ALAA KASSAB, 25 JAHRE, Lehrerin. Foto: privat
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Flüchtlinge in Deutschland Können wir bleiben?

Liudmila Kotlyarowa Rebecca Stegmann
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Sie arbeiten in Deutschland, werden hier gebraucht. Trotzdem fürchten sie: Bald muss ich vielleicht zurück. Über eine Debatte – und sechs Menschen, die sie betrifft.

Immer wieder beklagen Unternehmen: Sie bilden Mitarbeiter aus anderen Ländern aus, geben ihnen Arbeit – und plötzlich werden die abgeschoben. Wirtschaftlich sei das ein Unsinn, menschlich eine Tragödie. SPD, Grüne und FDP sind deswegen für einen „Spurwechsel“. Asylbewerber, die abgelehnt und nur geduldet, aber gut integriert sind und einen Job haben, sollen über ein Einwanderungsrecht in Deutschland bleiben können.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist wie die meisten in der CDU und CSU jedoch dagegen. Wobei der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) die Debatte angestoßen hat. Merkel aber meint, Schlepper könnten das dann so darstellen, „dass in Deutschland jeder aufgenommen wird, der letztlich Arbeit findet“ – auch wenn es eigentlich nur um die Zuwanderung von Fachkräften gehen soll – ein fatales Signal. Sie verweist auf die geltenden Aufenthaltsregelungen für Geduldete, die nach einer Ausbildung zwei Jahre hier arbeiten dürfen. Zudem diskutiere die Koalition gerade ein Einwanderungsgesetz – was ein Riesenschritt für die Union sei, nachdem sie sich jahrzehntelang dagegen gesperrt habe. Die AfD lehnt den „Spurwechsel“ gänzlich ab.

Die SPD versucht es nun mit einer Stichtagsregelung: Gut integrierte Asylbewerber, die bis zum 1. August 2018 einen Ausbildungs- oder Arbeitsvertrag unterschieben haben, sollten in Deutschland bleiben dürfen. Mit dem Inkrafttreten eines Einwanderungsgesetzes sei der Spurwechsel künftig nicht mehr erforderlich.

JAMSHID SAFI, 27 JAHRE, Kellner Foto: privat
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JAMSHID SAFI, 27 JAHRE, Kellner

Jamshid Safi gehörte in Afghanistan ein Laden für Damenbekleidung, nun kellnert er im syrischen Restaurant „Kreuzberger Himmel“. Als Kaufmann will er nicht wieder arbeiten. „Mir gefällt der Kontakt zu den Gästen, über die Speisen zu lernen, und ich spreche hier auf Deutsch, das ist gut.“ Das Lokal wird von der Initiative „Be an Angel“ betrieben. Neben Safi sind auch Geflüchtete aus dem Irak und Syrien angestellt. Gastwirt Andreas Tölke ist der Gründer des Vereins. Den Job hat Safi von seinem Anwalt vermittelt bekommen. Zuvor hatte er monatelang erfolglos gesucht.

Warum er sein Heimatland verlassen hat, möchte Safi nicht sagen: „Ich hatte Probleme.“ Der heute 27-Jährige kam 2015. Aus der Provinz Laghman, im Nordosten Afghanistans, gelangte er per Auto und zu Fuß in die Türkei, dann nachts, im Boot, über das Mittelmeer nach Griechenland und weiter mit Zug und Bus nach Deutschland. Erst war er zwei Wochen in Eisenhüttenstadt, dann wurde er nach Cottbus geschickt. Dank der Stelle im Restaurant durfte er nach Berlin umziehen, in eine Pankower Wohnung, die Andreas Tölke ihm und einem Kollegen besorgt hatte. „Die Menschen hier gefallen mir. In Cottbus sind die Leute schlecht zu Flüchtlingen, es gibt viele Nazis.“

Ab und zu muss Safi im Gespräch nach den richtigen Wörtern suchen. Er besucht drei Vormittage in der Woche einen Sprachkurs. Nachmittags geht er zur Arbeit und, falls Zeit ist, zwischendurch ins Fitnessstudio. Wie lange er hier leben darf, weiß der Afghane nicht. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, im Moment läuft eine Klage gegen den Entscheid. Bis zum 13. Oktober gilt seine Aufenthaltsgestattung noch. Er könnte eine zweijährige Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe beginnen, wo Azubis nur schwer zu finden sind. Tölke sagt, auf den Spurwechsel könne man sich nicht verlassen. „Plan A ist, den Flüchtlingsstatus bekommen, Plan B eine Ausbildungsduldung.“ Er kümmert sich um den Papierkram und schimpft über die langsamen Behörden. „Die Mitarbeiter sind klasse, aber die Strukturen nerven.“ Sein Schützling hat sich daran gewöhnt: „Ich habe zwei Jahre lang deutsche Kultur gelernt, jetzt ist alles normal“, sagt Safi.

REZARTA POPAJ, 31 JAHRE, Altenpflegerin. Foto: Diakonie
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REZARTA POPAJ, 31 JAHRE, Altenpflegerin.

Die alten, gebrechlichen Menschen zu berühren, fiel ihr anfangs schwer. Fremden beim Waschen zu helfen, war ungewohnt. Rezarta Popaj war im Kosovo Lehrerin, brachte Kindern Albanisch bei, sprach vorne am Pult über Literatur. Pflegeheime gibt es dort nicht. Wer nicht mehr allein für sich sorgen kann, dem hilft die Familie. Als Popaj 2014 nach Deutschland kam, war ihr Wissen aber nichts wert, und so überlegte sich die damals 27-Jährige, wie sie in dem neuen Land neu anfangen könnte. „Das war so hart“, erzählt Rezarta Popaj in der kleinen Bibliothek der Diakonie-Station in Rahnsdorf. „Ich hätte niemals gedacht, mal was anderes zu machen.“

Sie floh, weil der Bürgermeister ihren Job seiner Nichte gab. Nichts Ungewöhnliches, sagt sie. Als sich Rezarta Popaj wehrte, wurden sie und ihr Mann bedroht. Auch das nichts, was nur ihnen geschah. Die deutsche Behörde verbot Popaj erst zu arbeiten. Sie sollte sich gar nicht erst an das Leben in Deutschland gewöhnen. Doch das hat sie. Ihr Mann hat einen unbefristeten Job. Demnächst geht ihre Tochter in die Kita. Nach einer 200-Stunden-Qualifizierung zur Pflegehelferin bildet die Diakonie sie im zweiten Lehrjahr zur Fachkraft aus. Möchte sie danach fest einstellen. Deswegen wird mit einem Anwalt alles versucht, damit Popaj mit ihrer Familie in Berlin bleiben kann. „In 14 Monaten ist meine Lehre vorbei“, sagt sie. „Ich hoffe sehr, wir werden dann nicht abgeschoben.“

Was die junge Frau nicht verstehen kann: Während sie nachts träumt, dass Polizisten ihre Wohnungstür aufbrechen und sie aus dem Bett ziehen, werden Altenpflegerinnen aus dem fernen Vietnam – und sogar aus dem Kosovo – umworben, herzukommen. 23 000 Pflegende werden hierzulande dringend gebraucht. „Selbst wenn ich, weil ich es damals nicht besser wusste, den falschen Weg über die Asylbehörde gegangen bin, ist das doch absurd.“

RAMI RIHAWI, 24 JAHRE, Software-Entwickler. Foto: kloeckner.i
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RAMI RIHAWI, 24 JAHRE, Software-Entwickler.

Er sah mit an, wie seine Heimatstadt zu Schutt gemacht wurde. Permanent explodierten in Aleppo Bomben, egal wohin Rami Rihawi ging, einmal direkt vor seinen Füßen. Fast drei Jahre ist das her.

Heute arbeitet er als Software-Entwickler bei einem Start-up des Stahlkonzerns Klöckner in Berlin. Rihawi spricht Deutsch auf C1-Niveau, der fünftbesten von sechs Stufen. Was er am liebsten sagt, ist „fuchsteufelswild“ und „keine Fisematenten machen“. Rami Rihawi wohnt mit drei anderen in einer Wohngemeinschaft in Schöneberg, wo er ein 32 Quadratmeter großes Zimmer hat, spielt abends gern Beachvolleyball mit den Kollegen. Oder lernt. An der Technischen Universität studiert der 24-Jährige neben seinem 40-Stunden-Job weiter Informatik. In der Zeit, die noch bleibt, geht er mit Freunden aus oder kocht ehrenamtlich mit Waisenkindern. Er weiß, wie sehr Eltern einem fehlen.

„Eigentlich wollte ich mal nach Amerika und da meinen Master machen“, sagt Rihawi. Jetzt ist er froh, in Berlin zu sein. „Die Leute sind offen und nett zu mir, kommen aus so vielen verschiedenen Ländern.“ Bei kloeckner.i, wo Rihawi und seine Kollegen eine digitale Serviceplattform für den Stahlhandel aufbauen, sollen bis Ende des Jahres 100 Kolleginnen und Kollegen eingestellt werden. Es werden aber wohl eher 80 sein. Informatiker wie Rihawi sind begehrt. Im IT-Bereich fehlen in Deutschland mehr als 50 000 Mitarbeiter. Wenn es nach seinem Chef geht, soll Rami Rihawi lange bleiben. Er hat einen Vertrag ohne Enddatum. Wenn es nach dem deutschen Recht geht, könnte es 2020 heißen: Ist egal! Du musst zurück!

„Ich versuche, nicht zu viel nachzudenken.“ Das sagt Rihawi auch bei der Frage nach seinem Vater, dem 14-jährigen Bruder und seiner Mutter in Aleppo, die ihm auch schon Todesnachrichten von Menschen überbringen mussten, die er gut kennt. „Das ist da kein Zustand, in dem man leben kann“, sagt Rihawi. Er möchte in Berlin bleiben, zu Ende studieren, arbeiten, sich in ein paar Jahren selbstständig machen. Wenn er darf. Als die Bundeskanzlerin im vergangenen Jahr die ReDI School besuchte, wo Rami Rihawi vor seinem Job mit anderen Geflüchteten programmieren lernte, hat er nichts von seinen Ängsten erzählt, sondern nur, wie fleißig er Deutsch lernt und wie schön er „fuchsteufelswild“ findet. Und er hat seinen Eltern den einen Wunsch erfüllt, „Frau Angela Merkel“ von ihnen zu grüßen.

GHANI SAID, 22 JAHRE, Lagerarbeiter. Foto: Muhamad Abdi
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GHANI SAID, 22 JAHRE, Lagerarbeiter.

In seinem Ausweis steht geschrieben: „Längstens gültig bis 24.10.2018.“ Zuletzt war Ghani Said Ende Juli bei der Ausländerbehörde, um seine Aufenthaltserlaubnis verlängern zu lassen. So lebt er seit mehr als drei Jahren. Der 22-jährige Mann wohnt in Brandenburg und wuchs in der Provinz Zabul in Afghanistan auf, wo Taliban die Schulen abbrennen, damit niemand mehr lernen kann.

Die Milizen töteten einen Bruder von Ghani Said. Mit dem Jüngeren floh er deswegen aus dem Land, doch im Iran wurde sein Bruder festgenommen und zurück nach Afghanistan geschickt. Said war allein. Und ein Jahr unterwegs: Iran, Türkei, Griechenland, Balkan, Deutschland. „Ich wollte einen Integrationskurs machen und eine Ausbildung als Automechaniker oder Elektriker absolvieren“. Bislang hat er aber, wie die meisten Flüchtlinge aus Afghanistan, kein Asyl bekommen. Soll nichts machen, nicht bleiben.

Nach drei Jahren spricht Ghani fließend Deutsch, ohne je eine Schule besucht zu haben. Er fragte bei vielen Firmen nach einer Lehre. Wegen seines Aufenthaltsstatus hatte er aber keine Chance. Die Unternehmen entscheiden sich lieber für Syrer, die gute Aussichten haben, länger in Deutschland zu bleiben. Mitte 2017 begann Said bei einer Zeitarbeitsfirma als Lagerarbeiter. Seitdem arbeitet er 40 Stunden in der Woche. „Was mich traurig macht, ist, dass ich mich nicht wirklich voll auf die Arbeit konzentrieren kann, weil ich immer das Gefühl habe, dass sie mich eines Tages nach Afghanistan abschieben werden.“

Er wohnt immer noch in einem Flüchtlingsheim und versucht durch Gespräche mit Deutschen und YouTube-Videos seine Sprache weiter zu verbessern. Trotz aller Schwierigkeiten möchte er gern in Deutschland bleiben, eine Ausbildung machen, am Ende ein Zeugnis in Händen halten. „Ich bin noch jung und habe immerhin schon ganz gut Deutsch gelernt“, sagt er. Um weiter voranzukommen fehle ihm jedoch die Möglichkeit, Pläne für die Zukunft zu machen.

KHAROTI TAHIR-KHAN, 28 JAHRE, Gebäudereiniger. Foto: Muhamad Abdi
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KHAROTI TAHIR-KHAN, 28 JAHRE, Gebäudereiniger.

Kharoti Tahir-Khan floh im Januar 2015 aus der Provinz Paktiya im Osten Afghanistans. Grund waren die Angriffe der Taliban. 33 Tage dauerte seine Flucht, bis er Deutschland erreichte und um Asyl bat. Neun Monate vergingen, bis er sein Interview beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatte. Ein halbes Jahr später hielt er ihn in den Händen: den Ablehnungsbescheid.

Seitdem muss Tahir-Khan alle drei bis sechs Monate seine Duldung verlängern lassen. Der 28-jährige Mann fragte mehrmals nach einem Integrationskurs. Ohne Erfolg. „Sie haben aufgrund Ihres Aufenthaltsstatus kein Recht, einen Integrationskurs zu machen – geschweige denn eine Ausbildung“, heißt es. Er brachte sich die Sprache deswegen selbst bei – und suchte einen Job.

Anfang 2017 fand er einen Job als Reinigungskraft bei einer Zeitarbeitsfirma. Vor zwei Monaten bekam er einen unbefristeten Vertrag. Jeden Monat verdient er zwischen 1400 und 1600 Euro netto, und ist froh, dass er kein Geld vom Staat braucht. „Ich gebe mein Bestes, um mich in Deutschland zu integrieren, und die Sprache versuche ich durch Sprach-Apps und Internet zu verbessern“, sagt er. „Aber zugleich habe ich immer die Angst, dass die Polizei eines Abends zum Flüchtlingsheim kommt.“ Tahir-Khan wohnt seit drei Jahren in einer Unterkunft in Hennigsdorf in Brandenburg. Er teilt sich sein Zimmer, die Küche und die Toiletten mit anderen Geflüchteten. „Ohne längerfristige Perspektive findet man keine Wohnung. Ich habe viel nachgesucht, aber bislang habe ich es nicht geschafft.“ Der Mann wünscht sich nicht viel. Nur ein Leben in Frieden.

ALAA KASSAB, 25 JAHRE, Lehrerin. Foto: privat
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ALAA KASSAB, 25 JAHRE, Lehrerin.

Seit mehr als zweieinhalb Jahren lebt Alaa Kassab in Potsdam. Sie hat Glück gehabt, denn vier Monate nach ihrer Flucht aus dem zerstörten syrischen Aleppo wurde sie zusammen mit 28 anderen Syrern in ein Programm für geflüchtete Lehrerinnen und Lehrer aufgenommen, organisiert von der Universität Potsdam. In Aleppo hatte sie auch Englisch unterrichtet, aber an einem Kindergarten. Den hat man letztendlich geschlossen. Krieg und Depression trieben sie nach Deutschland, wo sie Asyl beantragte. Vergebens.

„Der Antrag wurde abgelehnt, weil mein Leben nicht direkt gefährdet wäre, obwohl ich wegen des Krieges jeden Moment ums Leben kommen konnte“, erzählt die junge Syrerin. So stand sie zunächst unter dem sogenannten subsidiären Schutz, der ihr eine einjährige Aufenthaltserlaubnis gewährte. Die wurde um zwei Jahre verlängert. Sie hat sich gut eingelebt. Innerhalb von anderthalb Jahren hat sie Deutsch gelernt – von „kein Wort“ bis auf C1-Niveau, besuchte ein schulpädagogisches Seminar und schloss ein Hospitationspraktikum erfolgreich ab. Direkt nach dem Abschluss bekam sie eine Stelle als Lehrerin an der Grundschule Meusebach in Geltow. Praktisch sei sie Assistenzlehrerin, sagt Alaa, denn sie könne die Sprache noch nicht gut genug, um die deutschen Kindern unterrichten zu dürfen. Mit Englisch schafft sie es aber perfekt.

All ihre Kommilitonen aus dem Programm, die die Sprachprüfung bestanden, arbeiten an Brandenburger Schulen. Sie hofft, ihre Aufenthaltserlaubnis Ende dieses Jahres noch um zwei Jahre verlängert zu bekommen. Nach fünf Jahren darf sie dann einen unbefristeten Titel beantragen. Aber wer weiß. „Die Gespräche ändern sich jedes Jahr“, sagt sie. Die junge Frau möchte auf jeden Fall bleiben, denn der Krieg scheine nie zu Ende zu gehen. Sie schließt auch nicht aus, dass sie dafür vielleicht weiterstudieren würde.

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