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Wer über Organspende redet, muss auch über den Hirntod reden

Geringe Organspenderzahlen Warum die Deutschen kein Herz haben

Das Transplantationsgesetz beinhaltet seit 2012 die Verpflichtung der Krankenkassen, ihre Mitglieder regelmäßig schriftlich über den guten Zweck der Organspende zu informieren und die Aufforderung, ihre Ablehnung oder Einwilligung zu bekunden. Zwar beabsichtigt der Gesetzgeber mit dieser Regelung die Erhöhung der Spendenbereitschaft der Bevölkerung; zugleich besteht er darauf, „dass die Aufklärung die gesamte Tragweite der Entscheidung umfassen und ergebnisoffen sein muss“. Damit bekennt er sich zur Selbstbestimmung und freiwilligen Entscheidung des einzelnen Bürgers.

Aufklärung – ein genuin auf Offenheit angelegter diskursiver Prozess der (selbst-)kritischen Auseinandersetzung – zielt auf Mündigkeit der Aufzuklärenden; sie soll freies, selbstbestimmtes Entscheiden und wohl erwogenes Handeln ermöglichen; sie dient der Vergewisserung unserer selbst und der Antwort auf die Frage, wer wir sind und wer wir sein wollen; sie muss zudem am vorhandenen Wissen und an den herrschenden Anschauungen der Aufzuklärenden ansetzen.

Existenzelle Fragen erfordern äußerste Sensibilität

Im Kontext der Organspende kann und darf sich Aufklärung nicht allein darauf beschränken, Solidarität, Nächstenliebe, gar die Heldenhaftigkeit des Spenders zu überhöhen; sie kann das notorisch umstrittene Hirntodkonzept nicht undiskutiert lassen; sie darf die Diskussion zentraler und klassischer Begriffe der abendländischen Ethik wie Leben, Körper, Natürlichkeit, Integrität, Menschenwürde, Autonomie, Person(-alität) und Pietät nicht außer Acht lassen zugunsten einer „Aufklärung“, die letztlich einseitig altruistisch argumentiert und dabei simplistisch auf den allein biologisch verstandenen Tod rekurriert. Gerade in einer Zeit, in der Sterben und Tod wie nie zuvor manipulierbar geworden sind und viele Menschen den Möglichkeiten und der Macht der Medizin mit Skepsis oder Misstrauen begegnen, ist eine solche Verkürzung unangemessen, weil sie existenzielle Fragen, Ängste und Zweifel unberücksichtigt lässt. In Fragen der Aufklärung zur Organspende ist indes, wie sonst nirgends in der Medizin, äußerste Sensibilität, Offenheit und Redlichkeit gefordert. Davon aber sind die institutionellen Aufklärungskampagnen weit entfernt.

Diverse, der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte wissenschaftliche Analysen, zum Beispiel das von der Volkswagenstiftung geförderte Projekt „Tod und toter Körper“ widmen sich den Inhalten und der Qualität der Aufklärung zur Organspende. Sie haben sowohl die „Herstellung“ von Wissen über die Organspende wie auch die Methodik der Bevölkerungsbefragungen, zumal zur Frage des Hirntods, untersucht. Es stellt sich heraus, dass es den Produzenten des Aufklärungsmaterials primär um eine Imagekampagne im Sinne eines „sauberen Transplantationsverfahrens“ geht. In nur sechs von 32 analysierten Kurzfilmen wird das Hirntodkriterium explizit angesprochen. Die Studie kommt außerdem zu dem Schluss, dass die Bevölkerung den Hirntod keineswegs ganz allgemein mit „dem Tod“ des Menschen gleichsetzt – anders als es die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung behauptet. Immerhin stimmten 28 Prozent der Befragten der Aussage zu: „Hirntote Spender sollten nicht als Organspender benutzt werden“ und 37 Prozent hätten lieber ein künstliches oder ein aus Stammzellen gezüchtetes Organ als das eines Hirntoten, wenn sie auf eines angewiesen wären.

Nicht mal der Ethikrat ist sich einig

Wird die Frage der Legitimität der Hirntoddiagnostik überhaupt erörtert, dann allein mit dem Verweis auf die Existenz des Transplantationsgesetzes; als sei allein die Tatsache, dass es ein Gesetz gibt, hinreichend dafür, Zweifel an der Organspendepraxis nicht aufkommen zu lassen. Dabei vertritt nicht einmal der Deutsche Ethikrat in der Frage des Hirntods eine einheitliche Meinung: Zwar plädierten alle 25 Mitglieder dafür, den Hirntod als Organentnahmekriterium zu akzeptieren, doch nur 18 seiner Mitglieder setzen das irreversible Erlöschen aller Hirnfunktionen (Hirntod) mit „dem Tod“ des Individuums gleich. Die übrigens sieben hingegen halten den Hirntod zwar auch für ein Entnahmekriterium, nicht jedoch für „den Tod“ des Menschen schlechthin. Womit Raum gegeben ist für die diffizile Frage, ob Hirntote nicht doch – wenn auch unwiderruflich – als Sterbende und damit noch Lebende anzusehen sind.

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