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Unterwegs für die Verkehrswende in Friedrichshain-Kreuzberg: Bezirksstadtrat Florian Schmidt (l.) und Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (beide Bündnis 90/Die Grünen). Auf dem Bild begutachten sie die Montage der so genannten Leitboys auf dem Radfahrstreifen in der Tamara-Danz-Straße. Foto: Jörg Carstensen/dpa
© Jörg Carstensen/dpa

Friedrichshain-Kreuzberg und die Verkehrswende Tosender Applaus fürs Bezirksamt

Der Status Quo des Stadtverkehrs ist nur noch mit der Macht der Gewohnheit zu erklären. Nur ein Bezirk setzt die Verkehrswende konsequent um. Ein Kommentar.

Sicherheit ist, wenn ich mir über Sicherheit keine Gedanken machen muss“, ruft in diesen Tagen eine nicht mehr junge, aber auch nicht alte Frau von vielen CDU-Plakaten an Berliner Hauptverkehrsstraßen. Statistisch ist die größte Gefahr für diese Frau, im Straßenverkehr zu verunglücken.

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Die 330.000 Verletzten bundesweit im vorigen Jahr entsprechen der Einwohnerzahl eines kompletten Berliner Bezirks, mehr als 2700 Tote der Bevölkerung ganzer Ortsteile. Taucht man in tiefer in die Berliner Unfallbilanz ein, stellt man außerdem fest, dass mit stark zunehmendem Anteil ältere Menschen schwer verunglücken, im Radverkehr zumeist Frauen. Die Lektüre der Unfallberichte ist oft schwer zu ertragen.

Auch die Berliner SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey profiliert sich schon seit ihrer Zeit als Neuköllner Bezirksbürgermeisterin mit dem Thema Sicherheit. Über ihre verkehrspolitische Agenda zur Wahl ist bisher allerdings nur bekannt, dass Berlin nicht Bullerbü sei (was niemand behauptet) und die autofreie Stadt (die niemand fordert) eine Utopie. Vielmehr solle weiter jede/r selbst wählen können, wie er oder sie in Berlin mobil ist. Das klingt grundvernünftig, aber kollidiert längst mit der Realität.

Millionen von E-Autos verbessern nicht die urbane Atmosphäre

Es ist das Bekenntnis zu einem Status Quo, der seit Jahrzehnten Lebensqualität und Sicherheit Hunderttausender in einem Maß beeinträchtigt, das sich nur mit der Macht der Gewohnheit erklären lässt. Bezieht man in die Abwägung noch die für 2045 postulierte Klimaneutralität Berlins ein, wird die Schieflage noch deutlicher. 1,4 Millionen Verbrenner durch ebenso viele E-Autos à eineinhalb Tonnen und zehn Quadratmeter Platzverbrauch zu ersetzen, würde zwar die Luft verbessern, aber nicht die urbane Atmosphäre.

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Wie bewusst das vielen Menschen vor allem in der Innenstadt ist, zeigen die mehr als 90 Prozent Zustimmung, die das Infas-Institut für die Pop-Up-Maßnahmen des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg ermittelt hat: Poller, Durchfahrtssperren, Radfahrstreifen, Spielstraßen. Es ist ein tosender Applaus für das Bezirksamt, das als einziges konsequent umsetzt, was Rot-Rot-Grün für ganz Berlin beschlossen hat. Und es sollte denen eine Warnung sein, die Verlässlichkeit mit der Konservierung gewachsener Missstände verwechseln.

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