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Russlands Präsident Wladimir Putin (Archivbild) Foto: Reuters/Shamil Zhumatov/Pool
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„Gaspreis auf Allzeithoch“ Kann Russland kein Gas produzieren – oder hält Putin es bewusst zurück?

Die Einkaufspreise für Strom und Gas sind auf Rekordhoch. Droht Deutschland ein sehr teurer Winter? Experten sehen russische Erpressungsversuche dahinter.

Während der deutsche Wahlkampf sich seinem Ende entgegenschleppt, wird bisher kaum etwas diskutiert, dass für Millionen Verbraucher und die Industrie gewaltige Konsequenzen haben, und eine veritable Energiekrise auslösen könnte. „Der Gaspreis in der EU liegt auf einem Allzeithoch, der Strompreis am britischen Spotmarkt ist um 700 Prozent aufgrund der Gasknappheit gestiegen, die durch die Lieferengpässe des russischen Gazprom-Konzerns verursacht wurden“, sagt der Osteuropa-Experte Sergej Sumlenny.

Der russische Präsident Wladimir Putin weigere sich, mehr Gas über die Ukraine zu verkaufen, und bestehe auf der Nord-Stream-Route. „Die Ukraine hat davor gewarnt und Angela Merkel ignorierte dies bewusst“, kritisierte der frühe Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in der Ukraine. Die große Frage ist, ob Russland ein Spiel spielt, um die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 zu erzwingen, aber es ist nicht der einzige Grund, warum die Preise hochschießen.  

Warum spielt der Gasmarkt verrückt?

Gas kostet derzeit im Großhandelseinkauf teilweise über 70 Euro pro Megawattstunde – in Coronazeiten waren es zeitweise nur etwa fünf Euro. In Europa herrscht akute Gasknappheit. Denn: Die großen Gasspeicher sind für die Jahreszeit ungewöhnlich leer. Der nach dem Ende vieler Corona-Maßnahmen wieder anziehende Bedarf kann nicht günstig gedeckt werden. „Der hohe Preis liegt vor allem am überraschend stark gestiegenen globalen Bedarf“, sagt Hanns Koenig vom Analyseunternehmen Aurora Energy Research.

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Die Preise für flüssiges Erdgas, das per Schiff geliefert wird, seien weltweit stark angezogen, weil die asiatische Nachfrage stark angezogen habe. Die andere wichtige Quelle bei Gasknappheit in Europa ist zusätzliches russisches Gas – „und das kommt nicht in den Mengen, die die Märkte erwartet haben“, sagt Tom Marzec-Manser Gasanalyseleiter des Beratungsunternehmen ICIS in London. „Die Pipelinekapazität ist kein Problem.

Über Weißrussland und Polen sind über die Ukraine noch reichlich Kapazitäten vorhanden.“ Hinzu kommen Belastungen durch den CO2-Preis: Für europäische Emissionszertifikate sind über 60 Euro zu zahlen. Politisch wird der CO2-Preis durch Klimaschutzvorgaben der Europäischen Kommission getrieben, die das Angebot verknappen will, um die Emissionen in der EU schneller zu senken. Das lenkt in der Tendenz die Nachfrage von der Kohle zum Gas, dessen Verbrennung weniger CO2-Emissionen zur Folge hat.

Warum liefert Russland nicht mehr Gas?

Es gebe im Wesentlichen zwei Interpretationen, sagt Marzec-Manser von ICIS. Die erste sei, dass der staatliche russische Gaskonzern Gazprom interne Probleme hat, genügend Gas zu produzieren. „Erstens hat Russland selbst einen langen Winter hinter sich und die Gasvorräte sind ungewöhnlich niedrig“, sagt Marzec–Manser. Zweitens gebe es einige technische Schwierigkeiten, vor allem den Ausfall einer großen Kompressorstation. „Drittens importieren sowohl die Türkei als auch China mehr Gas aus Russland, da die Nachfrage dort sehr hoch ist.“

Es gebe jedoch noch eine zweite Interpretation der Situation: „Dass Russland und Gazprom die Exporte nach Europa strategisch und absichtlich einschränken, in dem Sinne, dass sie die zusätzliche Nachfrage nicht decken“, sagt Marzec-Manser. „Vielleicht um die Entscheidungsfindung der deutschen und europäischen Behörden bezüglich der Zertifizierung von Nord Stream 2 zu beeinflussen und zu beschleunigen.“ Die umstrittenen Ostseepipeline ist fertig gebaut, aber darf aufgrund der fehlenden Zertifizierungen noch nicht in Betrieb gehen. „Die Behauptung des Kremls, dass Nord Stream 2 die Situation entschärfen könnte, deutet in diese Richtung.“ Die Pipelinekapazität stelle keinen Engpass dar.

Fachleute an Bord des Verlegeschiffs "Fortuna" verbinden in der Ostsee über Wasser Rohre der Nord Stream 2-Pipeline. Foto: dpa Vergrößern
Fachleute an Bord des Verlegeschiffs "Fortuna" verbinden in der Ostsee über Wasser Rohre der Nord Stream 2-Pipeline. © dpa

„Mindestens die Hälfte des gestiegenen Gaspreises geht auf das Konto von Gazprom und Wladimir Putin“, sagt dazu Oliver Krischer, grüner Fraktionsvize im Bundestag mit einer politischen Wertung. „Das ist auch das taktische Begleitspiel, um die Genehmigung der Nord Stream 2 Pipeline durchzudrücken.“ Ein Sprecher von Nord Stream 2, wo Gazprom Anteilseigner ist, will sich zu solchen Vorwürfen nicht äußern. Grundsätzlich verbessere aber jede zusätzliche Liefer-Infrastruktur die Liquidität des Marktes „und kann als zusätzliches Angebot den Preis dämpfen“.

Ähnlich sah das Sergiy Makogon, Chef des staatlichen ukrainischen Transportnetzbetreibers GTSO. Er vermutet hinter der Knappheit auch Gazproms Unwillen, den Engpass durch zusätzliche Lieferungen über die traditionelle Route durch die Ukraine zu beheben. Gegenüber der „Financial Times“ sprach er von Erpressung. Russland versuche, Europa zur Genehmigung der fast fertiggestellten Pipeline Nord Stream 2 zu bewegen. Nach dem geltenden Transitvertrag schickt Russland dieses Jahr mindestens 40 Milliarden Kubikmeter durch die Ukraine. 2020 waren es noch 65 Milliarden, 2019 knapp 90 Milliarden.

Marzec-Manser sieht gravierende Auswirkungen für das Verhältnis zwischen Gaslieferant Russland und der EU. „Wenn die Verlangsamung der Lieferungen nach Europa ein strategisches Ziel war, so ist diese Strategie nun eindeutig außer Kontrolle geraten.“ Gaspreise von 60 bis 70 Euro pro Megawattstunde erdrückten die Nachfrage, verunsicherten die europäischen Gaskunden und seien selbst kurz- bis mittelfristig schädlich, sagt der Experte. Was auch immer die Gründe und Motivationen für die Gasverknappung seien: „Der in Europa weit verbreitete Glaube, dass Gazprom die EU-Märkte immer ausreichend mit Gas versorgen kann und wird, ist nicht mehr zutreffend“, sagt Marzec-Manser. Dies könne einen langen Schatten auf die Energiepartnerschaft zwischen Russland und der EU werfen.

Verlauf der Pipeline Nord Stream 2. Foto: AFP Vergrößern
Verlauf der Pipeline Nord Stream 2. © AFP

Wann könnte Nord Stream 2 Gas liefern?

Wegen EU-Auflagen muss die Pipeline in den deutschen Hoheitsgewässern von einem unabhängigen Dritten betrieben werden, damit Gasförderung und der Transport nicht in einer Hand liegen. Die Nord Stream 2 AG, hat dazu bei der Bundesnetzagentur einen Antrag gestellt, dass sie selbst als unabhängiger Übertragungsnetzbetreiber auftreten will. Ob das aber mit den EU-Auflagen in Einklang zu bringen ist, gilt unter Fachleuten als höchst fraglich. Vor Ende des Jahres dürfte kaum Gas fließen, möglicherweise dauert es auch deutlich länger. Bis zu zehn Monate Zeit haben Bundesnetzagentur und EU, um den Zertifizierungsantrag für Nord Stream 2 zu bescheiden.

Was droht bei einem kalten Winter?

Normalerweise ist die Versorgungssicherheit im Winter mit den bestehenden Pipelines gewährleistet, wenn auch die Gasspeicher voll sind. Aber das sind sie nicht. „Insbesondere die von Gazprom kontrollierten Speicher, die 25 Prozent der Kapazitäten ausmachen, sind so gut wie leer – und es gibt keine Anzeichen, dass das in den nächsten Monaten anders wird“, sagt Grünen-Politiker Krischer. „Wenn es richtig kalt wird im Februar, wichtige Speicher leer sind und Nord Stream 2 nicht in Betrieb genommen wurde, können regional Engpässe auftreten. Dann bleiben Wohnungen kalt und Gaskraftwerke müssen abgeschaltet werden“, glaubt der Grünen-Politiker.

Marzec-Manser hält das für ebenfalls für möglich. „Staatliche Eingriffe, sei es in Bezug auf den Verbrauch der Industrie oder die Unterstützung der unter Druck stehenden Haushalte, sind für diesen Winter kein unrealistisches Szenario, insbesondere wenn das Wetter über längere Zeiträume ungewöhnlich kalt ist“, sagt der Londoner Analyst.

Eine Verlegeschiff, mit dem die Pipeline Nord Stream 2 nun fertiggestellt worden ist. Foto: AFP Vergrößern
Eine Verlegeschiff, mit dem die Pipeline Nord Stream 2 nun fertiggestellt worden ist. © AFP

Dass die Speicher sich schnell füllen, ist derzeit unrealistisch. „Der Anreiz für Händler und Versorger, jetzt viel Gas für die Speicherung zu kaufen, ist entsprechend niedrig“, sagt der Gasmarktexperte Jens Völler vom Berliner Beratungsunternehmen Teamconsult mit Blick auf die hohen Gaspreise. Die Energie- und Sicherheitsexpertin Kirsten Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) rechnet daher mit weiteren Preissteigerungen, je näher der Winter rückt: „Diesen Sommer scheint Gazprom einen Teil der Nachfrage aus Speicherkapazitäten in Europa zu bedienen. Das ist unüblich, da im Sommer normalerweise Gas eingespeichert wird“, sagt Westphal.

Das Bundeswirtschaftsministerium betont auf Tagesspiegel-Anfrage: "Wir sehen derzeit keine Versorgungsengpässe. Über die Befüllung von Speichern entscheidet der Markt, das heißt, konkret entscheiden die Händler, die die entsprechenden Kapazitäten gebucht haben, ob und wieviel Erdgas sie einspeichern. Dabei handelt es sich um privatrechtliche Verträge." Nach Kenntnis des Ministeriums erfülle Russland seine Lieferverträge. Preistreibend sei aber auch die ebenfalls anziehende Konjunktur in Ostasien

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Droht den Bürgern eine Kostenexplosion bei Strom und Gas? Foto: Andrea Warnecke/dpa-tm Vergrößern
Droht den Bürgern eine Kostenexplosion bei Strom und Gas? © Andrea Warnecke/dpa-tm

Was bedeutet das für die Verbraucher?

Der Winter könnte sehr teure Heizkosten bescheren. Mit etwas Verzögerung kommt auf die privaten Haushalte beim Gaspreis eine hohe Belastung zu. Beim Strom wirkt die politisch von allen relevanten Parteien verfolgte weitere Absenkung der Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz etwas ausgleichend.

Der Grünen-Energieexperte Krischer betont, viel hänge nun von der Beschaffungsstrategie ab. In der Regel dürften die meisten Versorger einen Großteil des Gases, welches sie demnächst weiterverkaufen wollen, bereits vor der Preisexplosion bestellt haben. „Letztes Jahr war der Gaspreis für die Lieferung im Jahr 2022 extrem niedrig und da werden sich viele Versorger große Anteile reserviert haben.“ Aber die Gasversorger hätten schon in der Vergangenheit häufig Preissenkungen im Einkauf nicht an ihre Kunden weitergegeben. Und mit Verzögerung wird die jüngste Preissteigerung ohnehin durchschlagen. Anders als beim Strom sei die Wechselquote der Kunden beim Gasbezug sehr gering. Er könne allen Haushalten nur empfehlen, zu vergleichen und gegebenenfalls den Anbieter zu wechseln, sagt Krischer.

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Warum treibt teures Gas auch den Strompreis?

Für den Großhandelsstrompreis gibt es kaum noch Grenzen nach oben derzeit. 14 Cent pro Kilowattstunde zur Lieferung in der deutschen Strompreiszone im vierten Quartal kostet Elektrizität derzeit an der Strombörse EEX – rund fünf Mal so viel wie noch vor einem Jahr. Marco Wünsch vom Beratungsunternehmens Prognos, sagt: „Das hatten wir so noch nie.“ In der Tat: Ein derartiges Preisniveau gab es seit Liberalisierung der Energiemärkte und damit den ersten freien Preisbildungen in den 90er Jahren nicht – zumindest ohne Inflationsbereinigung.

Die Treiber sind wie erwähnt die hohen Preise für Erdgas und für die CO2-Emissionszertifikate im EU-Emissionshandel (ETS). Dadurch steigen aktuell die Betriebskosten für Kohle- und insbesondere Gaskraftwerke. Preissetzend sind im Strommarkt die Kraftwerke, die die letzte Kilowattstunde an Bedarf decken, und das ist in der Regel Gaskraft. Schnelle Ausweichmöglichkeiten gibt es nicht. Zwar kann gerade mit Solaranlagen und Windparks viel Geld verdient werden und der wirtschaftliche Anreiz, zu investieren, ist massiv gestiegen.

Bis das Erneuerbaren-Angebot reagiert, vergeht aber viel Zeit. Neue Gaskraftwerke, die weniger klimaschädlich sind, als Kohlekraftwerke, lohnen sich trotz der Preisrallye wegen der Betriebskosten nicht. Das Stromangebot wird also eher noch knapper. Hinzu kommt: Die letzten deutschen Atomkraftwerke gehen Ende 2022 vom Netz. Vor allem Unions-Politiker wie Friedrich Merz bezeichnen den Ausstieg als Fehler, da der Strombedarf etwa durch die E-Mobilität und in der Industrie massiv steigen wird. Besser wäre man stattdessen erst aus der Kohle ausgestiegen, monieren sie.

Wie wirken sich die hohen Energiepreise noch aus?

Die sich anbahnende Belastung ist enorm – gerade für die deutsche und europäische Industrie. Oft ist das kurzfristig über länger laufende Bezugsverträge abgefedert, schlägt aber nach und nach durch. Bleibt die Situation wie sie ist, oder verschärft sie sich noch, kann das den kompletten Aufschwung abwürgen. Länder, die hauptsächlich mit Kohle und ohne CO2-Preise oder hauptsächlich mit erneuerbaren Energien Strom produzieren, verbessern ihre Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu Europa deutlich. Die Energiepreise werden derzeit zum ernsthaften Konjunkturrisiko.

Photovoltaik Anlage, in einem Tal des Sauerlands in Hessen Foto: imago images/Jochen Tack Vergrößern
Photovoltaik Anlage, in einem Tal des Sauerlands in Hessen © imago images/Jochen Tack

Gibt es auch Gewinner bei der aktuellen Lage?

Ja, es bestätigt sich, wie wichtig der Ausbau erneuerbarer Energien ist, um den Weg hin zur Klimaneutralität auch wirklich zu schaffen – und nebenbei die Importabhängigkeit drastisch zu reduzieren. Der Strompreis hat inzwischen ein Niveau erreicht, das an zahlreichen Stellen die Erwägungen grundsätzlich ändert. „Sollten die Preise hoch bleiben, dann erhalten auch ungeförderte Erneuerbare-Energie-Kraftwerke ganz neue Perspektiven“, sagt Marco Wünsch von Prognos. Bei Photovoltaik-Freiflächenanlagen „kann ich mir sogar vorstellen, dass es zu einem regelrechten Boom kommt“. In Deutschland, aber insbesondere in sonnenreichen Ländern wie Italien und Spanien, seien derzeit enorme Erträge mit PV-Anlagen erzielbar.

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