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Die 1977 entführte Lufthansa-Maschine bei einem Zwischenstopp in Dubai. Foto: picture alliance / AP
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Grütters gegen Friedrichshafen Die „Landshut“-Odyssee geht weiter - und endet in Hangelar?

Eigentlich sollte die von Terroristen entführte „Landshut“ für 15 Millionen Euro in Friedrichshafen ausgestellt werden. Doch der Bund hat andere Ideen.

Die Irrungen und Wirrungen um die "Landshut" nehmen inzwischen Ausmaße an, die an ihren Irrflug 1977 erinnern. Vergangene Woche schien nach einer überraschenden Einigung im Bundestags-Haushaltsausschuss eine 15 Millionen Euro teure Lösung mit einer Ausstellung in Friedrichshafen gefunden - aber glücklich macht sie kaum jemanden.

Und ob es dazu kommt, ist nun wieder mehr als fraglich. Die bisher für das Projekt zuständige Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat sich jetzt klar gegen die Realisierung in Friedrichshafen ausgesprochen.

Denn nachdem sich der bisherige Chef David Dornier mit dem dortigen Dorniermuseum überworfen hat und das Projekt mit den bewilligten 15 Millionen Euro zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung umsetzen will, äußert Grütters deutliche Zweifel an Dorniers Plan, weil dessen Konzepte das Kanzleramt nicht überzeugen. „Eine Entscheidung für Friedrichshafen wäre nach unseren mühsamen Erfahrungen dort bizarr“, sagte Grütters dem „Spiegel“. „Es gibt in der Bundesregierung niemanden, der den Akteuren dort zutraut, so ein wichtiges Projekt auf Dauer zu stemmen." Sie brachte stattdessen als neue Variante den Sitz der Bundespolizeidirektion in Sankt Augustin-Hangelar in Nordrhein-Westfalen ins Spiel, dort befindet sich das Hauptquartier der GSG9, die die Geiseln damals in Mogadischu befreit hatte.

„Wir prüfen Hangelar als Standort“, sagte Grütters. Es sei auch eine "dezentrale Lösung" denkbar. "Die Landshut könnte in Teilen an verschiedenen Orten ausgestellt werden. Das würde ihre Sichtbarkeit und die Erinnerung an die Opfer bundesweit sogar verstärken."

Oder doch Tempelhof?

Und so ist das letzte Kapitel noch längst nicht geschrieben. Gabriele von Lutzau, die damals im Deutschen Herbst 1977 als Stewardess die Flugzeugentführung durch ein palästinensisches Terrorkommando durchlitten hat, hätte am liebsten eine Ausstellung als begehbarer Ort der Erinnerung, neben Rosinenbombern, auf dem früheren Flughafen Berlin-Tempelhof. Es sei eine vertane Chance, sagt sie, gerade für Schülergruppen, die Berlin besuchen, wäre Tempelhof als Museumsmeile ein großartiges Konzept.

Die entscheidende Sitzung des Haushaltsausschusses des Bundestags am 26. November hatte etwas von dem Drama, das den Streit um die frühere Lufthansa-Maschine seit drei Jahren begleitet. Um 1:30 Uhr nachts sei in der Nacht zu Freitag sogar Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) kontaktiert worden, berichtet einer, der seit Jahren für eine Lösung kämpft.

Es ging in der Sitzung auch um die Frage, ob die „Landshut“ auf Wunsch der CSU nicht in Bayern ausgestellt wird, am Flughafen München oder auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck, wo es bereits eine Erinnerungsstätte an das Olympia-Attentat 1972 gibt, als palästinensische Terroristen elf  israelische Sportlern und einem Polizisten töteten. Andere brachten Potsdam ins Spiel, wo der Hauptsitz der Bundespolizei ist. Als Konsequenz aus der missglückten Geiselbefreiung 1972 war die GSG9 (Grenzschutzgruppe 9) als Sondereinheit der Bundespolizei gegründet worden, die dann am 18. September 1977 die knapp 90 Passagiere und die Besatzungsmitglieder der auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt entführten und nach Stationen in Rom, Dubai und Aden im somalischen Mogadischu gelandeten Maschine befreien konnte.

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Seit drei Jahren liegt die frühere Lufthansa-Maschine in Friedrichshafen. Foto: dpa Vergrößern
Seit drei Jahren liegt die frühere Lufthansa-Maschine in Friedrichshafen. © dpa

15 Millionen für das Landshut-Museum

Letztlich landete man aber doch wieder bei Friedrichshafen, wo die auseinandergebaute Boeing 737-200 seit drei Jahren in einem Hangar liegt, sie war zuletzt in Brasilien im Einsatz und von dort an den Bodensee transportiert worden. 15 Millionen Euro wurden in der Sitzung, wo wegen Corona eine Neuverschuldung des Bundes von 180 Milliarden Euro für 2021 beschlossen wurden, für das „Landshut“-Projekt gebilligt. Grütters wurde quasi überrumpelt, vor allem von dem aus Baden-Württemberg stammenden stellvertretenden Vorsitzenden des Ausschusses, Martin Gerster (SPD). Der teilte den Beschluss mit, zudem wurde das Projekt nun in die Obhut des Bundesinnenministers Seehofer gegeben. 2,5 Millionen sind für die Restaurierung des Flugzeugs, vier Millionen für den Bau eines Hangar-Gebäudes und dessen technischer Ausstattung sowie eine Million für ein pädagogisches Konzept bewilligt worden. „Damit schaffen wir eine würdige Heimat für diesen Zeitzeugen deutscher Innenpolitik“, betont Gerster. Die andere Hälfte von 7,5 Millionen Euro diene als 10-jähriger Betriebs­kostenzuschuss. „Damit ist auch die Auflage verbunden, die Eintrittspreise des Museums bei 5 Euro pro Person zu deckeln.“ Nach Angaben von Martin Rupps, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat „Landshut“ soll vor allem die Bundeszentrale für politische Bildung das Ganze steuern, es solle eine Mischung aus Bildungseinrichtung und Erinnerungsort entstehen – durch Seminare und Bildungsreisen sollen viele Schüler sich hier mit dieser Geschichte auseinandersetzen.

Der Dornier-Krach

Das Problem dabei: Das Dornier-Museum ist einer veritablen Krise. Im September schmiss der Enkel des Flugzeugbauers Claude Dornier, David Dornier, als Museumsdirektor und Vorsitzender der Dornier-Stiftung für Luft- und Raumfahrt hin.

Und ein Sprecher des Museums macht klar, dass man mit der „Landshut“ nichts mehr zu tun habe. So werden nun also David Dornier 15 Millionen für ein Projekt zugesagt, das er als Privatmann realisieren will.

Dabei hatte der Bund vor einigen Monaten wegen zunehmender Zweifel die Option Friedrichshafen schon für erledigt erklärt. Noch am 16. November erklärte das Bundespresseamt: "Nachdem die Ausstellung der „Landshut" am ursprünglich vorgesehenen Standort im Dornier-Museum in Friedrichshafen mit Blick auf den ungesicherten Fortbestand des Museums nicht in Betracht kommt, prüft die Bundesregierung alternative Standortoptionen." Die Ausstellung ist auch im Koalitionsvertrag von Union und SPD fest vereinbart worden.

Auch eine Realisierung am Standort Tempelhof wurde laut Bundesregierung geprüft. Zentrale Voraussetzung wäre aber, dass das Land Berlin als Eigentümer des ehemaligen Flughafens Tempelhof einer entsprechenden Nutzung zustimme und das noch entsprechend zu sanierende Areal zur Verfügung stelle. "Diese Voraussetzungen liegen bisher und auf absehbare Zeit nicht vor, insbesondere in Ermangelung eines verbindlichen Nutzungskonzepts sowie aufgrund des immensen Sanierungsaufwandes von Gebäuden und Gelände."  Grütters rechnet mit bis zu 15 Jahren Dauer.

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Die frühere Lufthansa-Maschine "Landshut" 2016 flugunfähig auf dem Flughafen in Fortaleza. Foto: dpa Vergrößern
Die frühere Lufthansa-Maschine "Landshut" 2016 flugunfähig auf dem Flughafen in Fortaleza. © dpa

Gestrandet in Fortaleza

Dabei waren so große Hoffnungen mit der Rückholung verbunden. Nach mehreren Eigentümerwechseln war das Flugzeug in Brasilien 2008 ausrangiert worden und verwitterte auf einem Flugzeugfriedhof in Fortaleza. Bei einem Besuch 2017 zeigte der Chef der Feuerwehr des Flughafens stolz auf seinem Handy Bilder von der damaligen „Landshut“, ja von Seiten der Deutschen Botschaft gebe es Versuche, die Maschine, die zuletzt als Frachtflugzeug im Einsatz war, zu kaufen. Ursprünglich war nur angedacht, die Tür und das Leitwerk zu kaufen.

Schließlich nahm sich der damalige Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) der Sache an. Das Ganze wurde zu einer teuren Operation, Experten der Lufthansa Technik demontierten in Fortaleza wochenlang die für den Schrottwert von rund 20.000 Euro gekaufte Maschine, zwei riesige russische Transportmaschinen brachten Rumpf, Flügel, Fahrwerk und den Rest des Fliegers nach Friedrichshafen.

Denn ursprünglich sollte die Dornier Stiftung für Luft- und Raumfahrt mit Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur, Monika Grütters, die Ausstellung zum Herbst 1977 und zur Auseinandersetzung mit dem RAF-Terror erarbeiten – das palästinensische Kommando wollte damals die inhaftierten RAF-Terroristen um Andreas Baader und Gudrun Ensslin in Stuttgart-.Stammheim freipressen.

Grütters wollte die "Landshut" nach Gatow bringen 

Weil Geld fehlte und das Dornier-Projekt nicht vorankam, favorisierte Grütters schließlich das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Gatow bei Berlin – doch die „Landshut“ war ein ziviles Flugzeug und Gatow ist vom Zentrum weit weg. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Till Mansmann trieb daher bis zuletzt mit der damaligen Stewardess von Lutzau die Variante Berlin-Tempelhof voran. Jedes Jahr reisen zehntausende Bürger mit Bussen auf Einladung von Abgeordneten nach Berlin, Mansmann sah große Möglichkeiten, um neben Bundestag und Brandenburger Tor noch einen Besuch der „Landshut“ zu ermöglichen. „Die Kulisse in Tempelhof wäre einmalig für so einen Lernort über den Deutschen Herbst.“ Und könne viel mehr Besucher erreichen. „Aber das Land Berlin ist politisch träge und offensichtlich in der Frage des Gedenkens an Opfer linken Terrors unwillig - das ist in Friedrichshafen anders.“

 "Nicht der beste Standort"

Gabriel ist auch nicht richtig zufrieden. „Friedrichshafen ist sicher nicht der beste Standort, aber eben der einzige, der sich angeboten hat“. Gemeinsam mit dem inzwischen verstorbenen Hans-Jochen Vogel habe er immer München präferiert, sagt rückblickend Gabriel auf Anfrage des Tagesspiegels.

„Die terroristischen Anschläge auf die olympischen Spiele 1972, der Lufthansa-Standort und auch die hohe Besucherzahl: alles sprach für München. Leider hat der Münchener Flughafen abgelehnt und das Land Bayern war nicht interessiert zu helfen.“ Das sei bitter, „denn die Landshut steht für die erste große Bewährungsprobe der jungen westdeutschen Demokratie.“

Gabriele von Lutzau, ehemalige Stewardess in der "Landshut" hätte eine Ausstellung in Berlin-Tempelhof bevorzugt. Foto: picture alliance / Karl-Josef Hi Vergrößern
Gabriele von Lutzau, ehemalige Stewardess in der "Landshut" hätte eine Ausstellung in Berlin-Tempelhof bevorzugt. © picture alliance / Karl-Josef Hi

Und der Mut der Besatzung und der Passagiere stehe für die Standhaftigkeit dieser jungen Demokratie, bei der leider unschuldige Opfer zu beklagen waren, wie der in Aden erschossene Landshut-Chef-Kapitän Jürgen Schumann. Gabriel war die Sache auch ein Anliegen, weil mit Hans-Jürgen Wischnewski und Helmut Schmidt zwei SPD-Politiker entscheidend dazu beitrugen, dem Terror im Deutschen Herbst die Stirn zu bieten.

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Aber nach der erneuten Wende in dieser Geschichte setzt die damalige Stewardess von Lutzau darauf, dass sie möglichst bald nochmal ihr altes Flugzeug betreten kann. "Wenn die Schwaben etwas bauen, geht das zack zack. Wäre die politische Entscheidung des Bundestages und des Kanzleramts auf Berlin gefallen - wer weiß, ob ich die Eröffnung noch erlebt hätte."

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