Der Iraker Atheer Jabber mit seiner Familie in Sumte (Niedersachsen). 2015 kamen die ersten Flüchtlinge in dem Dorf an. Foto: Philipp Schulze / picture alliance / dpa
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Flucht und Einwanderung in Daten und Fakten Zwei Fünftel der amerikanischen Nobelpreisgewinner sind Migranten

Der „Economist“ hat zum Komplex „Flüchtlinge und Migranten“ eine umfangreiche Beilage veröffentlicht. Viele Daten sind überraschend. Hier eine Auswahl.

Vor einem Jahr wurde der UN-Flüchtlingspakt verabschiedet. Es ist neben dem Migrationspakt das zweite internationale Abkommen, in dem sich die Staatengemeinschaft auf einen besseren Umgang mit Flüchtlingen und Migranten verpflichtet. Am heutigen Dienstag soll auf einem UN-Forum in Genf Bilanz gezogen werden.

Mitte November widmete der „Economist“ dem Komplex „Flüchtlinge und Migranten“ eine umfangreiche Beilage. Das britische Magazin wirft auf Themen einen sehr nüchternen Blick. In ihrer Haltung schließen sich die Autoren weder jenen Nationalisten an, die Kultur und Lebensstil durch Einwanderung grundsätzlich bedroht sehen, noch den humanitär argumentierenden Einwanderungsbefürwortern, die ihre Gegner oft als Rassisten beschimpfen.

Viele Daten dieses sogenannten „special report“ sind überraschend und könnten helfen, die Debatte zu versachlichen. Hier eine Auswahl:

  • Wenn jeder Mensch, der in ein anderes Land einwandern möchte, dies auch könnte, würde sich das globale Bruttosozialprodukt verdoppeln. Dies geht aus einer Studie von Michael Clemens vom „Center for Global Development“ hervor. Es geht um einen Betrag von 90 Billionen Dollar jährlich.
  • Laut einer Gallup-Umfrage wollen sich derzeit 750 Millionen Menschen dauerhaft in einem anderen Land niederlassen. Das sind 15 Prozent des Erwachsenenanteils der Weltbevölkerung,
  • Die Vereinten Nationen haben ermittelt, dass zurzeit 270 Millionen Menschen außerhalb ihres Geburtslandes leben. Rund zehn Prozent davon sind Flüchtlinge.

  • Der „brain drain“, den Migranten in ihren Herkunftsländern verursachen, wird kompensiert durch regelmäßige Geldüberweisungen an die zurückgebliebenen Familien und durch das erworbene Fachwissen, mit dem einige Migranten zurückkehren. Die Summe der Geldüberweisungen beträgt ein Dreifaches der gesamten Entwicklungshilfe.
  • Wer von einem Entwicklungs- in ein Industrieland einwandert, verdient – laut einer Studie der Weltbank – drei- bis sechsmal mehr Geld als vorher.
  • Die Wahrscheinlichkeit, dass Migranten ein eigenes Unternehmen gründen, ist doppelt so hoch wie bei Einheimischen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein Patent anmelden, ist dreimal so hoch.

  • Zwei Drittel aller Migranten, die ein Fachwissen haben, zieht es in vier Länder: die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Kanada und Australien. Alle vier sind wohlhabend, in ihnen wird Englisch gesprochen und sie verfügen über exzellente Universitäten. Das sind wichtige Kriterien.
  • Gut ausgebildete Migranten zieht es vor allem in Großstädte. In Melbourne und Los Angeles leben mehr im Ausland geborene Menschen als in ganz China. Der Anteil der Migranten beträgt in Toronto 46 Prozent, in Sydney 45 Prozent, in New York 38 Prozent, in London 38 Prozent.

  • Migranten oder ihre Kinder gründeten in den USA 45 Prozent der vom Magazin „Fortune“ gelisteten Top-500-Unternehmen, darunter Apple, Google und Levi Strauss.
  • Seit dem Jahr 2000 waren zwei Fünftel der amerikanischen Nobelpreisgewinner Migranten.

  • Laut einer Studie von Allison Harell von der „University of Quebec“ verhalten sich Menschen gegenüber Migranten vor allem dann tolerant, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Grenzen geschützt und kontrolliert werden. Die Einwanderungspolitik eines Landes müsse ordentlich und nach Auswahlkriterien gestaltet sein, um von der Bevölkerung akzeptiert zu werden.
  • Migrationsexperten wie Paul Collier und David Goodhart haben gezeigt, dass eine zu massive Einwanderung in zu kurzer Zeit für große Teile der einheimischen Bevölkerung als problematisch empfunden werden kann.

  • Unter Einwanderern sinkt die Geburtenrate. In Somalia etwa haben Frauen im Durchschnitt 6,2 Kinder, somalische Frauen in Norwegen haben nur 2,4 Kinder.
  • Das wirtschaftliche Gewicht eines Landes hängt zunehmend davon ab, in welchem Maße es Einwanderer anziehen und integrieren kann. Dieser Faktor könnte für wohlhabende Demokratien ein entscheidender Vorteil in der Konkurrenz mit nationalistischen Diktaturen wie China sein.
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