Bundeskanzlerin Angela Merkel versucht es, doch scheitert am föderalen System. Foto: dpa
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Gockelspiele in der Coronarunde Langsam kann man verstehen, warum Merkel keine Lust mehr hat

Hatice Akyün

Die Kanzlerin versucht es sachlich, die Länderchefs spreizen und zieren sich. Am liebsten möchte man das föderale System auf den Mond schießen. Eine Kolumne.

Auf Twitter schrieb jemand: „Merkel sollte Backpfeifen verteilen, mit den Eskalationsstufen Kochlöffel, Nudelholz, gusseiserne Pfanne, bis es auch der Letzte kapiert.“ Ich bin zwar gegen Gewalt, aber so ein Nudelholz hat schon viele Männer zur Vernunft gebracht.

Aber mal im Ernst: Wie oft muss die Kanzlerin eigentlich noch exponentielles Wachstum erklären, bis alle verstanden haben, dass eins und eins bei einem tödlichen Virus nicht zwei ergibt? Ich kann es nicht fassen dass wir es trotz aller Warnungen und Prognosen geschafft haben, in die zweite Corona-Welle zu galoppieren.

Entschuldigen Sie meinen Wutausbruch, aber ich bin echt sauer. Am Freitag meldete das Robert-Koch-Institut 7334 Neuansteckungen in Deutschland, 551 davon in Berlin. Das ist der höchste Höchstwert.

Kurz zur Erinnerung, falls Sie vergessen haben sollten, was eine Pandemie ist: Eine weltweite starke Ausbreitung einer Infektionskrankheit mit hohen Erkrankungszahlen, schweren Krankheitsverläufen und in Deutschland für bisher 9734 Menschen mit einem tödlichen Ausgang. Und immer noch kein rettender Impfstoff in Sicht.

Jedes Bundesland kocht sein eigenes giftiges Süppchen

Verfluchteanatolischebergziegenkacke, was ist bitte so schwer daran, eine Maske aufzusetzen, keine Parties zu feiern und für eine Weile die Füße still zu halten? Langsam kann ich verstehen, dass Angela Merkel keine Lust mehr auf Politik hat. Niemand um sie herum scheint mehr Interesse daran zu haben, etwas für die Sache zu tun, stattdessen Profilneurosen und testosterongesteuerte Ministerpräsidenten, die Corona-Maßnahmen in, vor und nach den Wahlen erlassen. In diesen Zeiten will man nicht nur den Föderalismus auf dem Mond schießen, sondern auch einige PolitikerInnen.

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Seit Monaten versucht die Kanzlerin mit Souveränität, Fakten, Appellen und Einfühlungsvermögen, die Lage auf die sachliche Ebene zurück zu holen, was aber an den Alleingängen der MinisterpräsidentInnen scheitert. Ich erinnere mich noch gut an eine Zeit, da flogen in der Politik zwar die Fetzen, aber das war eine Streitkultur, deren Ziel das Ringen um Kompromisse war.

Zwischen der Trotzpolitik von heute und der Lösungspolitik von damals, liegen Welten. Keine Tiefe, keine Überzeugungen, keine Orientierung. Gockelhaft kocht jedes Bundesland sein eigenes Süppchen, das aber immer giftiger wird.

Spätestens Weihnachten 2021 werden wir Merkel schmerzlich vermissen

„Dann sitzen wir in zwei Wochen eben wieder hier“, warnte Merkel in der großen Führungsrunde der MinisterpräsidentInnen. Es klingt, als hätte die Kanzlerin es nicht mit Erwachsenen zu tun, sondern mit trotzigen Kindern.

Nächstes Jahr hört Angela Merkel auf und zieht sich aus der Politik zurück. Erfreulich für sie, schlecht für uns. Ich gönne ihr den Ruhestand, wirklich. Aber spätestens Weihnachten 2021 werden wir uns schmerzlich nach ihrem uneitlen, pragmatischen Führungsstil sehnen. Dann spätestens, wenn das männliche Gebaren in die Politik zurückgekehrt ist.

Der Infektionsforscher Michael Meyer-Hermann mahnte: „Die Bevölkerung muss mehr tun, als von der Politik vorgegeben wird. Die Alternative ist ein Lockdown.“ Spätestens nächste Woche wird Angela Merkel wieder exponentielles Wachstum erklären und zusätzlich noch das Präventions-Paradox. Ich nehme es hier schon mal für Sie vorweg: Das sind Maßnahmen, die führen dazu, dass der Grund der Maßnahme verschwindet. Oder noch leichter erklärt: Wer sich an die Regeln hält, steckt sich nicht an, wer sich nicht ansteckt, bleibt gesund, wer gesund ist, steckt niemanden an. Aber wem erzähle ich das?

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