Fridays for Future in Berlin. Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch
© REUTERS/Fabrizio Bensch

Exklusiv „Fridays for Future“ Krach bei den Klimaaktivisten

Mit der Bewegung wächst auch der Unmut in den eigenen Reihen. Die Rede ist von "Personenkult" und Intransparenz bei „Fridays for Future“.

Invalidenplatz, Woche 17 im Klimastreik, an dem mittlerweile mehr als 70 Länder beteiligt sind. Die „Fridays for Future“-Tanzdemo läuft seit etwa einer Stunde, als eine junge Frau mit senfgelber Cordjacke und grauer Bommelmütze die Bühne betritt. „Die meisten kennen sie wahrscheinlich“, sagt ihr Vorredner. Luisa Neubauer sagt: „Hi, geil, dass ihr da seid. Ich bin Luisa. Hi.“ Angefangen hatte alles mit Greta Thunbergs Schulstreik in Schweden und ihrer Brandrede an die Politiker auf der UN-Klimakonferenz in Kattowitz im Dezember. Jetzt erzählt Neubauer auf der Demo, wie es danach weiter- und richtig losging.

Wie sie Nachrichten an ganz viele Leute geschickt hat. „Hey! Lasst mal einen Klimastreik machen, die Regierung tut nichts!“ Wie die ersten keine Zeit hatten und wie sie trotzdem weitergemacht und es geschafft hat, andere mitzunehmen. Wie sie plötzlich viele und dann zur größten Bewegung wurden, „die Deutschland klimapolitisch jemals gesehen hat“. Sie sagt: „Jetzt verstehen wir gerade, dass das, was wir hier gestartet haben, viel größer ist, als wir uns das vorstellen können.“ Und: „Das ist der Anfang von was richtig, richtig Großem.“ Eine 22-jährige Geographiestudentin aus Göttingen initiiert Schülerstreiks in Berlin - und wird zum Gesicht einer Bewegung.

Doch während die Bewegung größer wird, wächst auch der Unmut in den eigenen Reihen. Der entzündet sich an Abläufen innerhalb der Organisationsteams und daran, dass einige wenige zu den Gesichtern von Fridays for Future geworden sind. Gespräche des Tagesspiegels mit mehreren Mitorganisatoren und Chatprotokolle, die dem Tagesspiegel vorliegen, zeigen die Wachstumsschmerzen der Bewegung.

Wie so oft in neuen politischen Gruppierungen stellt sich auch bei „Fridays for Future“ offenbar die Frage: Wieviel Basisdemokratie ist nötig und möglich? Wer darf Entscheidungen für alle treffen? Und in welchem Verhältnis stehen Authentizität und Professionalität? Intern ist von einem „Personenkult“ die Rede, davon dass wenige Gesichter „krass hervorgehoben“, andere außen vor gelassen würden, sagten Mitorganisatoren der Bewegung dem Tagesspiegel.

"Denen geht es um die Karriere und den Fame"

Das Kernteam an der Spitze von Fridays for Future ist eine recht kleine Gruppe. Am präsentesten in den Medien ist Luisa Neubauer. Nach der Schule schrieb sie zunächst für das „Greenpeace Magazin“. Über Jahre hat sie sich in den Klimaschutzorganisationen „350.org“ und „Fossil Free Deutschland“ engagiert und im Oktober 2018 einen offenen Brief gegen das Vorgehen des Energiekonzerns RWE im Hambacher Wald geschrieben. Als Jugendbotschafterin ist Neubauer für die entwicklungspolitischen Lobby- und Kampagnenorganisation „One“ aktiv. Als Moderatorin für Klima, Entwicklung und Nachhaltigkeit kann sie bei „Wir moderieren“ gebucht werden. Hier bietet sie auch Rhetorikseminare an. Als Mitglied der Grünen Jugend, seit 2017 auch Mitglied der Grünen, wurde sie auf dem Bundeskongress im November als eine von fünf ins Europawahlkampfteam gewählt.

Außerdem mit dabei: Franziska Wessel, Carla Reemtsma, Ragna Diederichs, Linus Steinmetz und Jakob Blasel. Reemtsma und Diederichs sind ebenfalls bei „One Campaign“ Deutschland aktiv. Zudem sind Diederichs, Linus Steinmetz und Jakob Blasel bei der Grünen Jugend. Sie alle bilden das Kernteam der Gruppe auf Bundesebene.

Auf der lokalen Ebene ist die Bewegung durch Ortsgruppen organisiert, die jeweils von ein bis zwei Delegierten koordiniert werden. Die gesamte Kommunikation läuft quer durch Deutschland über Telefonkonferenzen und die Messengerdienste Whatsapp und Telegram. In einer Chatgruppe wird über Finanzen diskutiert, in weiteren über Newsletter, Internationales oder Pressearbeit.

Im Fokus der internen Kritiker steht Luisa Neubauer. Sie war zuletzt in den deutschen Medien am stärksten präsent: ein Streitgespräch mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) im „Spiegel“, Auftritte in TV-Talkshows, mit Greta Thunberg auf dem roten Teppich bei der Goldenen Kamera, dann noch ein Treffen mit Barack Obama. Doch während viele Teilnehmer der Freitagsdemos die „deutsche Greta“ feiern und „richtig cool“ finden, sind andere offenbar unzufrieden. Nur wenige würden untereinander aushandeln, wer wann und wo für Fridays for Future spreche, der Rest werde über Termine nicht einmal informiert, sagte einer der Mitorganisatoren dem Tagesspiegel unter der Bedingung, dass sein Name nicht genannt wird. Nachfragen bezüglich Terminen, Diversität und Transparenz würden abgetan. „Einige unter uns neigen dazu, Profit aus dem Ganzen zu schöpfen - denen geht es um die Karriere und den Fame (Ruhm).“

Wer darf zur Bundespressekonferenz?

In einem Feedbackformular, dass in einem internen Chat diskutiert wurde, heißt es Ende März: „Hey, ich glaube, es ist inzwischen vielen aufgefallen - aber ich finde es inzwischen nicht mehr in Ordnung. Es gibt inzwischen ne bundesorga mit jakob, Luisa, und nen paar anderen, die einfach zu ist egal wie viel man macht, wir haben keine basisdemokratie mehr! das sind die leute die Alle krassen anfragen bekommen und auch nur noch bekannter werden “ (sic). Ein weiteres Mitglied schreibt: „Es gibt einen Unterschied, darüber zu reden, dass man mehr Diversität reinbringen will und dem das auch echt zu machen Vor allem die Transparenz hat mit jetzt gefehlt.“

Während einige diskutieren, fordern andere, die Diskussion in Privatchats zu verlegen, weil sie die Bewegung kaputt mache. Wieder andere äußern Verständnis: „Es sitzen nun einfach mal krass viele Pressesachen in Berlin.“ Oft würden eben bestimmte Personen angefragt, häufig Neubauer. Den Vorschlag eines Gruppenmitglieds, ihre private E-Mail-Adresse bei ihrem Instagram- und Twitter-Account durch die des Presseteams zu ersetzen, hat Neubauer nicht umgesetzt.

Kleine Unstimmigkeiten führen intern zu Streitigkeiten. Einmal wurde Luisa Neubauer dafür kritisiert, gemeinsam mit Jakob Blasel an einem Termin mit Klimaforschern in der Bundespressekonferenz teilgenommen zu haben, ohne das Presseteam informiert zu haben. Fridays for Future sei unter der Bedingung eingeladen worden, dass sie selbst komme, sagte Neubauer. Holger Michel, Chef der Kommunikationsagentur „Laut und Deutlich“, der die Pressekonferenz als privater Unterstützer mitorganisiert hat, sagt, Luisa Neubauer habe direkt zugesagt und vorgeschlagen, dass Blasel mitkomme. Die Frage, ob jemand anders hätte kommen können, sei gar nicht gestellt worden.

Luisa Neubauer sagt: „Ich habe es mir mit Sicherheit nicht ausgesucht, plötzlich eine öffentliche Person zu sein.“ Die Konflikte, sagt sie, seien normal. „Wir sind viele Leute mit vielen Meinungen, natürlich gibt es Differenzen, die auch immer wieder ausgetragen werden.“ Sie bemühe sich um mehr Vielfalt bei der Außendarstellung von Fridays for Future. „Wo es geht, gebe ich Anfragen ab, und verweise mit herzlichen Grüßen auf andere aus der Bewegung.“ Als zuletzt im Naturkundemuseum die konkreten Forderungen von Fridays for Future an die deutsche Politik vorgestellt wurden, saßen ihre Kollegen auf dem Podium. Mittlerweile gebe es außerdem eine „Feedback-AG“.

Unterstützung von externen Organisationen

Die internen Reibereien sind nicht das einzige Problem, mit dem die junge Bewegung zu kämpfen hat. Neben Anfeindungen von Rechts muss sie auch mit den vielfältigen Vereinnahmungsversuchen umgehen. Politiker, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, loben die Bewegung. Immer wieder stellt sich die Frage: Wie viel Hilfe und Zuspruch nimmt man an, auch von Organisationen, die den Anliegen von Fridays for Future nahestehen.

Greenpeace etwa hat die Bewegung einmal praktisch unterstützt - aber nur auf Anfrage. „Wenn sie uns um Unterstützung fragen, sind wir dabei“, sagt die Chefin von Greenpeace International, Jennifer Morgan. So habe man am Aktionstag 15. März die eigenen Social-Media-Kanäle für Fridays for Future freigeschaltet, damit sie mehr Reichweite erzielen. Fridays for Future sei aber eine vollkommen unabhängige Bewegung und handele komplett eigenständig, betont Morgan. Es gehe der Jugend darum, eine Katastrophe zu vermeiden. „Es gibt viele Gretas, aber nicht alle haben diese Aufmerksamkeit“, betont sie, dass die Bewegung ihr Kraft aus dem Engagement vieler ziehe.

Mit Gretas großem Auftritt auf der UN-Klimakonferenz in Kattowitz hat alles angefangen. Luisa Neubauer selbst hatte immer betont, nicht das Gesicht der Bewegung sein zu wollen. Den Zusatz, sie sei nicht die „German Greta“, hat sie inzwischen von ihrem Twitter-Profil entfernt.

Zur Startseite