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Der britische Premier Boris Johnson wurde vor dem Abzug der USA aus Afghanistan nicht konsultiert. Foto: Daniel Leal-Olivas/AFP
© Daniel Leal-Olivas/AFP

Großbritannien nach dem Afghanistan-Abzug Der Brexit führt in die außenpolitische Sackgasse

Die britische Politik erlebt gerade ihren „Trudering-Moment“: Das Afghanistan-Debakel zeigt, wie fragil das Verhältnis zu den USA ist. Ein Kommentar.

In der Theorie hörte es sich ganz großartig an. Großbritannien, so versprach es Premierminister Boris Johnson seinen Landsleuten, werde nach dem Brexit zu einem „Global Britain“ aufsteigen und fortan aus eigener Kraft die Weltpolitik entscheidend mitgestalten. Der Abzug der USA aus Afghanistan hat aber gezeigt, dass Großbritannien nicht in der Lage ist, auf eigene Faust Außen- und Sicherheitspolitik zu betreiben. Die Briten waren seinerzeit gemeinsam mit den USA in Afghanistan eingerückt, und gemeinsam mit den Amerikanern mussten sie auch wieder abziehen.

Johnson rühmte sich zwar, dass es mit der „größten und schnellsten Notevakuierung in der jüngeren Geschichte“ während des britischen Airlift gelungen sei, 15.000 Menschen aus Kabul auszufliegen und 36 andere Nationen bei der Luftbrücke zu unterstützen. Das kann aber nicht über die Abhängigkeit Großbritanniens von den USA hinwegtäuschen. Als die letzten US-Soldaten aus Kabul ausgeflogen wurden, mussten auch die Briten ihren Einsatz beenden.

Die britische Außenpolitik erlebt gerade ihren „Trudering-Moment“. Zur Erinnerung: In einem bayerischen Bierzelt erklärte Kanzlerin Angela Merkel 2017 mit Blick auf den damaligen US-Präsidenten Donald Trump: „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei.“

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Nun kommt zwar der amerikanische Abzug aus Afghanistan, den Trump in die Wege leitete und sein Nachfolger Joe Biden vollzog, alles andere als überraschend. Aber gerade für viele Mitglieder der konservativen britischen Regierungspartei bedeuten die Umstände des blitzartigen Rückzugs eine persönliche Kränkung – gilt doch gerade bei ihnen die „Special Relationship“ zu den USA als eine Art Heiliger Gral.

Harte Landung auf dem Boden der Realität

Die Landung auf dem Boden der Realität ist für Johnson und die Brexit-Fans in Großbritannien doppelt schmerzhaft. Schließlich führt Großbritannien gerade den Vorsitz im Club der sieben wichtigsten westlichen Industrienationen, der G7. Dies führt in London zur Illusion, dass sich Großbritannien und die USA halbwegs auf Augenhöhe befänden. Im vergangenen Juni jubelte Johnson beim G-7-Gipfel in Cornwall noch darüber, dass die USA und Großbritannien in vielen Bereichen eine gemeinsame Agenda hätten. Es gebe „frischen Wind“, freute sich Johnson.

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Doch das Afghanistan-Debakel zeigt nun, wie brüchig die Verbindung zwischen London und Washington in Wirklichkeit ist. Biden verzichtete darauf, sich mit der Regierung in London über den Abzug zu beraten. Während afghanische Ortskräfte verzweifelt einen der Plätze in den Flugzeugen auf dem Kabuler Flughafen zu ergattern versuchten, trommelte der britische Premier die G-7-Chefs zu einem Videogipfel zusammen. Am Tempo des amerikanischen Abzugs änderte dies nichts.

Das Debakel könnte zur Annäherung zwischen EU und London führen

In dieser Situation wäre der Hausherr in der Londoner Downing Street gut beraten, sich in der Außen- und Sicherheitspolitik nach neuen Partnern umzusehen – und zwar dort, wo die militärische Abhängigkeit von den USA genauso schmerzlich wahrgenommen wird wie in Großbritannien: in der Europäischen Union. Ähnlich wie auf der Insel hat bei jenen EU-Staaten, die wie Deutschland bis zuletzt eine militärische Präsenz am Hindukusch aufrecht erhielten, der überstürzte Rückzug der Amerikaner wie ein Schock gewirkt.

Auch für die EU ist es ein böses Erwachen

Auch für die EU ist es ein böses Erwachen: Das bequeme Dasein im Schatten des Weltpolizisten USA ist endgültig vorbei. Die Krisen vor der eigenen Haustür muss die EU spätestens jetzt alleine bewältigen.

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Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hat jüngst klar gemacht, dass derartige Überlegungen das feste Bündnis zu den USA innerhalb der Nato keineswegs aufweichen müssen. Es war allein die Nato unter der Führung der USA, die den jahrzehntelangen Einsatz in Afghanistan schultern konnte. Die Europäer wären gar nicht in der Lage gewesen, den Kabuler Flughafen eigenständig zu sichern.

Europäer und USA könnten künftig unterschiedliche Interessen haben

Aber gerade die Bilder aus Kabul sollten der EU nahebringen, wie notwendig es ist, militärische Fähigkeiten weiter auszubauen. Schließlich – und das prognostiziert auch Kramp-Karrenbauer – ist es keineswegs ausgemacht, dass die strategischen Interessen der USA und der Europäer künftig immer deckungsgleich sind.

Wenn sie den europäischen Pfeiler innerhalb der Nato wirklich wirkungsvoll stärken wollen, können die EU-Staaten dabei nicht auf Großbritannien verzichten. Ob dieser Gedanke ausgerechnet jenem Premierminister einleuchtet, der alles daransetzte, sein Land aus der EU herauszuführen?

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