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Der moralische Druck auf potenzielle Spender

Geringe Organspenderzahlen Warum die Deutschen kein Herz haben

Zu aufschlussreichen Ergebnissen gelangen auch Analysen der Ikonografie bundesweit bei „Informationskampagnen“ eingesetzter Plakate und anderer Bildmaterialien zur Organspende, so etwa ein Video der Stiftung „Fürs Leben“: Ein junger Mann wartet an einer menschenleeren U-Bahn-Station (Gesundbrunnen) unter einer Anzeigetafel („Betriebsstörung“) mit einem tragbaren Dialysegerät – eine surreale Situation, die dem Betrachter eine verzweifelt leidende Person vor Augen führt. Ihr nicht zu helfen, kommt dem „Tod auf der Warteliste“ gleich. Der Betrachter wird als potenzieller Organspender in die Szenerie geradezu hineingesogen – mit der Botschaft einer Verpflichtung, dem Sterbenden ein Weiterleben zu ermöglichen. Der nicht handelnde und nicht leidende Betrachter, so die Botschaft des Films, ist verantwortlich für das Leiden des Patienten. Derartige Bilder mögen zwar motivieren, von Information und Aufklärung sind sie weit entfernt.

Der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte „Göttinger Organspende-Survey“ ging der Frage nach den tieferen Ursachen für die Zurückhaltung gegenüber einer Organspende in Deutschland nach. Befragt wurden in den Jahren 2008 und 2015 Studenten. Er kommt zu dem Resultat, dass es weniger um erschüttertes Vertrauen der Bevölkerung in unser Transplantationssystem geht; auch sind Ignoranz und Desinteresse der Bürger nicht die Hauptgründe für die geringe Bereitschaft zur Organspende. Vielmehr seien es Skepsis gegenüber der Gleichsetzung des Hirntods mit dem Tod des Menschen sowie generelle, kulturell tief verwurzelte Körperkonzepte, die die (Nicht-)Bereitschaft zur Organspende beeinflussten. Nicht spendenbereite Personen sehen den Körper nicht allein als physisch, sondern als Ganzheit, die Identität und Persönlichkeitseigenschaften formt. So lehnten 88 Prozent der Befragten den Satz ab: „Der Körper ist eine Maschine.“ 35 Prozent unterstützten die Idee, dass manche Organe die Individualität und Einzigartigkeit einer Person konstituieren und nicht transplantiert werden sollten, etwa das Herz, weil es der Sitz der Seele sei.

Nur echte Aufklärung ist gute Aufklärung

Insgesamt kann man sagen: Die Aufklärer verstehen sich eher als Träger einer Mission denn als Bereitsteller von Information. Der Entschluss zur Organspende wird dem Bürger als moralisch höherwertig, wenn nicht gar als moralische Pflicht vermittelt. Damit gerät jeder potenzielle Organspender unter Druck. Eine freie und wohl erwogene Entscheidung wird konterkariert. Bei manch Unschlüssigem wird eher das Gegenteil des Gewünschten erreicht. Auch der Ablehnung einer Organspende oder die Nichtäußerung kann eine wohlerwogene Entscheidung sein. Niemandem steht es zu, dies moralisch zu bewerten.

Dass die Bevölkerung für diese Zusammenhänge ein Gespür hat und deshalb mit Widerständen reagiert, hält Weymar Lübbe, ehemaliges Mitglied des Deutschen Ethikrates, für hoch wahrscheinlich: Die verantwortlichen Institutionen sollten die Bürger als Diskussionsteilnehmer behandeln und nicht als Objekte von mehr oder weniger durchschaubaren Kommunikationsstrategien zur Steigerung des Spendenaufkommens.

Der Wert der Organspende als Akt menschlicher Hilfsbereitschaft ist nicht hoch genug einzuschätzen, doch ist er durchwirkt von höchst persönlichen weltanschaulichen und spirituellen Fragen, Zweifeln und Unwägbarkeiten. Eben deswegen ist eine gewissenhafte und verantwortliche Entscheidung den Bürgern nur zuzumuten, wenn ihre Alternativen in der Gesamtheit ihrer Dimensionen aufgeblättert werden und den Bürgern zugänglich sind. Daran aber mangelt es. Die Aufklärung muss echte Aufklärung werden, so mühsam das sein mag. Sonst wird das Unbehagen an der Organspende fortbestehen.

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