Zwischen Romantik und Massentourismus. Ein Gondoliere führt einige Urlauber durch die Kanäle von Venedig, während ein Kreuzfahrtschiff in die Lagune einfährt. Foto: Getty Images/iStockfoto
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Update Flugscham und CO2-Ausstoß Wie kann das Reisen grüner werden?

Sarah Birkhäuser Felix Wadewitz

Immer mehr Menschen haben wegen des CO2-Ausstoßes ein schlechtes Gewissen. Ein Überblick über Fortschritte der Urlaubsindustrie – und Tipps für jeden Einzelnen.

Die Hitzerekorde dieses Sommers führen auch zu mancher Debattenüberhitzung. In den ARD-Tagesthemen outete sich der WDR-Journalist Lorenz Beckhardt als „Konsumjunkie“. Da er das Problem wie ein Drogenabhängiger nicht in den Griff bekomme, brauche er Hilfe. „Macht Fleisch, Autofahren und Fliegen so verdammt teuer, dass wir davon runterkommen. Bitte, schnell“, lautete sein Appell an die Politik. Der Pendler auf dem Land, der ohne Auto nicht zur Arbeit kommt, und die Familie, die ohne Billigflug die Gran Canaria nicht bereisen kann, dürfte das anders sehen.

Doch jenseits aller Debatte um höhere CO2-Preise und „Flugscham“, stellt sich die Frage: Wie kann gerade das Reisen grüner werden? Sogar die Fluggesellschaften denken nun um.

Wird grünes Reisen zum neuen Trend?

Bislang nicht. Die Flugzahlen in Deutschland steigen nach wie vor. Nach Angaben des Flughafenverbandes ADV wuchs das Aufkommen an deutschen Flughäfen im Juni um 4,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und auch der deutsche Kreuzfahrtmarkt wächst kräftig, seit 2013 um 34 Prozent auf 2,3 Millionen Passagiere bei Hochseekreuzfahrten 2018. Laut einer Umfrage des Reisevermittlers „Booking.com“ geben aber 71 Prozent der Bundesbürger an, ökologisch vertretbar reisen zu wollen - und bleiben dafür auch verstärkt in Deutschland.

Tourismus-Experte Harald Zeiss ist sich sicher, dass die Fridays-for-Future-Bewegung einen Einfluss auf den Trend habe: „Die Zahl der Urlauber, die ein schlechtes Gewissen beim Fliegen hat, wächst“, sagt Zeiss, der das Institut für nachhaltigen Tourismus in Wernigerode gegründet hat.

Die Zahlen von Reiseveranstaltern und Tourismusverbänden belegen: Das Reiseverhalten der Deutschen hat sich noch nicht gravierend verändert. Tourismus-Experte Zeiss glaubt, dass dies auch am mangelnden Wissen liegt. „Die Zusammensetzung einer Reise ist so komplex, dass der durchschnittliche Tourist das Thema Nachhaltigkeit kaum überblicken kann." Rund fünf Prozent aller klimaschädlichen Emissionen weltweit entstehen durch den Tourismus. Ein Großteil davon durch Flugzeuge.

Sehen Veranstalter einen Wandel?

Ein bisschen. Nach Angaben des Reiseveranstalters TUI wird zwar nicht weniger gereist und weniger geflogen, aber dafür bewusster. Die Nachfrage zum Beispiel nach Hotels mit einem Nachhaltigkeitszertifikat steigt bei TUI kontinuierlich: 9,2 Millionen TUI Gäste hätten in 2018 ihren Urlaub in einem zertifizierten Hotel verbracht. Auch Öko-Ausflüge, die die Umwelt schonen oder in besonderem Maße der lokalen Bevölkerung zugutekommen, sind gefragt. Doch das sind letztlich nur Mini-Effekte: Es gibt in diesem Jahr ein überproportionales Wachstum bei Türkeireisen - das Land ist allen Sorgen um den autoritären Kurs der Regierung Erdogan zum Trotz auf dem besten Weg zu alten Rekorden.

Bei den Fernreisezielen sind in diesem Sommer insbesondere die USA, Mexiko, Indonesien, die Malediven und Kuba gefragt. Der Winter ist eine klassische Flug-Urlaubszeit, um dem kalten Europa zu entfliehen. Laut Deutschem Reiseverband gibt es noch keine validen Buchungszahlen - aber im vergangenen Winter gab es auch hier satte Steigerungsraten um vier Prozent. „Afrika und Asien sowie Australien führen dabei die Liste der Gewinner an“, sagt DRV-Sprecher Torsten Schäfer. Trotz des Fernreisebooms werde kein anderes Reiseziel von den Deutschen im Winter so gerne bereist wie die Kanaren.

Wie kann sich etwas ändern?

Vor allem über den Preis. Die große Koalition will die CO2-Bepreisung deutlich ausweiten, am 20. September sollen Beschlüsse fallen. Das kann auch den Flugverkehr teurer machen. Und wenn es durch eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Zugtickets im Fernverkehr bei der Bahn zu deutlich günstigeren Angeboten kommt, könnten gerade die Inlandsflüge zurückgehen.

Bislang schauen die meisten Bürger beim Buchen vor allem auf den Preis. So kompensieren auch nur die wenigsten Fluggäste ihre Reise. Bei Ryanair tun das europaweit drei Prozent. Die Klimaschädlichkeit des Flugverkehrs ist weit höher, als der reine Treibstoffverbrauch, weil Flugzeuge ihre Emissionen in Höhen ausstoßen, in denen sie mehr Schäden anrichten als weiter unten.

Warum ist ein Wandel so schwierig?

Die wenigsten Leute haben so viel Zeit wie die Klimaschutz-Vorkämpferin Greta Thunberg und können Ozeane mit einem Segelboot überqueren. Zu Interkontinentalflügen gibt es keine echten Alternativen, wenn man nicht ganz auf die Reise verzichten will. Bis neue Öko-Kraftstoffe in größeren Mengen verfügbar sind, um den CO2-Ausstoß zu senken, dauert es noch - und sie sind viel teurer.

irlines wie Lufthansa wollen ihre Passagiere künftig stärker dazu bewegen, ihre Reise zu kompensieren - und setzt auf eine stärkere steuerliche Absetzbarkeit. Bei Anbietern wie Atmosfair, Primaklima oder Myclimate können Passagiere auch bislang schon Klima-Projekte mit einer Gebühr mitfinanzieren, die ihren CO2-Ausstoß etwas ausgleicht. Im Gegenzug werden mit dem Geld der Ausbau erneuerbarer Energie und Wiederaufforstungsprogramme unterstützt, um damit zum Einsparen von CO2 beizutragen.

Aber: Während in Deutschland zunehmend aufgeregt auch über eine Baumpflanz-Offensive diskutiert wird, kreist woanders immer lauter die Kettensäge: Unter Brasiliens neuem rechten Präsidenten droht im Amazonas-Regenwald eine neue Abholzungs-Offensive, hier entscheidet sich die Klimafrage ganz besonders, denn es ist ein Kippelement für das Weltklima. Der Economist widmet dem sein aktuelles Titelthema - dort ist der Regenwald nur noch eine abgeholzte Todeszone.

Was könnte beim Fliegen den CO2-Ausstoß drosseln?

Um die wegen des hohen Energieverbrauchs beim Starten besonders in der Kritik stehenden Kurzstreckenflüge zunehmend überflüssig zu machen, hoffen die Fluglinien ausgerechnet auf die Konkurrenz: Ein Ausbau der Bahn könnte zu einer „Verlagerung von Verkehr aus der Luft auf die Schiene“ führen, betont der Luftfahrtverband BDL. „Da wo mittels attraktiver Schnellbahnverbindungen die Kunden überwiegend auf eine Verbindung mit der Bahn umsteigen können, wird der Luftverkehr eingestellt.“

Die Strecke Berlin-Nürnberg etwa hat die Lufthansa vom Flugplan gestrichen, seit es der ICE in unter drei Stunden von der Hauptstadt nach Bayern schafft. Manche Verbindungen erledigen sich auch von selbst: Ryanair hat in dieser Woche das Aus für die Strecke Köln-Berlin verkündet. Sie lohnt sich nicht mehr. Der Billigflieger zieht sich damit aus dem innerdeutschen Flugverkehr zurück.

Was für Innovationen gibt es in der Kreuzfahrt?

Das in der Meyer Werft im niedersächsischen Papenburg gebaute Kreuzfahrtschiff "Aidanova" fährt  bereits  mit Flüssigerdgas (LNG). Zwei Schwesterschiffe sollen folgen. Dem Klimaschutz bringt das zwar nur ein bisschen, aber die Emissionen sind immerhin 20 Prozent niedriger.

Der große Vorteil von Gas gegenüber klassischem Kraftstoff ist weniger Dreck in der Luft: Der Stickoxid-Ausstoß sinkt um 80 Prozent. Das freut vor allem die Bewohner von Hafenstädten und Touristenhochburgen wie Barcelona oder Hamburg. Kleinere Kreuzfahrtschiffe mit Hybridantrieb sind auch schon fahrbereit. Die norwegische Reederei "Hurtigruten" hat ihr Flaggschiff "Roald Amundsen" mit Elektromotoren bauen lassen. Kraftstoffverbrauch und Emissionen sinken um ein Fünftel. Ob das reicht, um die Fahrt nach Spitzbergen und Grönland mit gutem Gewissen genießen zu können, muss wohl jeder der 530 Passagiere für sich selbst entscheiden.

Was sind beispielhafte Modelle für klimabewussten Tourismus in Deutschland?

Seit zehn Jahren können Reisende in Mecklenburg-Vorpommern die CO2-Emmissionen, die ihr Urlaub verursacht hat, mit sogenannten Waldaktien egalisieren. Das Projekt zum Bäume pflanzen, das vom Tourismusverband von Mecklenburg-Vorpommern initiiert wurde, hat schon 86.000 Unterstützer. Ganze Wälder wurden neu gepflanzt. "Jung und alt - alle beteiligen sich", berichtet die Verbandssprecherin Katrin Hackbarth.

Es ist nur eines von vielen Nachhaltigkeitsprojekten, die es im beliebtesten deutschen Urlaubsbundesland gibt. Strände werden von Freiwilligen gereinigt, in Zingst gibt es ein Umweltfotofestival und Hotels an der Ostsee bieten CO2-neutrale Aufenthalte an. "Wir werben noch nicht damit, dass man zu uns nicht fliegen muss, aber unsere Gäste kommen vor allem wegen der Natur. Deshalb wollen wir sie schützen", sagt Hackbarth.

Von diesem Trend profitieren auch Hotels, die als klimapositiv gelten. Sie versuchen aktiv mehr CO2 einzusparen, als sie verbrauchen. In Schwerin probiert das zum Beispiel das Hotel Speicher am Ziegelsee. Durch Ökostrom, Bio-Fernwärme und Investitionen in erneuerbare Energien versucht die Pension die Umweltbelastung gering zu halten. Jedes Jahr wird ein CO2-Fußabdruck erstellt, der die Emissionslast des Betriebes misst. Ist die Bilanz positiv, zertifiziert die Umweltmarke Viabono das Klima-Hotel. „Wir möchten zeigen, dass Tourismus und Ökologie Hand in Hand gehen können“, sagt die Familie des Hotels.

Kann mehr Umweltbewusstsein auch neue Jobs schaffen?

Ja - der Trend zu Urlaub in eigenen Land könnte einen besonderen Trend verstärken. 2018 erlebte die heimische Tourismusbranche mit 477,6 Millionen Übernachtungen bereits das neunte Rekordjahr in Folge. Vor allem bei Deutschen ist Deutschland beliebt, rund 30 Prozent der Reisen führen Bundesbürger nicht über die Landesgrenzen hinaus.

Die Bundesregierung will deshalb die Rahmenbedingungen verbessern und touristische Ziele im ländlichen Raum besser an das Nah- und Fernverkehrsnetz anbinden. Mit dem kommenden Fahrplanwechsel im Dezember will die Bahn noch attraktiver werden für nachhaltige Reisen, so soll eine neue Linie von Dresden über nach Rostock, die Ostsee ab Dezember noch schneller erreicht werden.

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