hat", sagt Kiwitt.

Aus der Ferne hat der Geschäftsführer einer Jugend- und Erwachsenenbildungsstätte mit Fokus auf Nachhaltigkeit in den vergangenen Jahren Habecks Aufstieg beobachtet. Zuletzt miteinander gesprochen haben sie aber erst am Wochenende als Habeck als Grüner-Direktkandidat im Wahlkreis 1 bei Flensburg gewählt worden war.

Kiwitt sieht in der Entscheidung für Baerbock keinen Makel für Habeck. "Er steckt das auf jeden Fall weg. Er hat viel Anerkennung dafür erhalten." Baerbock sei auch taktischen Gründen die richtige Wahl als Kanzlerkandidatur. Aber auf Habeck dürften die Grünen deshalb nicht verzichten. "Die Erfolgsgeschichte der Grünen ist auch seine Erfolgsgeschichte"

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