"Afrikas Amazon": Ein Mitarbeiter des Online-Händlers Jumia in Nigeria. Foto: REUTERS/Akintunde Akinleye
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Freihandelsabkommen AfCFTA Wie die Afrikanische Union der EU Konkurrenz machen will

Auf Europas Nachbarkontinent soll künftig Freizügigkeit für Waren und Menschen gelten. Davor müssen aber einige Probleme gelöst werden.

Noch ist es ein seltenes Tier: das afrikanische Einhorn. Eines davon sorgte zuletzt für viel Jubel an der Wall Street. „Einhorn“, so nennt man Start-ups, die mehr als eine Milliarde Dollar wert sind. Jumia ist so eine Firma: eine Online-Handelsplattform mit einem Marktwert von fast zwei Milliarden Dollar – und Kunden ausschließlich in Afrika. Das „afrikanische Amazon“ wird es auch genannt. In 14 Ländern, von Kamerun bis Ägypten, vertreibt Jumia alles von Damenschuhen über Fertigsuppen bis hin zu Smartphones.

Afrika auf dem Sprung

Vor sieben Jahren wurde die Internet-Firma von der Senegalesin Fatoumata Bâ in Côte d’Ivoire gegründet. Am 12. April 2019 ging das Unternehmen unter viel Applaus in New York an die Börse. Seitdem hat der Aktienkurs stark zugelegt – allein am ersten Handelstag ist er um 75 Prozent in die Höhe geschossen.

Das Einhorn Jumia widerlegt damit alle Klischees von Afrika. Es steht für einen Kontinent, der viel mehr ist als Krisen, Kriege und Korruption – eine Region mit gewaltigem wirtschaftlichen Potenzial, zukunftsorientiert und selbstbewusst. „Leapfrogging“ (deutsch: Bockspringen) ist das Schlagwort, das die Unternehmerin Bâ dafür verwendet. Gemeint ist: Dank der Digitalisierung werde Afrikas Wirtschaft in den kommenden Jahren nicht nur wachsen, sondern gleich einige Entwicklungsstufen überspringen.

Dazu passt, dass im Hauptquartier der Afrikanischen Union (AU) im äthiopischen Addis Abeba derzeit große Pläne geschmiedet werden – Pläne, von denen Firmen wie Jumia profitieren könnten. Nach europäischem Vorbild will die AU den eigenen Kontinent in eine riesige Freihandelszone verwandeln: Dreimal so groß wie Europa, mit 52 Staaten und 1,2 Milliarden Menschen – sowie einem Bruttoinlandsprodukt von 2,5 Billionen Dollar. Bis 2022 sollen alle Zölle auf Dienstleistungen und 90 Prozent der Produktzölle auf dem Kontinent wegfallen.

Der innerafrikanische Handel soll um mehr als die Hälfte wachsen. Hinzu kommt der Plan, einen afrikanischen Reisepass einzuführen. Waren und Menschen sollen auf dem gesamten Kontinent Freizügigkeit genießen. Seit Gründung der Welthandelsorganisation WTO im Jahr 1995 haben sich nicht mehr so viele Staaten zusammengeschlossen wie jetzt unter dem Afrikanischen Freihandelsabkommen AfCFTA (African Continental Free Trade Agreement).

Die AU will eine echte Wirtschaftsmacht werden

„Es ist eine der Hauptprioritäten der Afrikanischen Union unter ihrer Agenda 2063“, sagt Niels Keijzer vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Mit der „Agenda 2063“ will sich die AU grundlegend reformieren, mehr als ein Projekt zur Konfliktlösung und Friedenssicherung sein. Sie will Afrika zu einem wichtigen Akteur auf der Weltbühne machen. „Angetrieben von seinen eigenen Bürgern“, wie es im Leitspruch der AU heißt. „Die Afrikanische Union will sich hiermit schrittweise zu einer echten Wirtschaftsmacht entwickeln“, sagt Keijzer.

Der Schlüssel dazu: ein eigener Binnenmarkt. Bislang macht der innerafrikanische Handel nur 20 Prozent aller Wirtschaftsbeziehungen der Länder im Süden aus. Die meisten Geschäfte laufen hingegen mit Europa und Asien. Die afrikanische Wirtschaft wächst zwar, im Schnitt um mehr als drei Prozent. Meist exportieren die dortigen Staaten aber ihre Rohstoffe zu niedrigen Preisen und kaufen im Norden hergestellte Produkte teuer ein. Ein Minus-Geschäft.

Ein eigenes Freihandelsabkommen soll der AU nun helfen, ihr Ziel vom „integrierten und wohlhabenden Afrika“ zu erreichen. Anfang dieses Monats ist die Organisation dabei einen großen Schritt vorangekommen. „Die Nachwelt wird sich an diesen Tag erinnern“, twitterte Donald Kaberuka, Ex-Präsident der Afrikanischen Entwicklungsbank. Am 2. April ratifizierte Gambia als 22. AU-Mitglied das Afrikanische Freihandelsabkommen.

Das ist Rekordgeschwindigkeit. Die Verhandlungen für AfCFTA begannen 2015, im März 2018 unterzeichneten 44 Regierungen eine Absichtserklärung. Jetzt, ein gutes Jahr später, hat die Hälfte der Staaten das Abkommen bereits ratifiziert. Damit kann es losgehen mit der Umsetzung. Nur noch Sierra Leone und Zimbabwe fehlen. Deren Parlamente haben der Ratifizierung schon zugestimmt. Sobald beide Länder ihre Unterlagen offiziell bei der AU einreichen, tritt das Abkommen binnen 30 Tagen in Kraft. Gerechnet wird damit im Juli. „Die Botschaft der AU lautet: Wir meinen es ernst“, sagt Harrison Kalunga Mwilima, Politikwissenschaftler und Unternehmensberater aus Tansania dem Tagesspiegel.

"Wir sind nicht gut vorbereitet"

Wie genau die AU-Mitglieder die Freihandelszone verwirklichen wollen, bleibt jedoch unklar. „Das Freihandelsabkommen ist zwar schon mehr als nur ein vager Plan“, meint der Entwicklungsexperte Keijzer. „Aber es wird noch viele technische und politische Herausforderungen bei der Umsetzung geben.“ Das gehe bei der Frage los, wie die Mitgliedsstaaten die Einhaltung des Abkommens überprüfen wollen.

„Wir sind nicht gut auf den Freihandel vorbereitet“, meint der Politikwissenschaftler Mwilima. Schon die vielen regionalen Freihandelsabkommen auf dem Kontinent, etwa die Ostafrikanische Gemeinschaft EAC, hätten wirtschaftlich bislang wenig gebracht. Die Erfolge solcher Regionalorganisationen seien eher politischer Natur, etwa in der Friedenssicherung. „Die afrikanischen Staaten müssten sich davon wegbewegen, nur Rohstoffe zu exportieren“, fordert Mwilima. „Sie müssen ihre Wirtschaft diversifizieren, nur dann haben sie etwas vom Freihandel.“ Das Hauptproblem der meisten afrikanischen Länder: Ihnen fehlt eine starke Industrie, die auf dem Weltmarkt konkurrieren kann.

Nigeria hat sich mittlerweile zurückgezogen aus AfCFTA. Damit muss die Freihandelszone ohne Afrikas größte Volkswirtschaft auskommen. Die nigerianische Regierung wollte den eigenen Markt nicht liberalisieren. Als mächtiger Ölproduzent kann das Land sich den Alleingang leisten. Staaten wie Tansania können das nicht.

Dort sorgen sich Unternehmer, künftig von Konkurrenten aus stärkeren afrikanischen Staaten überrannt zu werden – etwa aus dem Nachbarland Kenia. Der Telefonanbieter Safaricom tut das schon heute mit seiner ehrgeizigen Expansionsstrategie. 2007 brachte die kenianische Firma das Handy-Bezahlsystem M-Pesa auf den Markt – als weltweiter Vorreiter. Per SMS lässt sich damit Geld verschicken, abheben kann man es an jedem Kiosk mit dem grünen M-Pesa-Logo. Das System ist perfekt für Afrika, wo weniger als 20 Prozent der Menschen ein Bankkonto haben. Bis in den Kongo und nach Mosambik hat sich Safaricom damit ausgedehnt, sogar nach Rumänien wurde die Geschäftsidee inzwischen exportiert. 500 Millionen Euro verdient Safaricom jährlich mit M-Pesa. Es gab bereits Forderungen, den Konzern zu zerschlagen, weil er den Telefonmarkt in Ostafrika monopolisiere.

Unabhängigkeit von Europa

Mit solchen Problemen wird sich die AU künftig auseinandersetzen müssen, wenn der Abbau von Zollschranken allen nutzen soll – und nicht nur einzelnen Konzernen. Auch ist unklar, was aus den Freihandelsabkommen wird, die derzeit zwischen der EU und verschiedenen regionalen Blöcken in Afrika ausgehandelt werden. Die machten Afrika nur noch weiter abhängig von Europa, sagen Kritiker.

Ob eine Afrikanische Freihandelszone das ändern kann? Politikwissenschaftler Mwilima ist skeptisch: „Es könnte sogar sein, dass die ganze Sache nach hinten losgeht.“ Den Abbau der innerafrikanischen Handelsschranken könnten andere Akteure auf dem Weltmarkt ausnutzen, meint er: „Für China oder die EU könnte die Freihandelszone es noch einfacher machen, den afrikanischen Markt mit ihren Produkten zu überschwemmen.“

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