Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Das neun Meter hohe Holzkreuz auf dem Gipfel des Otley Chevin in Großbritannien ist inzwischen zu einem bekannten Ostersymbol geworden. Foto: Danny Lawson/PA Wire/dpa
© Danny Lawson/PA Wire/dpa

Gegen den Fatalismus Es gibt eine Pflicht zur Zuversicht – trotz Klimakrise, Corona und Krieg

Der Glaube an das Gute bewirkt oft das Gute. Aus der Medizin ist bekannt, dass der Placebo-Effekt die Heilung begünstigen kann. Ein Essay zu Ostern.

Das deutsche Wort „Weltschmerz“ hat in viele Sprachen Eingang gefunden. Ins Englische, Französische, Spanische, Polnische. Geprägt wurde es im 19. Jahrhundert von dem Schriftsteller Jean Paul. Definiert – besser gesagt: beschrieben – wird es als ein Gefühl tiefer Trauer und schmerzhafter Melancholie über die Unzulänglichkeit der Welt. Wer Weltschmerz empfindet, fühlt sich hilflos und ohnmächtig. Was fehlt, sind Zuversicht und Gottvertrauen.

Die Anlässe, um in Weltschmerz zu versinken, häufen sich. Klima, Corona, Krieg in Europa. In rascher Reihenfolge. Bilder von Waldbränden und Überschwemmungen lassen ahnen, dass es nicht besser, sondern schlimmer wird. Angesichts des Ausmaßes der drohenden Katastrophe scheinen alle Maßnahmen gegen die globale Erderwärmung ungenügend zu sein. Keine Greta Thunberg, kein UN-Klimagipfel, keine Demonstration von „Fridays for Future“ hält den Lauf der Dinge auf.

Was stimmt nicht mit mir?

Mit der Pandemie kam das öffentliche Sterben zurück. Überfüllte Intensivstationen, Särge auf Lastwagen, täglich verkündete Todeszahlen. Die schnell entwickelten Impfstoffe führten zu kurzen Momenten der Hoffnung. Erste Impfung, zweite Impfung, Booster.

Dann rauschten die Inzidenzen wieder nach oben. Trotzdem wurden die strengen Regeln aufgehoben. Impfpflicht? Keine Mehrheit im Bundestag. Ohnehin rechnet jeder damit, sich zu infizieren. Wer noch nicht an Covid-19 erkrankt war, fragt halb ironisch, halb resignativ: Was stimmt nicht mit mir? Fatalismus macht sich breit.

Dann der Krieg, Russlands Überfall auf die Ukraine. Zerbombte Häuser, fliehende Menschen, Hungernde, Tote. Die Verbrechen von Butscha. Das ist Wahnsinn! Widersinn! Aber was tun? Der Gegner ist eine Atommacht. Keiner weiß, was geschieht, wenn sich Wladimir Putin in die Enge gedrängt fühlt. Vorsicht ist keine Feigheit, Leichtsinn ist kein Mut. Der Rückgriff auf Lebensweisheiten hilft nicht wirklich.

Wer Weltschmerz empfindet, fühlt sich hilflos und ohnmächtig. Foto: Christin Klose/dpa-tmn Vergrößern
Wer Weltschmerz empfindet, fühlt sich hilflos und ohnmächtig. © Christin Klose/dpa-tmn

Im christlichen Gottesdienst heißt es: „Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.“ Das passt in die Zeit und klingt doch wie ein frommer Wunsch. Schön wär’s. Hoffnung zu predigen, während Menschen in Todesangst zu Tausenden zu uns fliehen, wirkt unfreiwillig deplatziert, gut gemeint, aber fernab der Realität. Sei zuversichtlich! Eine solche Aufforderung funktioniert ebenso wenig wie der Rat an Trauernde, mal wieder fröhlich zu sein. Gestern der Gekreuzigte, morgen der Auferstandene – wenn es denn so einfach wäre!

Eine Allgegenwart von Elend, Katastrophe und Verbrechen

Klima, Corona, Krieg. Das ist akut und nahe. Aber was heißt schon fern und nahe? Dank Internet und Satellitenfernsehen wird der Seelenhaushalt längst von überall her strapaziert. Es gibt kein Entrinnen vor den Bildern der Hungernden in Somalia, Anfang der neunziger Jahre, den Kriegen auf dem Balkan, in Afghanistan und dem Irak, dem Tsunami in Südostasien, dem Erdbeben auf Haiti, den eingestürzten Textilfabriken in Bangladesch, dem dreijährigen Aylan Kurdi, der im September 2015 im Mittelmeer ertrank. Weltschmerz ist auch eine Folge der Allgegenwart von Elend, Katastrophe und Verbrechen.

Leid löst Mitleid aus. Wie groß muss das Mitleid sein, wenn es das Unheil der ganzen Welt umfassen soll? In dem Science-Fiction-Film „Das fünfte Element“ muss Leeloo, eine außerirdische Frau, die Welt retten. Um die Menschen besser zu verstehen, sieht sie sich stundenlang historische Filme an.

Über den Ersten Weltkrieg, den Zweiten Weltkrieg, Zerstörungen, Terror. Sie sieht die Pistole am Kopf des Vietcong, der kurz darauf hingerichtet wird. Sie sieht das nackte, schreiende Mädchen nach einem Napalm-Angriff in Vietnam. Am Ende bricht Leeloo zusammen.

Etwas von Leeloo steckt in vielen Menschen. Ihre Haut ist zu dünn geworden, um das Eindringen der weltumspannenden Schreckensbilder abwehren zu können. Wenn alles Böse wie im Zeitraffer wahrgenommen wird, kann das Anteilnahme verunmöglichen. Überwältigt – vielleicht trifft dieses Wort ihren Gemütszustand am besten.

Der Glaube des Patienten an die Wirksamkeit erzeugt die Wirksamkeit

Trotzdem. Etwas lehnt sich dagegen auf. Gegen das Verharren im Weltschmerz. Die Zuversicht, dass sich dennoch alles zum Besseren wendet, ist ja eine Bedingung dafür, dass sich die Dinge tatsächlich zum Besseren wenden. Schon der Glaube an das Gute bewirkt oft das Gute.

Aus der Medizin ist bekannt, dass der Placebo-Effekt die Heilung begünstigt. Pillen, die keinen Wirkstoff enthalten, können Krankheitssymptome lindern. Wenn der Patient erwartet, dass ihm die Behandlung hilft, und er ein vertrauensvolles Verhältnis zum Arzt hat, kann sein Körper entsprechend gepolt werden.

Der Placebo-Effekt lässt sich selbst bei invasiven Behandlungsmethoden beobachten. Bei Scheinoperationen etwa, wenn die Haut nur angeritzt wird, oder bei Scheinakupunkturen, wenn die Nadeln die Haut nicht wirklich durchstechen. Der Glaube des Patienten an die Wirksamkeit erzeugt die Wirksamkeit – oder trägt zumindest wesentlich dazu bei.

Alleine kann niemand die Welt retten. Aber niemand ist alleine

Eine so verstandene Oster-Botschaft führt zu einem Imperativ der Zuversicht. Die Auferstehung als ein Aufstehen gegen den Weltschmerz. Jeder und jede kann etwas tun: weiter FFP2-Maske tragen, Kleidung und Blut spenden, Flüchtlingen helfen, zum Car-Sharing übergehen. Alleine kann niemand die Welt retten. Aber niemand ist alleine.

Sei zuversichtlich! Dieser Imperativ gründet sich nicht auf Wissen oder Informationen. Er impliziert keine Schönrednerei der Zustände. Sondern er fußt auf der Gewissheit, dass Zuversicht ein Wert an sich ist.

Sie befreit vom nutzlosen Kreisen um die eigene Befindlichkeit, überwindet den Weltschmerz und erlaubt, sich um die Zustände der Welt zu kümmern. Reicht Zuversicht aus, um die Welt besser zu machen? Bestimmt nicht. Aber ohne Zuversicht wird sie es garantiert nicht.

Zur Startseite