Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Labour-Chef Jeremy Corbyn. Foto: Russell Cheyne/REUTERS
© Russell Cheyne/REUTERS

Großbritannien An Corbyn klebt der Vorwurf des Antisemitismus

Der Labour-Chef gilt als harscher Kritiker Israels. Das wird zunehmend zum Problem für Jeremy Corbyn – und für seine Partei.

Bilder können einen verfolgen. Das weiß jetzt auch Jeremy Corbyn. Vor einigen Tagen veröffentlichte die Zeitung „Daily Mail“ Fotos, die den Chef der britischen Labour-Partei 2014 einer Gedenkveranstaltung in Tunesien zeigen. Damals half er dabei, einen Kranz auf einen Grabstein zu legen. Der Zeitung zufolge wurden damit Terroristen geehrt, die 1972 das Münchener Olympia-Attentat verübten und dabei israelische Athleten ermordeten. Labourvertreter bestritten zwar vehement, dass Corbyn der Terroristen gedacht habe. In dieser Woche tauchte dann ein Video auf, in dem der heute 60-Jährige im Jahr 2013 behauptet haben soll, „Zionisten“ würden die englische Ironie nicht verstehen, obwohl sie doch ihr ganzes Leben schon in England wohnten. Schon wieder, so heißt es bei Kritikern, habe der Parteichef gezeigt, dass ihm antiisraelische, antisemitische Ressentiments nicht fremd sind.

Es ist ein Vorwurf, den der Chef der britischen Opposition einfach nicht loswird – und wohl auch ein Grund dafür, dass Labour trotz einer schwachen und chaotischen Regierung nur wenige Punkte in Umfragen vor den Konservativen liegt. Im Juli attestierte die jüdische Labour-Abgeordnete Margaret Hodge ihrem Parteichef sogar, er sei ein Rassist und ein Antisemit. Kurz danach veröffentlichten drei jüdische Zeitungen einen gemeinsam formulierten Leitartikel, in dem sie Corbyn als eine „existenzielle Bedrohung für das jüdische Leben in Großbritannien“ bezeichneten.

Corbyn polarisiert und teilt aus

Corbyn war schon immer eine umstrittene Figur. Einer, der polarisiert und austeilt. Nachdem er 2015 überraschend zum Parteichef gewählt wurde, hat er Labour umgekrempelt, den lange ignorierten linken Flügel zum ideologischen Taktgeber in der Partei gemacht. Seine Unterstützer sehen in ihm einen authentischen Politiker, der seinen Prinzipien treu bleibt. So hatte sich Corbyn als rebellischer Hinterbänkler jahrelang für pro-palästinensische Bewegungen eingesetzt. Er war ein harscher Kritiker Israels – und ist es bis heute geblieben. Aber erst in seiner Funktion als Parteichef ist das zu einem großen Problem geworden.

Der linke Labour-Flügel hatte schon immer ein schwieriges Verhältnis zum Thema Israel. Auch Corbyn wurde beim Amtsantritt von seiner Vergangenheit eingeholt. Damals tauchte ein Video auf, in dem er terroristische Gruppen wie Hisbollah und Hamas als „Freunde“ bezeichnete. „Es gibt einen sehr schmalen Grat zwischen der Unterstützung pro-palästinensischer Gruppen und Antisemitismus,“ sagte die jüdische Labour-Abgeordnete Margaret Hodge bei „Sky News“: „Jeremy hat diese Linie überschritten.“

Ein schwerer Vorwurf. In Corbyns Partei ist diese Linie mittlerweile tatsächlich zumindest unklar. Im Juli änderte Labour zwar in seinen Statuten die Definition von Antisemitismus. Die weitgehend anerkannte Beschreibung der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) wurde dabei aber in Teilen modifiziert. Seitdem gilt es bei Labour nicht mehr als antisemitisch, den Staat Israel als „rassistisches Unterfangen“ zu beschreiben, oder einem britischen Juden vorzuwerfen, eine höhere Loyalität gegenüber Israel zu empfinden als gegenüber dem Vereinigten Königreich. Letzteres gilt als klassische judenfeindliche Verschwörungstheorie.

Die Empörung war dementsprechend groß. Corbyn gab in einem Gastbeitrag im britischen „Guardian“ zu, dass der Antisemitismus „ein Dauerproblem“ bei Labour sei, und dass die Partei nicht früh genug auf kritische Stimmen aus der jüdischen Gemeinschaft gehört habe. „Wir hätten uns eine Menge Ärger ersparen können, wenn er solche Sachen viel früher gesagt hätte,“ betont Steven Saxby. Der Labour-Kandidat für den umkämpften Wahlkreis Westminster ist zwar ein eingefleischter Linker, der 2015 wegen Corbyn in die Partei eingetreten ist, aber sogar er findet, dass Corbyn sich oft nicht entschieden genug von Antisemitismus distanziert habe. „Einige Aussagen von Jeremy habe ich als peinlich empfunden,“ sagt Saxby dem Tagesspiegel. „Wenn du Antisemitismus-Vorwürfe konterst, indem du lediglich behauptest, Rassismus aller Art abzulehnen, dann ist das nicht hilfreich.“

Die Antisemitismus-Debatte könnte Labour Wähler kosten

Auch auf antisemitische Vorfälle in seiner Partei reagierte Corbyn oft fragwürdig. 2016 tauchten alte Tweets der Abgeordneten Naz Shah auf, in denen sie die Umsiedlung Israels in die USA vorschlug. Der frühere Londoner Bürgermeister Ken Livingstone verteidigte Shah, indem er behauptete, Adolf Hitler sei 1932 noch ein Zionist gewesen. Corbyn verurteilte zwar beide Aussagen, hinterließ bei vielen jedoch den Eindruck, dass er das Problem unterschätzt. Als fast alle den Ausschluss Livingstones aus der Partei forderten, gab sich Corbyn zunächst mit einer Suspendierung zufrieden. Im April berichtete der Labour-Abgeordnete John Mann, seine Familie sei von linken Aktivisten bedroht worden, nachdem er den Vorsitz des parlamentarischen Antisemitismus-Ausschusses angenommen hatte. Seiner Frau habe man mit Vergewaltigung gedroht, „marxistische Labour-Antisemiten“ hätte ihr einem toten Vogel per Post geschickt.

Die Antisemitismus-Debatte könnte Labour-Beobachtern zufolge sehr wohl Wähler kosten. Die Partei versteht sich zwar als politische Heimat der jüdischen Gemeinschaft, und Corbyn hat erklärt, er wolle das Vertrauen der britischen Juden wieder gewinnen. Auch gibt es jüdische Gruppen, die zu ihm halten. Doch viele haben das Vertrauen verloren. Zuletzt boykottierte die Jewish Labour Movement eine geplante Gesprächsrunde mit der Parteiführung. Anfang August nahmen Hunderte britische Juden an einer Kundgebung teil. Ihr Protestruf war eine Anspielung auf den Labour-Wahlkampfslogan: Aus „For the many, not the few“ wurde „For the many, not the Jew.“

Zur Startseite