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Das französischen Atomkraftwerk Cattenom nahe der deutschen Grenze. Foto: Christpohe Karaba/epa/dpa
© Christpohe Karaba/epa/dpa

Französische Alt-Atommeiler sollen länger laufen „Für Europa ein gravierendes Sicherheitsrisiko“

Frankreichs Atomaufsicht hat den Weg für den Weiterbetrieb der ältesten Atomkraftwerke des Landes  frei gemacht. Bundesregierung und Opposition sind in Sorge.

Wenn sich in wenigen Tagen die Reaktorkatastrophe von Fukushima zum zehnten Mal jährt, auch die Bilder der Explosionen, die um die Welt gingen, wird das Lob für den deutschen Atomausstieg hierzulande nicht fehlen. Doch könnte ein Blick in die Nachbarstaaten bei vielen das gute Gefühl gleich wieder eintrüben, nach Frankreich etwa. Dort hat die Atomaufsicht, die Autorité de Sûreté Nucléaire, am Donnerstag den Weg für den Weiterbetrieb der ältesten Atomkraftwerke des Landes frei gemacht. Ihre Laufzeit könnte sich so von 40 auf 50 Jahre verlängern.

Während Deutschland aus der Atomenergie aussteigt, hierzulande das letzte AKW 2022 vom Netz geht, wird die französische Produktion also noch Jahrzehnte weitergehen. Bei den betroffenen Reaktoren handelt es sich um die sogenannte 900-Megawatt-Baureihe der französischen Atomkraftwerke. Sie sind hauptsächlich in den 1980er Jahren in Betrieb genommen worden. Einige haben ihre Betriebslaufzeit von 40 Jahren bereits erreicht.

Ihr Betriebsende wäre ohne die Verlängerung besiegelt gewesen. In einer Stellungnahme hieß es, die Behörde mache zur Bedingung, eine Reihe von Reparaturen an den ältesten 32 Reaktoren durchzuführen. So wird etwa auch das Atomkraftwerk Bugey östlich von Lyon weiterbetrieben, das seit Ende der 1970er am Netz ist.

Grüne, Linke und die Bundesregierung kritisieren die Entscheidung

Die Entscheidung ist auch der Abhängigkeit des Landes von der Atomenergie geschuldet. Rund 70 Prozent seines Stroms gewinnt Frankreich aus Kernkraft. Das Land will diesen Anteil bis 2035 auf 50 Prozent reduzieren und stattdessen mehr Strom aus erneuerbaren Energiequellen gewinnen.

Die Grünen und Linken im Bundestag kritisieren die Entscheidung in Frankreich. „Ein Weiterbetrieb von gleich 32 Reaktoren über ihre ursprünglich vorgesehene Lebensdauer hinaus bedeutet für Europa ein gravierendes Sicherheitsrisiko“, sagte die Grünen-Abgeordnete Sylvia Kotting-Uhl dem Tagesspiegel. „Der hoch verschuldete staatliche Atomkonzern EDF stellt offenbar wirtschaftliche Interessen vor den Schutz der Bevölkerung“, sagte die Vorsitzende des Umweltausschusses weiter. „Je älter die Atommeiler werden, desto störanfälliger werden sie. Das gilt auch in Frankreich, selbst wenn einige Systeme erneuert werden“, sagte Hubertus Zdebel (Die Linke).

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Auch das Bundesumweltministerium von Svenja Schulze (SPD) steht Laufzeitverlängerungen schon länger kritisch gegenüber. „Laufzeitverlängerungen sind aus meiner Sicht der falsche Weg“, sagte Schulze am Donnerstag. „Ich erwarte von Frankreich, betroffenen Nachbarstaaten und der interessierten Öffentlichkeit – auch jenseits der französischen Grenzen – bei den geplanten Laufzeitverlängerungen jeweils eine umfassende grenzüberschreitende Beteiligung zu ermöglichen.“

Laufzeitverlängerungen über die „ursprüngliche Konzeptionsdauer hinaus“, wie es nun in Frankreich geplant sei, lehne sie ab. Schulze nahm nicht nur Frankreich in den Blick: „Ich respektiere den Grundsatz nationaler Energiesouveränität, doch bereitet mir die zunehmende Überalterung der europäischen Atomkraftwerke große Sorge.“

Tatsächlich ist Frankreich mit dem Betrieb jahrzehntealter Meiler keinesfalls allein. Nach Angaben des World Nuclear Industry Status Reports sind von den 126 Reaktoren, die 2019 in der EU in Betrieb waren, schon 90 über 30 Jahre alt. 14 sind sogar 40 Jahre alt, geplant jeweils noch lange vor ihrer Inbetriebnahme. „Gegen AKW-Alterung lässt sich nur punktuell etwas machen, nicht umfassend“, sagte auch Schulze. „Es gibt technische und wirtschaftliche Grenzen der Nachrüstbarkeit.“

Die Zahl problematischer Meiler in Grenznähe ist nicht allzu klein

Und die Zahl problematischer Meiler in Grenznähe ist nicht allzu klein. Jahrelang begleitete das Umweltministerium die Probleme um das Atomkraftwerk Doel und den umstrittenen Meiler Tihange in Belgien. Aus Angst vor den Sicherheitsrisiken mit Tihange entschieden sich Behörden in der Region Aachen 2017 sogar dazu, Jodtabletten an die Bevölkerung auszugeben. Mit diesen soll im Falle eines Atomunfalls verhindert werden, dass die Schilddrüse radioaktives Jod aufnimmt. Tihange und Doel sollen bis 2025 abgeschaltet werden.

In der Slowakei werden derzeit mehrere Reaktorblöcke des Atomkraftwerks Mochovce fertiggestellt. Das Brisante: Der Bau der Blöcke wurde noch in der Tschechoslowakei Ende der 1970er- Jahre beschlossen und 1985 begonnen. Dann blieben die Blöcke zu Beginn der 1990er Jahre unfertig stehen, erst 2008 wurde weitergebaut. Umweltinitiativen und Verbände fordern seit Jahren das Aus des Kraftwerks, weil sie in ihm eine Bauruine sehen.

Polen plant den Bau mehrerer Atomkraftwerke

Die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen zeigte, dass 43 AKWs in Europa schon über ihre ursprüngliche Laufzeit verlängert worden sind. Darunter befinden sich 21 in Nachbarstaaten: Frankreich, Niederlande, Belgien, Schweiz und Tschechien. Weitere werden ihre ursprünglich vorgesehene Laufzeit in den nächsten Jahren überschreiten.

Hinzu kommen Neubauprojekte: Polen plant den Bau von sechs Atomreaktoren, von denen der erste 2033 in Betrieb gehen soll – unweit der deutschen Grenze. Das BMU hatte erst im Januar deutlich gemacht, bei diesen Plänen mitreden zu wollen. Auch Ungarn, bereits Erzeuger von Atomenergie, plant den Bau neuer Reaktorblöcke. In Großbritannien zeigt sich, wie kostspielig selbst Neubauprojekte sind. Dort arbeitet man seit Jahren an der Erweiterung des Kraftwerks Hinkley Point C. Die Kosten für die Fertigstellung werden mittlerweile auf über 25 Milliarden Euro geschätzt. Vor 2026 wird es nicht fertig sein, während erneuerbare Energien immer günstiger werden.

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