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Die Taliban sind dank vieler Waffen, die die USA und andere zurückgelassen haben, besser ausgerüstet denn je. Foto: Reuters
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„Gewalt schürt nur neue Gewalt“ Ist Widerstand gegen die Taliban zwecklos?

Für manche Afghanen ist der militärische Kampf gegen die Fundamentalisten die einzige Hoffnung, für andere der völlig falsche Weg.

Pandschir. Dieser Name hat in Afghanistan einen besonderen Klang. Das nördlich der Hauptstadt Kabul gelegene Tal mit seinen steil aufragenden Felswänden gilt schon immer als Hort des Widerstands gegen die Mächtigen, vor allem als Bastion gegen die Taliban in den 90er Jahren. Auch nach der erneuten Machtübernahme durch die radikalen Islamisten Mitte August wurde das Tal rasch zum Zentrum des Aufbegehrens – und der Hoffnung. Denn dort verschanzten sich Milizen und sagten den Herrschern den Kampf an.

Anfang September erklärten die Taliban, das Tal sei wieder vollständig unter ihrer Kontrolle. Dem widersprach eine „Nationale Widerstandsfront“. Es ist nicht klar, welche Version zutrifft. Aber mit Blick auf die Machtverhältnisse stellt sich die Frage: Können die Fundamentalisten überhaupt ernsthaft in Bedrängnis gebracht werden?

"Das Regime der Taliban wird von den Nachbarstaaten akzeptiert"

Experte Christian Wagner will zwar nicht ausschließen, dass es in nächster Zeit zu militärischer Gewalt kommt. Zum Beispiel könnte die Terrormiliz „Islamischer Staat“ die Taliban herausfordern und versuchen, deren Macht infrage zu stellen. „Unruhen wären zudem denkbar, wenn es Afghanistans neuen Herrschern nicht gelingt, das Land zu stabilisieren und zum Beispiel die Schiiten an der Regierung beteiligt“, sagt der Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Doch an einen organisierten, von einer breiten Oppositionsbewegung getragenen militärischen Widerstand gegen die Taliban glaubt Wagner nicht. „Dafür wäre eine Unterstützung durch die Nachbarstaaten erforderlich, wie das in den 90er Jahren der Fall war. Nur: Heute ist die Ausgangslage eine andere.“ Die Taliban hätten den Regierungen der Anrainer zugesagt, dass sie ihre Ideologie nicht in andere Länder exportierten und darauf achten würden, dass der IS Afghanistan nicht als Stützpunkt für Angriffe missbraucht. Diese Zusicherung reiche den Nachbarn allem Anschein nach erst einmal aus. „Das heißt im Umkehrschluss: Das Regime der Taliban wird akzeptiert, eine Unterstützung etwaiger Oppositionskräfte unterbleibt.“

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Mit einem vom Volk getragenen Aufstand gegen die Islamisten rechnet Wagner ebenfalls nicht. Gerade in paschtunischen Regionen des Landes werde die Machtübernahme durch die Taliban vermutlich begrüßt. „Ich sehe derzeit keine nennenswerte politische Kraft, die sich klar gegen die Taliban ausspricht und ihnen die Herrschaft streitig machen könnte. Schon gar nicht militärisch.“ Denn auch das gehört zur Ausgangslage: Die Islamisten konnten sich nach dem Abzug der Amerikaner ein ganzes Arsenal moderner Waffen sichern. Mit ihren Drohnen, Kampfhubschraubern, gepanzerten Fahrzeugen und Sturmgewehren sind sie nun eine richtige Streitmacht.

Ob es zurzeit wirklich noch Widerstandskämpfer in den Bergen des Pandschir-Tals gibt, kann niemand mit Gewissheit sagen. Foto: Reuters Vergrößern
Ob es zurzeit wirklich noch Widerstandskämpfer in den Bergen des Pandschir-Tals gibt, kann niemand mit Gewissheit sagen. © Reuters

Schon immer wurde in und um Afghanistan Krieg geführt. Der Unabhängigkeit des Landes 1919 gingen drei Kriege mit dem britischen Empire voraus. Später wurde die konstitutionelle Monarchie und der Schah 1972 mit Hilfe der Kommunisten weggeputscht. Doch die instabile Regierung und das Chaos im Land zwangen die Sowjets, 1979 einzumarschieren. Es begann ein blutiger Stellvertreterkrieg im Kalten Krieg zwischen den Supermächten. Die sowjetischen Truppen trafen zudem auf hartnäckigen Widerstand der Bevölkerung. Der Islam avancierte zum ideologischen Gegenpol des Kommunismus, was sich in der Ausrufung des Dschihads gegen die „gottlosen Kommunisten“ und in der Bezeichnung der Widerstandskämpfer als Mudschaheddin äußerte. Einer von ihnen war Ahmad Schah Massud, der im Pandschir-Tal kämpfte und berühmt wurde.

Ahmad Massud ist der einzige Sohn des ehemaligen Kriegshelden Ahmad Schah Massud, der schon gegen die Sowjets das Pandschir-Tal verteidigt hatte. Der junge Massud versucht nun, den militärischen Widerstand zu organisieren und aufrechtzuerhalten. Foto: Reuters / Mohammad Ismail Vergrößern
Ahmad Massud ist der einzige Sohn des ehemaligen Kriegshelden Ahmad Schah Massud, der schon gegen die Sowjets das Pandschir-Tal verteidigt hatte. Der junge Massud versucht nun, den militärischen Widerstand zu organisieren und aufrechtzuerhalten. © Reuters / Mohammad Ismail

Mit Abzug der Sowjets etablierte sich bald eine neue Kraft: die radikalen Gotteskrieger der Taliban, die von 1996 bis 2001 das Land beherrschten und jede Freiheit erstickten. Schließlich verjagten die USA und die Nato mit ihren Bündnispartnern die Machthaber 2001, 20 Jahre lang hielt die Hoffnung auf ein freieres, friedlicheres Leben mit gleichen Rechten für Mädchen und Frauen. Die erneute Eroberung Afghanistans durch die Taliban und der kampflose Abzug der Alliierten hat viele liberale Afghan:innen deshalb so geschockt. Das ist der Grund, warum trotz des vielen Blutvergießens auch jetzt einige auf militärischen Widerstand setzen.

"Afghanistan muss raus aus der Spirale von Rache, Hass und Krieg"

In den vergangenen Wochen hatte der Tagesspiegel die Möglichkeit, mit Frauenrechtlerinnen, Menschenrechtsaktivisten in und außerhalb des Landes zu sprechen. Manche, die noch im Land sind, wollen ihren Namen nicht nennen. Andere wiederum wollen, dass ihre Stimme mit ihrem Namen verbunden wird. Im Folgenden veröffentlichen wir die Antworten auf die Frage: Ist der militärische Widerstand der „Nationalen Widerstandsarmee“ unter Führung von Ahmad Massud, Sohn des legendären „Löwen von Pandschir“, Teil einer Lösung oder Teil des ewigen Blutvergießens im Land?

Suhailah Akbari, ehemalige Beraterin der afghanischen Regierung in Handelsfragen, die nach Berlin flüchten konnte:
„Ich vertraue Ahmad Massud und seinen Leuten. Denn er hätte nicht aus seinem Exil aus London nach Afghanistan gehen müssen, er hatte andere Möglichkeiten zu leben und zu arbeiten. Aber er will sein Land verteidigen. Diese Leute um Massud sind die einzigen, die die Mentalität haben, gegen die Taliban zu kämpfen. Ihr Patriotismus ist sehr groß. Wenn wir die erkämpften Freiheiten, wenn wir die Leben von Frauen retten wollen, kann das nur bewaffneter Widerstand schaffen.“

Suhailah Akbari, ehemalige Beraterin der afghanischen Regierung in Handelsfragen Foto: Klara August Vergrößern
Suhailah Akbari, ehemalige Beraterin der afghanischen Regierung in Handelsfragen © Klara August

Frauenaktivistin I aus Masar-e-Scharif:
„Der nationale Widerstandsrat ist unsere einzige Hoffnung, er sollte uns Frauen denn beschützen können vor den Taliban? Wie will man uns schützen ohne Waffen? Es geht nicht anders, nur mit dem Wissen, dass es diese Unterstützung gibt oder geben könnte, haben wir die Kraft zu protestieren und alles auszuhalten, was uns angetan werden könnte.“

Frauenaktivistin II aus Masar-e-Scharif: Militärischer Widerstand wie vor 20 Jahren ist die einzige Lösung zur Beseitigung der Taliban, ohne diesen Widerstand werden die Taliban machen können, was sie wollen. Im Falle von Verhandlungen werden die Taliban, die ihre Machtposition ausnutzen, dem afghanischen Volk nicht viele Möglichkeiten geben, sich am politischen Leben zu beteiligen.

Journalistin aus Herat:
"Meiner Meinung nach ist eine militärische Lösung die einzige Option. Der Talibanismus ist eine extremistische Ideologie beruhend auf einer willkürlichen Auslegung des Islam und der Scharia. Niemals werden die Taliban darüber verhandeln. Sie wollen die intimsten und persönlichsten Angelegenheiten der Menschen, insbesondere der Frauen, kontrollieren. Wer glaubt, dass sich die Taliban durch Verhandlungen reformieren, ist ein Narr!“
Wida Zaghary, Frauenrechtlerin, Journalistin und Feministin, im Exil in Neu-Delhi:
„Massud und der nationale Widerstandsrat können keine Lösung sein. Das sind alles Nationalisten, die keine Agenda für Afghanistan haben. Weder sie noch die Taliban sind in der Lage, dieses Land zu regieren, Verwaltungen aufzubauen oder die Wirtschaft in Gang zu bringen. Unsere Geschichte ist voller Toter und voller Blut. Gewalt kann kein Mittel für unsere Zukunft sein.“

Wida Zaghary, hier noch auf einem Bild aus Afghanistan. Jetzt ist sie im Exil in Indien. Foto: privat Vergrößern
Wida Zaghary, hier noch auf einem Bild aus Afghanistan. Jetzt ist sie im Exil in Indien. © privat

Hayatullah Jawad, Menschenrechtsaktivist, Gründer der Nichtregierungsorganisation „Afghan Human Rights“. Er ist mit seiner Familie nach Deutschland geflüchtet:
„Wir brauchen dringend Widerstand, aber keinen militärischen. Leute wie Massud oder der ehemalige Geheimdienstchef und Vizepräsident Saleh sind Leute, die ihre eigene Agenda verfolgen. Sie kämpfen nicht für Afghanistan, sondern für ihre eigene Zukunft an der Macht. Was wir brauchen, ist ziviler Widerstand, wie den, den die Frauen mutig auf die Straßen getragen haben. Dieser Widerstand muss im Land noch besser koordiniert und ausgebaut werden und er muss international unterstützt werden. Denn gerade die Frauen greifen mit ihrem Tun das fundamentale Denken der Taliban an, deshalb sind die Frauen am gefährlichsten für diese fanatischen Männer. Gewalt aber schürt letztlich nur neue Gewalt. Dann kommt Afghanistan nie heraus aus der Spirale von Rache, Hass und Krieg.“

"Es geht jetzt darum, eine humanitäre Katastrophe zu verhindern"

Journalistin aus Masar-e-Scharif: „Die Leute, die womöglich in den Bergen kämpfen wollen oder die im nationalen Widerstandsrat vertreten sind, werden das Land auch nicht führen können. Sie sind dazu so wenig in der Lage wie die Taliban. Es muss jetzt darum gehen, die humanitäre Katastrophe durch die Vereinten Nationen oder das Welternährungsprogramm zu verhindern. Nur dafür muss und sollte die internationale Gemeinschaft mit den Taliban reden. Die Kämpfer von Massud können das Leid nicht lindern, sie können auch nur kämpfen wie die Taliban.“

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