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Ein Bandenchef. Jimmy Cherizier, genannt Barbecue. Foto: via REUTERS
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Gangs kontrollieren Haiti In der Hand der Banden

Kriminelle Gangs kontrollieren Haiti und überziehen das Land mit Terror. Tausende Menschen sind schon auf der Flucht.

Normalerweise herrscht Dauerstau an der Ausfallstrasse der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince Richtung Westen. Die Route Nationale 2 durch die Vorstadt Martissant, vorbei an Abwasserkanälen und karibischen Straßenmärkten, ist die einzige wenigstens halbwegs geteerte Straße in den Westen der Insel.

Doch seit Tagen ist der Verkehr praktisch zum Erliegen gekommen. Jetzt herrscht dort Krieg. Zwei kriminelle Banden kämpfen um die Vorherrschaft. Gangmitglieder marschieren unvermittelt auf und eröffnen das Feuer auf alles, was sich bewegt. Auch ein Heim für Taubstumme geriet ins Kreuzfeuer, wie die Regierung mitteilte.

In anderen Teilen der Hauptstadt sind Kriminelle ebenfalls in die Offensive gegangen. Polizei und Regierung sind heillos überfordert. Präsident Jovenel Moise, bat die internationale Gemeinschaft um Hilfe. Rund 14 000 Menschen, so die Schätzung des UN-Kinderhilfswerks Unicef, mussten vor der Gewalt fliehen.

Die Mitarbeiter der US-Botschaft dürfen inzwischen das Botschaftsgelände nicht mehr verlassen. Sie wohnen in einem dort errichteten Hotel. Die Kämpfe machten auch vor Gesundheitseinrichtungen und Ambulanzen nicht Halt, berichtete Alessandra Giudiceandrea, Landeskoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen. „Unser Team hat alleine vom 2. bis 4. Juni 42 Patienten mit Schussverletzungen behandelt.“ Ende Mai war ein Mitarbeiter des Krankenhauses auf dem Heimweg erschossen worden, Ambulanzen wurden überfallen.

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Viele Familien suchen Schutz in anderen Stadtteilen. „Mein Haus wurde angezündet. Ich bin seit Tagen obdachlos und habe nur noch das, was ich auf dem Leib trage“, erzählte eine verzweifelte Frau einer Journalistin der Agentur Alter-Presse. „Mein Kind ist im Getümmel verschwunden, ich konnte es nicht mehr finden.“

Keine Betten, keine Masken

In der Schule im Stadtteil Petionville, die als Notunterkunft dient, gibt es keine Betten; die Menschen lebten eng zusammengepfercht, die wenigsten trügen Gesichtsmasken, konstatierte die Journalistin. Und das, obwohl auch die Pandemie in Haiti auf dem Vormarsch ist.

Über 2000 Infizierte sind derzeit in den wenigen Hospitälern untergebracht. Der Sauerstoff ist knapp; viele Kranke schaffen es wegen der Straßenblockaden und Schiessereien gar nicht mehr bis zu einem Arzt.

Hinter der Gewalt steckt nach Ansicht des Portals Insight Crime ein Zerwürfnis innerhalb der mächtigen G9-Föderation, eines 2020 entstandenen Zusammenschlusses verschiedener krimineller Banden unter Leitung des ehemaligen Polizisten Jimmy Chérizier alias Barbecue.

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Er hatte Medienberichten zufolge versucht, in den offenbar finanziell begründeten Streitigkeiten zu vermitteln, war aber Mitte Mai angeschossen worden. Haitis Banden finanzieren sich vor allem aus Schutzgelderpressung, Entführungen, Waffengeschäften und Drogenhandel. Nachdem die UN-Mission 2017 das Land nach 13 Jahren endgültig verlassen hatte, übernahmen die Gangs die Kontrolle vor allem in den ärmeren Stadtteilen.

Dort treten sie als Schutzmacht auf, vergeben Kredite und übernehmen Dienstleistungen, denen der Staat nicht nachkommt wie Müllsammeln. Barbecue erwies sich als besonders geschickt darin, Schutz von Polizeichefs und Politikern zu bekommen, für deren Zwecke er sich einspannen ließ. Ihm wird nachgesagt, Moise zu unterstützen und für Massaker und Morde an Regierungskritikern verantwortlich zu sein.

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Inflation, Arbeitslosigkeit und Rezession befeuern die Anarchie ebenso wie eine politische Krise. Seit der Rechnungshof 2019 die Veruntreuung von Millionen von Hilfsgeldern aufdeckte, sieht sich Präsident Moise Massenprotesten gegenüber.

Er regiert seit 18 Monaten per Dekret und wechselte sechsmal den Premierminister. Ein Parlament gibt es nicht mehr, weil der frühere Bananenexporteur keine Wahlen einberief. Die Opposition hält ihn für einen Usurpator. Das Mandat des 2016 für fünf Jahre gewählten Moise, sei seit Februar abgelaufen.

Moise behauptet, der Nachwahlkonflikt zwischen der ersten und zweiten Wahlrunde, in dem ein Interimspräsident regierte, zähle nicht. Per Plebiszit wollte er jetzt im Juni die Verfassung ändern und die Position des Präsidenten stärken lassen. Der Druck der internationalen Gemeinschaft konnte ihn jedoch davon abhalten. Im September sind nun Neuwahlen angesetzt.

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