Diese Rohingya-Männer im Flüchtlingslager Kutupalong schützen sich Mitte April 2018 mit Schirmen vor der Sonne. Foto: Kevin P. Hoffmann
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Flüchtlingscamp in Bangladesch Die Furcht der Rohingya vor dem Monsun

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Hunderttausende Rohingya hausen in Kutupalong, dem derzeit größten Flüchtlingscamp der Welt in Bangladesch. Dort beginnt bald die Regenzeit. Nach der Vertreibung droht die nächste Katastrophe.

Beim Blick aus dem Busfenster auf dem Weg zum größten Flüchtlingslager der Welt wähnt man sich an manchen Kurven im sommerlichen Schleswig-Holstein, Mecklenburg vielleicht. Eine frisch asphaltierte Landstraße schlängelt sich durch die flache Landschaft. Felder, gerade Hecken, frisches Grün, umzäunte Hütten. Gutshöfe sind es doch eher nicht. Viele Palmen, es ist heiß. Das Dauerhupen eines rasenden Schrott-Lkw holt einen endgültig zurück in die Realität: Bangladesch, Distrikt Cox's Bazar, Straße gen Kutupalong – einen großen Ort, der aber in kaum einer Landkarte verzeichnet ist, da es ihn so seit nicht einmal einem Jahr gibt.

Nach der vorletzten Kurve wird es hügelig, der Asphalt zur Staubpiste, am Rand stehen rund 50 Frauen und Kinder vor einer Ausgabestelle für irgendwas an, sie ziehen ihre Schleier enger vors Gesicht und starren die Leute im Konvoi an. Grund dafür könnten Soldaten mit Gewehren an Bord der Busse sein. Ein Uniformierter neben dem Fahrer flucht, erklärt ein sprachkundiger Reporter aus Indien.

Die Zentralregierung in der fernen Hauptstadt Dhaka hatte unlängst Sicherheitskräfte abgestellt – zum Schutz der ausländischen Journalisten. Reporter aus Ländern wie Deutschland, Kanada, der Türkei über Brasilien und Südkorea bis nach Äthiopien wollten und sollten sehen, wie der stolze Staat Bangladesch versucht, mit einer Flüchtlingskrise fertigzuwerden, die durch die Vertreibung der Rohingya aus dem östlichen Nachbarstaat Myanmar ausgelöst worden ist. Auch Begleiter in Anzügen und Krawatte aus Bangladeschs Außenministerium sind mitgereist. Auch sie sind zum ersten Mal hier – und werden wortkarg, wirken angespannt.

Viele Rohingya flohen seit Herbst 2017 in selbstgebauten Flößen über den Fluss Naf. Foto: Mohammad Ponir Hossain/Reuters
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Denn anders als in Deutschland, wo man die ab 2015 ankommenden Flüchtlinge gleich nach der Ankunft auf die Kommunen im Land verteilt hat, leben hier fast alle Ankömmlinge auf einem Landstrich. Und damit nicht unter den Augen der meisten 160 Millionen Bangladescher. Rund 1,1 Millionen Männer, Frauen und Kinder der Stämme der Rohingya sollen allein seit August über die östliche Grenze gekommen sein. Mehr als 700.000 davon hausen jetzt in 23 Camps in und um Kutupalong. (Bereits im Januar 2018 hatte der Tagesspiegel das Camp besucht, lesen Sie hier die Reportage). Kutupalong liegt nur wenige Kilometer vom Meer, dem Golf von Bengalen, entfernt, wo viele buchstäblich gestrandet sind. Und nur wenige Kilometer vom Grenzfluss Naf, der Bangladesch von Myanmar trennt, diesem so schönen wie lebensgefährlichen Land der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi.

Außenminister: Für dauerhafte Aufnahme gibt es "keine historische Basis"

Bangladeschs Außenminister Abdul Hassan Mahmoud Ali hatte den Journalisten zuvor noch persönlich mit auf den Weg gegeben, warum die Rohingya seiner Ansicht möglichst schnell nach in ihre Heimat zurückkehren müssten. Dort hätten sie und ihre Vorfahren schließlich mehr als 1000 Jahre lang gelebt. Ja, es handele sich um Glaubensbrüder, sunnitische Muslime, während Myanmar vom Buddhismus geprägt sei, aber hierzulande verstehe man noch nicht einmal ihre Sprache, es gäbe zudem viele unterschiedliche Rohingya. Es sei ein „kurioser Mix von Stämmen“, sagte Ali.

Bangladeschs Außenminister Abul Hassan Mahmud Ali im Gespräch mit ausländischen Journalisten Mitte April 2018. Foto: Kevin P. Hoffmann
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„Für eine dauerhafte Aufnahme gibt es keine historische Basis“, erklärte er – und gab den Gästen noch die Kopie eines Buches, in dem dargestellt wird, wie Myanmar schon seit Jahrzehnten systematisch die Vertreibung der Rohingya vorbereitet habe.* Es wurde 2016, noch vor Ausbruch dieser Flüchtlingskrise, veröffentlicht. Die darin geäußerten Befürchtungen und Horrorszenarien wurden an Grausamkeit offenbar noch übertroffen, wie die Reporter später aus erster Hand erfahren sollen.

Man habe diesen Menschen vorübergehenden Schutz gewährt, da Bangladesch sich aus humanitären Gründen verpflichtet fühle, sagte der Minister noch. Zudem erinnerte er an die Millionen Bangladescher, die im Befreiungskrieg gegen Pakistan 1971 vom Nachbarn Indien aufgenommen worden waren. Und an die vielen Soldaten, die sein Land heute für internationalen UN-Missionen abstelle. Man sei eine verantwortungsbewusste Nation.

Bis vor ein bis zwei Jahren galt Dadaab im Nordosten Kenias nahe der Grenze zu Somalia mit 400.000 Einwohnern als das größte Flüchtlingslager der Welt – und als das gefährlichste, wie Reporter von dort berichteten. Sind Kutupalong und die teils ineinander übergehenden Camps in Bangladesch mit insgesamt 700.000 Menschen also noch gefährlicher? Immerhin sollen einige Rohingya in ihrer Heimat Polizeistationen angegriffen haben, die Hauptstadt Dhaka erlebte einen islamistischen Anschlag. Und die Presse in Indien argwöhnt sowieso permanent, dass Bangladesch mit den Rohingya den Terror auf den Subkontinent hole.

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