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Der Anteil der ukrainischen Getreideproduktion am Weltmarkt beträgt 11,5 Prozent. Foto: Vincent Mundy/REUTERS
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Folgen des Krieges in der Ukraine Die Knappheit beim Weizen trifft die Ärmsten der Armen

Der Krieg hat zu einem starken Anstieg der Getreidepreise geführt. Das trifft vor allem Länder wie Jemen, die schon jetzt Nahrungsmittelhilfe brauchen.

Der russische Präsident Wladimir Putin setzt auch den Hunger als Waffe ein. Im Krieg in der Ukraine wurden bislang zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe zerstört. Zudem ist die Ausfuhr von Getriebe über die ukrainischen Schwarzmeerhäfen seit dem Beginn der russischen Aggression zum Erliegen gekommen. Der Anteil der ukrainischen Getreideproduktion am Weltmarkt beträgt immerhin 11,5 Prozent.

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Das Land gehört gemeinsam mit Russland zu den weltweit wichtigsten Weizen-Exporteuren. Der Krieg in der Ukraine treibt die ohnehin schon hohen Getreidepreise noch weiter nach oben. Die Folge: In Regionen wie dem Horn von Afrika, die stark von Weizenimporten und humanitärer Hilfe abhängig sind, drohen neue Hungersnöte.

Die Ukraine versorgt nach Angaben der Regierung in Kiew über den Export normalerweise 400 Millionen Menschen weltweit mit Getreide. Seit dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine am 24. Februar haben keine ukrainischen Getreidelieferungen mehr die Häfen am Schwarzen Meer verlassen. Allerdings erläutert Monika Tothova, Ökonomin bei der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), dazu: „Die gute Nachricht ist, dass die Ukraine den Großteil des Getreides aus der vergangenen Erntesaison bereits vor dem Beginn des Krieges verschifft hat.“

Wie hat sich der Export von Getreide seit Kriegsbeginn entwickelt?

Gegenwärtig verlassen Agrarprodukte trotz des Krieges immer noch die Ukraine – allerdings in weit geringerem Maße als vor dem russischen Überfall. Die Ausfuhr geschieht über Exportlizenzen unter anderem auf dem Landweg auf der Schiene oder anschließend per Schiff über den rumänischen Schwarzmeerhafen Konstanza.

Die Bundesregierung will unterdessen den Getreideexport aus der Ukraine auf der Schiene mit der Hilfe europäischer Eisenbahnunternehmen sicherstellen. Im Rahmen einer „Getreidebrücke“ sollen neben der Deutschen Bahn und der ukrainischen Bahn auch die Unternehmen in Polen, Tschechien, der Slowakei und Rumänien beim Abtransport von 20 Millionen Tonnen Getreide mithelfen. Allerdings ist ein Transport auf dem Schienenweg wegen der unterschiedlichen Spurweite in der Ukraine kompliziert.

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Wie werden die Felder derzeit in der Ukraine bestellt?

Im Donbass ist die Arbeit in der Landwirtschaft wegen der Kämpfe derzeit nicht möglich. Anders sieht es im Westen des Landes aus, hier liegt die Landwirtschaft keineswegs komplett brach. Damit wird später im Jahr die Ernte von Weizen, Gerste, Mais, Kartoffeln oder Sonnenblumenkernen sichergestellt. 

Das britische Verteidigungsministerium teilte zu Beginn der Woche mit, dass die Getreideernte in der Ukraine in diesem Jahr voraussichtlich um 20 Prozent niedriger ausfallen werde als 2021. Es gibt allerdings auch andere Schätzungen, denen zufolge die Ukraine in diesem Jahr bestenfalls 50 Prozent des landwirtschaftlichen Ertrages von 2021 wird einfahren können.

Welche Rolle spielt der Hafen von Odessa?

Der Vize-Kommandeur des zentralen Militärbezirks Russlands, Rustam Minnekayew, hatte in der vergangenen Woche in russischen Medien erklärt, dass Russland die vollständige Kontrolle über den Donbass im Osten und über den Süden übernehmen sowie ein Tor zur abtrünnigen Region Transnistrien in der Republik Moldau öffnen wolle. Falls ein solcher Plan aufginge, wäre die Ukraine vom Schwarzen Meer abgeschnitten. Der Export von Getreide, der bislang zu 98 Prozent über die Schwarzmeer-Häfen abgewickelt wurde, wäre dann nur noch mit erheblichen Schwierigkeiten auf dem Landweg möglich.

Weil im Wasser Seeminen treiben, kann der größte ukrainische Hafen Odessa von größeren Schiffen nicht angesteuert werden.  Russland und die Ukraine beschuldigen sich gegenseitig, die Minen gelegt zu haben. Die russische Armee hat die Stadt Odessa, die gewissermaßen als Lebensader der Ukraine gilt, bereits mehrfach ins Visier genommen. Am vergangenen Wochenende wurden nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bei Luftangriffen insgesamt sieben russische Raketen auf Odessa abgefeuert. Am Donnerstagabend geriet Odessa erneut unter Raketenbeschuss.

Welche Länder von der Knappheit beim Getreide besonders betroffen?

Von den hohen Getreidepreisen auf dem Weltmarkt sind Länder wie Somalia, Ägypten und Sudan besonders betroffen. Dort decken die Ukraine und Russland mehr als 70 Prozent der Weizenimporte ab. Die gegenwärtige Versorgungskrise trifft auch Staaten wie Tunesien, Libanon, Libyen, Äthiopien, Afghanistan, Bangladesch oder Pakistan.

Besonders dramatisch ist die Lage im Jemen. In dem Land, in dem seit Jahren ein Bürgerkrieg herrscht, war bereits vor dem Beginn des Krieges in der Ukraine mehr als die Hälfte der Bevölkerung vom Hunger bedroht. Die aktuelle Versorgungskrise führt nach den Worten der FAO-Ökonomin Tothova vermehrt dazu, dass es für immer mehr Familien im Jemen um das blanke Überleben geht. Kinder können nicht mehr zum Unterricht gehen, weil nun das gesamte Haushaltsgeld für Nahrungsmittel gebraucht wird.

Was können Deutschland und die internationale Staatengemeinschaft tun, um die Notlage zu lindern?

Russland nutzt den Engpass bei den Lieferungen und die hohen Getreidepreise, um einen geopolitischen Vorteil aus der angespannten Situation zu ziehen. Kuba, das zu den engsten Verbündeten Moskaus gehört, erhielt von Russland eine Weizenlieferung mit einem Volumen von 20.000 Tonnen gespendet.

Enge Verbindung. Der russische Präsident Putin (links) und sein ägyptischer Amtskollege al -Sisi im Jahr 2014. Foto: via REUTERS Vergrößern
Enge Verbindung. Der russische Präsident Putin (links) und sein ägyptischer Amtskollege al -Sisi im Jahr 2014. © via REUTERS

Welche geopolitische Dimension die Abhängigkeit von Weizen-Importen hat, verdeutlicht das Beispiel Ägyptens. Der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi sah unmittelbar nach der russischen Aggression gegen die Ukraine im Februar davon ab, den Angriff zu verurteilen. Ägypten ist bei den Weizenimporten zum Großteil von Russland abhängig und in geringerem Maße von der Ukraine. Theoretisch könnte Deutschland Weizen an Ägypten liefern. Allerdings hat es seit dem Beginn des Krieges keine Exporte von Deutschland an den Nil gegeben, weil der Feuchtigkeitsgehalt der verschifften deutschen Exportware oberhalb der ägyptischen Normen liegt.

Um die drohende Hungerkrise abzuwenden, hat die Bundesregierung Finanzhilfen in Höhe von 430 Millionen Euro zugesagt. In der zurückliegenden Woche beschloss das Kabinett einen Entwurf für den Ergänzungshaushalt 2022, in dem insgesamt eine Milliarde Euro für humanitäre Hilfe in der Ukraine und zur Hilfe in den Entwicklungs- und Schwellenländern vorgesehen sind.

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Derweil gibt die EU nach gegenwärtigem Stand zwischen 2021 und 2024 mindestens 2,5 Milliarden Euro für die internationale Kooperation im Ernährungsbereich aus. Großzügige Hilfen kündigte die EU-Kommission indes für die Bauern in der EU an, um die hiesigen Landwirte angesichts der Krise bei der Produktion zu unterstützen: Hilfen in Höhe von 500 Millionen Euro sind vorgesehen.

Allerdings fordert der Grünen-Europaabgeordnete Martin Häusling, dass die EU einen Betrag in derselben Größenordnung für das Welternährungsprogramm (WFP) zur Verfügung stellen solle. Das UN-Programm, dessen Mission in der Versorgung hungernder Menschen weltweit besteht, steckt gegenwärtig seinerseits in einer Zwangslage: Das WFP, das auf keinerlei Lagerbestände zurückgreifen kann, muss sich seinerseits zu den gestiegenen Preisen auf dem Weltmarkt eindecken.

Der Deutschlandchef des WFP, Martin Frick, bestätigte im ZDF, dass der Krieg in der Ukraine nach der Corona-Pandemie die Preise für Nahrungsmittel endgültig „durch die Decke getrieben“ habe. Schon im Dezember habe man im Jemen die Rationen für die Nahrungsmittelhilfen um die Hälfte kürzen müssen, um überhaupt noch alle Menschen erreichen zu können, sagte er. Frick zog angesichts der Kürzung der Rationen eine bittere Bilanz: „Wir haben momentan eine Situation, in der wir nur die Hälfte derjenigen, die wirklich akut Hilfe brauchen, auch tatsächlich versorgen können.“

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