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Viele Iraner sind wütend auf das Regime. Vor gut einem Jahr gingen viele Menschen auf die Straße, um gegen den Abschuss einer ukrainischen Passagiermaschine zu protestieren. Foto: AFP
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Gespräch mit ARD-Korrespondentin Natalie Amiri „Für Irans Herrscher zählt ein Menschenleben nichts“

Was ist der Iran für ein Land? Ein Interview mit Natalie Amiri über die Willkür der Machthaber, den drängenden Wunsch nach Freiheit und mutige Frauen.

Natalie Amiri ist Korrespondentin der ARD. Sie leitete von 2015 bis 2020 das Büro in Teheran. Jetzt ist ihr Buch „Zwischen den Welten. Von Macht und Ohnmacht im Iran“ im Aufbau Verlag erschienen. Das Gespräch wurde telefonisch geführt.

Frau Amiri, Sie haben von 2015 bis 2020 als Korrespondentin der ARD aus Teheran berichtet. Was für ein Land ist der Iran?
Es ist auf jeden Fall kein Land der schwarzverhüllten Frauen, der Mullahs und der Kamele. Wer es bereist, lernt einen spannenden, vielfältigen und inspirierenden Iran kennen. Das gilt gleichermaßen für die beeindruckende Landschaft wie für die überaus gastfreundlichen Menschen. Deshalb ist es so schade, dass die politische Führung selbst immer wieder das Thema Atomprogramm in den Vordergrund rückt.

Warum ist das so?
Ich habe vor einigen Jahren Ajatollah Rafsandschani, den früheren Staatspräsidenten, Folgendes gefragt: Der Iran hat alles: Gold, Öl, Gas, Safran und vieles mehr. Es ist ein reiches Land. Weshalb setzen Sie dieses Potenzial nur wegen des Nuklearprogramm in den Sand?

Wie lautete die Antwort?
Er gab nur die altbekannten Floskeln wieder: Wir lassen uns nicht in unsere nationale Souveränität reinreden. Wir haben ein Recht auf eine zivile und friedliche Nutzung der Atomenergie. Ich hätte mir eine ehrliche Antwort gewünscht. Doch die iranische Führung ist geschult darin, stundenlang zu reden, ohne tatsächlich etwas Konkretes zu sagen. Das hat die Vertreter des Westens bei den Verhandlungen über das Nuklearabkommen schier wahnsinnig gemacht.

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Sie mussten vor einem Jahr vorsorglich den Iran verlassen. Es hieß, Ihnen hätte sonst die Verhaftung gedroht. Womöglich wären sie als politische Geisel missbraucht worden. Hatten Sie Angst?
Ich bin jedes Mal mit einem mulmigen Gefühl aus Deutschland Richtung Iran abgereist. Ich wusste nicht, ob ich bei der Ankunft inhaftiert werde oder mir zumindest der Ausweis abgenommen wird. Aber beim Landeanflug waren diese Bedenken wie weggeblasen. Da habe ich mich nur auf meine Arbeit konzentriert.

Doch bei der Passkontrolle waren die Fragen wieder da: Lassen sie mich durch? Waren die jüngsten Berichte womöglich zu kritisch? Habe ich es übertrieben? Steht die Revolutionsgarde an der nächsten Ecke, um mich einzukassieren?

Haben der Geheimdienst und staatliche Behörden versucht, auf ihre Berichterstattung Einfluss zu nehmen?
Mehrmals musste ich beim Geheimdienst zum „Gespräch“ erscheinen. Im Jahr 2010 wurde ich sogar zur Zusammenarbeit aufgefordert. Anderenfalls, so lautete die Drohung, könne mir etwas passieren. Womöglich überfährt mich ja zum Beispiel ein Lkw. Dennoch bin ich immer wieder eingereist.

Natalie Amiri ist ARD-Korrespondentin, leitete 2015-2020 das Büro in Teheran. Soeben ist im Aufbau Verlag ihr Buch "Zwischen den Welten. Von Macht und Ohnmacht im Iran" erschienen. Foto: Johannes Moths Vergrößern
Natalie Amiri ist ARD-Korrespondentin, leitete 2015-2020 das Büro in Teheran. Soeben ist im Aufbau Verlag ihr Buch "Zwischen den Welten. Von Macht und Ohnmacht im Iran" erschienen. © Johannes Moths

Wie repressiv ist das Mullah-Regime?
Ich war schon in vielen Staaten mit repressiven Regimen unterwegs. Doch der Iran toppt Länder wie Syrien oder die Türkei in Sachen Unterdrückung. Im Iran wird jede Art von Protest, jede Form des Eintretens für Menschenrechte, jeder Ansatz politischer Opposition im Keim erstickt.

Was heißt das für mögliche Proteste?
Es kann sich unter derartigen Bedingungen gar keine Gegenbewegung bilden. Wenn der Unmut droht, außer Kontrolle zu geraten wie zum Beispiel 2009, dann schlagen die Herrscher massiv zurück. Die Sicherheitskräfte scheuen nicht vor tödlicher Gewalt zurück.

So war es auch 2019. Die Menschen, die auf den Straßen demonstrierten, wurden einfach erschossen! Bis zu 1500 Iraner sollen damals gestorben sein. Die Menschen wissen sehr genau: Protestieren sie in der Öffentlichkeit, sind sie in Lebensgefahr.

Die Vorstellung, das Regime könne man von innen stürzen, ist eine Illusion?
Die Iraner und Iranerinnen, die auf Veränderungen drängen, sehen sich einer hochgerüsteten, zum allem entschlossenen Staatsmacht gegenüber. Für die Herrscher und ihre Schergen zählt ein Menschenleben nichts. Dabei ist der Einzelne so wichtig für das ganze Land. Das macht Israel deutlich. Aber im Iran hat keine Iranerin, kein Iraner dieses Gefühl, etwas zu zählen.

Was macht die Menschen so wütend?
Sie sind sehr frustriert. Das Regime hat den Leuten immer wieder und jahrelang auf perfide Weise versprochen, dass sich etwas zum Besseren ändern, dass es mehr Freiheiten geben würde. Deshalb sind die Menschen überhaupt wählen gegangen. Vor allem, wenn Reformer im Rennen waren. Doch passiert ist nichts. Das macht die Mehrheit der Bevölkerung so zornig. Wenn es das nächste Mal knallt, dann richtig. Die Menschen sind am Limit und deshalb sogar bereit, ihr Leben zu riskieren.

Dem Volk den Rücken gekehrt. Die Machtelite um Revolutionsführer Ali Chamenei geht gegen jede Form der Opposition massiv vor. Foto: imago/Zuma Wire Vergrößern
Dem Volk den Rücken gekehrt. Die Machtelite um Revolutionsführer Ali Chamenei geht gegen jede Form der Opposition massiv vor. © imago/Zuma Wire

Sie schreiben in Ihrem Buch, die Menschen dürsteten nach Freiheit. Wie stark ist dieser Drang ausgeprägt?
So stark, dass Iranerinnen und Iraner ihre Heimat in Scharen verlassen, wenn sich ihnen die Möglichkeit dazu bietet. Wer kann, der geht. Sie haben die Hoffnung verloren, dass sich noch etwas zum Guten wenden könnte.

Und die sozialen Medien führen ihnen in drastischer Deutlichkeit vor Augen, wie gut es sich die korrupte Führungselite gehen lässt.

Die fährt im Porsche durch die Straßen und wohnt in schicken Penthäusern, während die eigene Bevölkerung mit pseudoislamischen Vorschriften gegängelt wird. Die Machtgier der Herrschenden ist allen bewusst. Der Propaganda wird längst kein Glauben mehr geschenkt. Die Ideologie der Islamischen Republik funktioniert nicht mehr.

Welche Rolle spielt denn der Islam in der Islamischen Republik?
In Rahmen einer Studie wurden vor einiger Zeit 40.000 Iranerinnen und Iraner dazu befragt. Demnach verstehen sich 40 Prozent der Bevölkerung als muslimisch-schiitisch. Das heißt aber im Umkehrschluss, dass 60 Prozent das nicht tun. Das deckt sich recht genau mit meiner eigenen Einschätzung – die Mehrheit der Frauen würde vermutlich das Kopftuch ablegen, wenn es nicht mehr tragen müssten.

Wie ist es überhaupt um die Frauenrecht im Iran bestellt?
Katastrophal! Vor Gericht ist eine Frau als Zeugin nur halb so viel wert wie ein Mann. Du brauchst die Genehmigung deines Vaters, um zu heiraten. Es gibt generell kein Recht auf Scheidung für Frauen. Der Mann kann dir verbieten, das Land zu verlassen. Mit anderen Worten: Es ist ein komplett patriarchalisches, zurückgebliebenes, mittelalterliches System. Und das passt so gar nicht zu den Frauen, die ihr Leben mutig und intelligent selbst in die Hand nehmen. Nur lässt niemand zu, dass dieses System verändert wird.

Nasrin Sotoudeh kämpft für Frauenrechte im Iran und ist inhaftiert. Foto: Behrouz Mehri/AFP Vergrößern
Nasrin Sotoudeh kämpft für Frauenrechte im Iran und ist inhaftiert. © Behrouz Mehri/AFP

Gerade deshalb kämpfen Frauen für ihre Rechte – trotz aller Repressalien.
Sie landen sogar im Gefängnis wie die Aktivistin und Menschenrechtlerin Nasrin Sotoudeh. Die zierliche Frau kämpft wie eine Löwin, auch vor Gericht, legt sich mit dem Regime an, obwohl sie weiß, was ihr droht. Der Mut ist bewundernswert. Nasrin Sotoudeh hat mir einmal gesagt: Das einzige, wovor du Angst haben musst, ist, Angst zu haben.

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Stichwort Angst: Die Staatengemeinschaft fürchtet Irans Atomprogramm, zu Recht?
Ja, die Gefahr ist groß – für die Welt und die Iraner. Hätten die Mächtigen in Teheran eine Atomwaffe in den Händen, würden sie sich damit das Weiterbestehen ihres Regimes sichern. Denn es wäre dann nicht mehr ohne weiteres möglich, die Herrscher zu stürzen.

Warum hängt die Führung so sehr am Nuklearprogramm, wenn das angeblich nur zivilen und friedlichen Zwecken dienen soll? Das klingt wenig glaubwürdig. US-Präsident Joe Biden muss sich beeilen, wenn er den Konflikt noch entschärfen und die Mullahs vom Besitz einer Atombombe abhalten will.

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