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Der Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Kellner, freut sich über die Zuwächse für seine Partei. Foto: Guido Kirchner/dpa
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Exklusiv Grüne mit so viel Mitgliedern wie noch nie „Wir sind immer noch der Underdog“

Auch im Corona-Jahr gewinnen die Grünen kräftig Mitglieder. Geschäftsführer Michael Kellner über steigende Einnahmen und den Wunsch nach mehr Diversität.

Herr Kellner, 2020 haben die Grünen erstmals die Marke von 100.000 Mitgliedern überschritten. Sind Sie jetzt Volkspartei?
Es ist sensationell, dass wir trotz Corona gewachsen sind. Wir hatten jetzt drei super erfolgreiche Jahre. Damit wachsen wir als Bündnispartei immer weiter. Von Aktivisten, über Unternehmerinnen bis hin zu Gewerkschaftlern sind bei uns alle eingeladen, um Ungleichheiten in der Gesellschaft zu verringern, voranzugehen für ein starkes Europa und den Kampf gegen die Klimakrise und gegen das Artensterben anzutreiben. Alle sollen mitmachen können. Wir setzen auf klare Haltung, anstatt auf das verstaubte Konzept der Volkspartei, das keine Ecken und Kanten zulässt.

Aber schließen sich die Menschen Ihrer Partei nicht an, eben weil sie inzwischen weniger kantig auftritt?
Im Gegenteil, es gibt einen Wunsch nach Klarheit. Wir sind 2019 um mehr als elf Prozent gewachsen und haben nun 107.307 Mitglieder. Das ist ein sensationeller Erfolg in einem Jahr, in dem alle im Lockdown sind. Besonders freut mich, dass der Frauenanteil weiter steigt. 45 Prozent der Neumitglieder sind weiblich, damit liegt der Frauenanteil bei 41,7 Prozent. Besonders erfolgreich sind wir in Berlin mit einem Wachstum von mehr als 15 Prozent. Wir spüren hier bereits das Super-Wahljahr – im Herbst wählen wir nicht nur den nächsten Bundestag, sondern wollen mit Bettina Jarasch in Berlin auch die Regierende Bürgermeisterin stellen. Wir wachsen aber überall, alle Landesverbände werden größer, von Ost bis West, von Nord bis Süd.

Sie wachsen aber nicht überall gleich stark: In Ostdeutschland, wo 2021 drei Landtagswahlen stattfinden, gibt es prozentual das geringste Wachstum. Bleiben die Grüne eine Westpartei?
Nein, gar nicht. Prozentual sind wir in den letzten Jahren sogar insgesamt in Ostdeutschland stärker gewachsen. Das ist ein großer Erfolg. Das ist für uns ein ermutigendes Zeichen – gerade mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Was motiviert die Menschen, die sich mitten in der Pandemie einer Partei anzuschließen?
Corona ist eine riesige Herausforderung und fordert unsere gesamte Solidarität. Nur gemeinsam können wir diese Pandemie bekämpfen. Gleichzeitig verschwindet die Klimakrise nicht. Die Gesellschaft ist viel weiter als die Politik der Großen Koalition, daher engagieren sich so viele bei uns. Die Leute wollen anpacken und mithelfen. Und auch die Angriffe auf die Demokratie, die es in den vergangenen Jahren immer wieder gab, haben viele Menschen motiviert, sich bei uns einzubringen. Für uns ist das wichtiger Rückenwind für die anstehenden Wahlkämpfe.

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Wie entwickelt sich der Anteil der Mitglieder mit Migrationshintergrund?
Ein neues Parteimitglied als erstes nach seiner Migrationsgeschichte zu fragen, könnte übergriffig wirken, deswegen fragen wir das nicht ab. Doch auch hier ist bei Neumitgliedertreffen Veränderung sichtbar. Und auch bei wichtigen Listenplätzen sehen wir zunehmende Vielfalt. Auf der hessischen Landesliste für den Bundestag haben vier von den ersten zwölf Kandidierenden Migrationsgeschichte.
Während in der Bevölkerung jeder Vierte einen Migrationshintergrund hat, sind es in der Grünen-Fraktion nur 15 Prozent. Auch der Bundesvorstand ist weiß. Sehen Sie keinen Nachholbedarf?
Natürlich wollen wir mehr und deswegen haben wir als erste Partei ein Vielfaltsstaut verabschiedet Wir wollen als Partei die Vielfalt der Gesellschaft wiederspiegeln. Wir waren mit die ersten, die Menschen mit Migrationsgeschichte in den Bundestag gebracht hat. Zudem hatten wir mit Cem Özdemir über viele Jahre einen Parteivorsitzenden mit Migrationshintergrund.

Cem Özdemir war in Deutschland der erste Parteichef mit Migrationshintergrund. Foto: imago images/Sven Simon Vergrößern
Cem Özdemir war in Deutschland der erste Parteichef mit Migrationshintergrund. © imago images/Sven Simon

Özdemir sagte unlängst, dass man eine Willkommenskultur auch für Neumitglieder brauche, deren Kinder nicht auf dieselben Schulen gehen wie die eigenen.

Klar, das ist unser Anspruch. Jeder und jede bekommt ein Willkommenspaket, man wird digital eingeladen und kann einen schnellen Online-Kurs über die Partei absolvieren. Ich erlebe viele engagierte Grüne, die Neumitglieder jetzt auch digital willkommen heißen – damit haben viele Landesverbände gute Erfahrungen gemacht, weil sie so viel leichter die Neuen erreichen.

Mit den Mitgliedszahlen steigen auch Ihre Einnahmen. Wie wird sich das im Wahlkampf konkret bemerkbar machen?
Wir sind immer noch der Underdog und haben viel weniger Geld als Union und SPD. Für jeden Euro, den wir ausgeben, haben Union und SPD mindestens zwei. Aber es macht einen Unterschied, ob wir mit etwas mehr als 60.000 Mitgliedern in einen Wahlkampf ziehen oder jetzt mit mehr als 100.000. Denn was uns an Geld fehlt, gleichen wir mit Engagement aus. Zudem haben wir mit den zusätzlichen Beiträgen bereits vor Corona die Partei digitalisiert, unter anderem durch die Weiterentwicklung der Mitglieder-App.

Unlängst haben die Grünen eine Rekordspende in Höhe von 500.000 Euro für den Wahlkampf erhalten. War Ihre Partei nicht mal für eine Deckelung solcher Spenden?
Wir sind immer noch dafür, Spenden zu deckeln. Hier pochen wir weiter auf eine klare gesetzliche Regelungen. Doch solange es diese nicht gibt, wollen wir uns im politischen Wettbewerb nicht schlechter stellen als die politische Konkurrenz, denn Regeln müssen für alle gelten. Und wir setzen auf Transparenz, wo das Geld herkommt: Der Spender ist Grünen-Mitglied und hat auch Extinction Rebellion und das Zentrum für politische Schönheit unterstützt. Er steht für grüne Themen.

2019 – im Jahr der Europawahl – haben die Grünen laut dem jüngsten Rechnungsbericht fast zehn Millionen Euro Gewinn gemacht. Für was brauchen Sie überhaupt Spenden?
Rund zehn Prozent unserer Einnahmen kommen aus Spenden. Ganz viele Menschen spenden uns kleinere Summen und engagieren sich auch so für unsere Ziele, darüber bin ich sehr dankbar. Unser Vermögen ist unsere Immobilie und die angesparten Rücklagen der Kreisverbände. Allein die Medienbeteiligungen und der Immobilienbesitz der SPD sind um ein Vielfaches höher. Mir geht’s um gleiche Bedingungen für alle, gerne würden wir Parteispenden deckeln und Medienbeteiligung von Parteien unterbinden.

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