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Will sich nicht vom Hass im Netz einschüchtern lassen. Shoan Vaisi kandidiert für den Bundestag. Foto: promo/Linke NRW
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Geflüchteter aus dem Iran will in den Bundestag „Ich lasse mich nicht einschüchtern“

Vor zehn Jahren floh Shoan Vaisi aus dem Iran nach Deutschland, nun kandidiert er für die Linke für den Bundestag. Vom Hass will er sich nicht aufhalten lassen.

Vom Kämpfen versteht Shoan Vaisi einiges. Schließlich hat er es als Profi-Ringer bis ins iranische Nationalteam gebracht. 2010 belegte er bei den nationalen Meisterschaften den fünften Platz. Und so kommentiert der 31-Jährige auch seine jetzige Aufgabe furchtlos: „Ich lasse mich nicht einschüchtern.“

Grund dafür hätte Vaisi genug. Denn der frühere iranische Ringer bewirbt sich für die Linke für den Bundestag und wird dafür im Netz heftig angefeindet. Beleidigungen, Drohungen, Rassismus. Nachdem Vaisi im April seine Kandidatur im Wahlkreis Solingen-Remscheid-Wuppertal bekannt gemacht hat, erreichten ihn massenhaft solcher Kommentare. Er solle sich heimscheren, Leute wir er hätten im Bundestag nichts verloren, schrieben ihm Unbekannte.

„Leute wie er“, das meint: Geflüchtete. Denn Shoan Vaisi wurde im Iran politisch verfolgt, weil er sich politisch für die kurdische Minderheit einsetzte. Ihm drohten Haft und Folter. 2011 floh er über die Türkei und das Mittelmeer, nach rund fünf Monaten erreichte er Deutschland – und musste ganz von vorne anfangen. Sein Abitur aus dem Iran galt nur als Hauptschulzeugnis, dazu eine unbarmherzige Bürokratie. Er belegte Deutschkurse, trat in den lokalen Ringer-Club ein, besuchte Abendschulen, suchte sich einen Job.

Zehn Jahre später spricht Shoan Vaisi fast akzentfreies Deutsch, arbeitet als Dolmetscher und steht kurz vor seinem Bachelor-Abschluss für Soziale Arbeit. Seine Partei hat ihn in Nordrhein-Westfalen auf Listenplatz zwölf nominiert. Hält die Linke ihr Ergebnis von 2017, zieht Vaisi als erster Geflüchteter in das deutsche Parlament ein.

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„Meine Kandidatur soll ein Signal für andere Geflüchtete sein. Ich will zeigen, dass wir auch zu dieser Gesellschaft gehören“, sagt Vaisi im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Rund fünf Prozent der Bevölkerung haben in Deutschland eine Fluchtgeschichte, doch im Bundestag sind sie quasi nicht vertreten.

Eine Linken-Politikerin floh als Kind mit ihren Eltern, Erfahrungen wie Vaisi und die vielen Geflüchteten aus Syrien hat wohl niemand. Vaisi will das ändern: „Es hilft dem Diskurs, wenn nicht nur über, sondern auch mit Geflüchteten gesprochen wird.“ Im Parlament will er seine Erlebnisse in die Asyl- und Flüchtlingspolitik einbringen, aber auch seine Expertise als Sozialarbeiter möchte er für die Kinder- und Jugendpolitik nutzen. „Es tut doch niemandem weh, wenn von 700 Abgeordneten ein oder zwei Geflüchtete sind.“

Doch viele Menschen sehen das offenbar anders. Im Netz machen sie Stimmung gegen Geflüchtete wie Vaisi, die sich öffentlich engagieren. Tareq Alaows hat das erleben müssen. Er wollte der erste Geflüchtete aus Syrien im Deutschen Bundestag werden, kandidierte für die Grünen in Oberhausen-Dinslaken. Doch wenige Wochen nach seiner Kandidatur zog der 32-Jährige sie bereits wieder zurück. Als Grund nannte Alaows Ende März Drohungen und Rassismus-Erfahrungen – dann tauchte er ab.

Tareq Alaows zog seine Bundestags-Kandidatur für die Grünen nach Anfeindungen gegen ihn und sein Umfeld wieder zurück. Foto: Markus Schreiber/AP Vergrößern
Tareq Alaows zog seine Bundestags-Kandidatur für die Grünen nach Anfeindungen gegen ihn und sein Umfeld wieder zurück. © Foto: Markus Schreiber/AP

Knapp zwei Monate später hat sich Alaows nun ausführlich zu seinen Beweggründen in einem Interview mit „Zeit Online“ geäußert. Darin schildert Alaows, der 2015 über die Balkan-Route nach Deutschland kam und heute in Berlin lebt, dass er von der Vielzahl und Qualität der Hass-Nachrichten im Netz überrascht worden sei: „Das sind nicht einfach nur Kommentare, das ist Gewalt aus dem Internet. Und die ist mit dem realen Leben verbunden.“ Sein Team habe jeden Tag mehrere Stunden damit verbracht, Hasskommentare zu sichten, zu dokumentieren und zur Anzeige zu bringen. Einmal sei Alaows in der U-Bahn in Berlin beleidigt worden. Sein Fazit: „Deutschland hat ein Rassismusproblem.“

Grüne richten Anlaufstelle gegen Rechts ein

Doch offenbar richteten sich die Drohungen nicht nur gegen Alaows, sondern auch gegen Teile seiner Familie, die noch in Syrien lebt. „Hier in Deutschland kann ich Maßnahmen ergreifen, um mich zu schützen. Dort gibt es niemanden, der meine Familie schützen könnte“, sagte Alaows. Und weiter: „Ich wollte und will hier gern etwas zurückgeben und Verantwortung übernehmen. Aber nicht um jeden Preis.“

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Der Fall von Tareq Alaows hat seine Partei aufgerüttelt. Als Reaktion haben die Grünen eine „Anlaufstelle gegen Rechts“ eingerichtet. Sie soll betroffene Parteimitglieder beraten und unterstützen. Zudem haben die Grünen angekündigt, ihren betroffenen Mitgliedern psychologische Beratungsangebote zu vermitteln.

Vaisis Kandidatur als Antwort auf Alaows Rückzug

„Wir haben die Verantwortung, Strukturen zu schaffen, in denen sich Menschen ohne Angst politisch engagieren können. Wir dürfen niemals zulassen, dass Menschen durch Hass und Bedrohungen aus dem politischen Leben gedrängt werden“, sagte die stellvertretende Grünen-Vorsitzende Jamilia Schäfer.

Shoan Vaisi sagt, er kandidiere nur wegen des Rückzugs von Tareq Alaows für den Bundestag. Er will ein Zeichen setzen, wo andere keines gesetzt hätten. „Bis auf ein paar Tweets haben das Zivilgesellschaft und seine Partei stillschweigend hingenommen“, sagt Vaisi.

Er wolle nun den Weg von Alaows, mit dem er in Kontakt steht, zu Ende gehen. „Von uns Geflüchteten wird immer gefordert, dass wir uns integrieren. Was könnte integrativer sein, als sich für ein politisches Mandat zu bewerben?“

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