Sagt, wo es langgeht. Christian Lindner, FDP-Chef, versucht seine Partei sozialer aufzustellen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
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FDP-Dreikönigstreffen in Stuttgart Seiner „One Man Show“ will Lindner den Stecker ziehen

Beim Dreikönigstreffen der FDP kündigt Lindner eine Diskussion über eine Neuausrichtung der Partei an. Er will im neuen Jahr nicht mehr alleiniges Zugpferd sein.

Für FDP-Chef Christian Lindner ist es ein vertrauter Ort. Auf den Tag zehn Jahre ist es her, dass Lindner beim traditionellen Dreikönigstreffen der Liberalen zum ersten Mal die Bühne der Stuttgarter Oper betrat. Damals war er gerade FDP-Generalsekretär geworden. Seither ist er hier ein regelmäßiger Redner.

Jetzt steht der 40-Jährige wieder auf der Bühne des „Großen Hauses“, im schmucken Jugendstil-Saal mit den silbernen Holzvertäfelungen und lachsroten Stofftapeten. Gekommen sind mehr als 1000 Zuhörer, viele weißhaarige Männer in dunklen Sakkos sitzen im Publikum, die Stimmung ist wie bei einem Klassentreffen, fröhlich und entspannt.

Gut gelaunt präsentiert sich auch Lindner im Anzug und mit offenem Hemdkragen vorne auf der Bühne. Mehr als eine Stunde spricht er. Der FDP-Chef setzt sein ganzes rhetorisches Talent ein, redet frei, ohne Manuskript. Er macht Kunstpausen, lehnt sich mit angespanntem Oberkörper nach vorne, wenn es ihm besonders wichtig ist. Das Publikum dankt es am Schluss mit stehendem Applaus und Jubel. Lindner, das wird bei diesem Treffen klar, ist nach wie vor die unangefochtene Nummer eins bei den Liberalen.

Doch die FDP als „One Man Show“ mit Lindner als Alleindarsteller, das soll es künftig nicht mehr geben. Lindner will die Partei ein Stück weit neu ausrichten, sie soll sich breiter aufstellen – personell, strategisch und inhaltlich. Das soll die Liberalen wieder in die Offensive bringen, nach der traumatischen Zeit außerhalb des Bundestags, der Flucht aus den Jamaika-Sondierungen 2017 und einem mäßigen Wahljahr 2019.

Dass Lindner nicht mehr als Vorsitzender für alle Themen sprechen will, macht er mit einem spontanen „aktuellen Briefing“ klar, zu dem er zu Beginn seines Auftritts die beiden FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff und Bijan Djir-Sarai auf die Bühne bittet.

Sie sollen dem Publikum die FDP-Positionen in Sachen Irankrise erläutern. „Alexander, wie ist die aktuelle Lage am Golf?“, eröffnet Lindner den kurzen Einschub. Lambsdorff und Djir-Sarai kritisieren pflichtgemäß die Bundesregierung, werfen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Heiko Maas (SPD) Untätigkeit vor.

Es ist nichts Überraschendes, doch Lindner zeigt allen im Saal: Er will im neuen Jahr nicht mehr die ganze Arbeit machen, nicht mehr das alleinige Zugpferd sein. Lindner hat die Partei 2017 zurück ins Parlament geführt, jetzt sollen auch andere drankommen.

Der FDP-Vorsitzende sendet wie auch die anderen Redner an diesem Montagmittag eine Botschaft der Veränderung aus: Die FDP will vor allem raus aus der Opposition, rein in die Regierung. „Es ist alles besser als dieser Status quo“, sagt Lindner über die Groko. Am „Status quo“ der eigenen Partei will er auch etwas ändern. In Hamburg würden die Liberalen nach der Bürgerschaftswahl am 23. Februar am liebsten mit Union und SPD regieren. Im Bund seien sowohl eine „zeitweilige Minderheitsregierung“ als auch Neuwahlen vorstellbar, sagt Lindner. „Bloßes Absitzen bis 2021 reicht nicht mehr.“

"Sozialismus macht nicht sexy, sondern arm"

Dafür wollen die Liberalen vor allem außerhalb des eigenen Milieus mobilisieren – und dazu an ihrem Image arbeiten. Deshalb schlägt Lindner neben den üblichen liberalen Klassikern (Steuerentlastung, Bildungsoffensive, Bürokratieabbau) auch andere Töne an. Die Idee dazu hat er schon lange.

Als er vor zehn Jahren zum ersten Mal in der Oper Stuttgart auftrat, forderte er schon den „mitfühlenden Liberalismus“. Seither versucht die FDP, den Ruf der „Besserverdiener-Partei“ loszuwerden. Daran knüpft Lindner nun an, wenn er Merkel etwa einen „Mangel an Empathie“ gegenüber den Beschäftigten in der Automobilbranche vorwirft.

Es ist der Versuch, enttäuschten Wähler anderer Parteien ein Angebot zu machen – vor allem frühere SPD-Anhänger, Facharbeiter und Angestellte, hat Lindner im Blick. Es gehe darum, den „politisch Heimatlosen eine Alternative zu den Rechtspopulisten zu geben“, sagt er. „Wenn die Menschen eine politische Heimat suchen, dann laden wir sie ein.“

Dazu wollen die Liberalen etwa am 30. April – am Vortag des 1. Mai – Arbeiter vor den Werkstoren großer Unternehmer ansprechen. Unter Applaus präsentiert Lindner während seiner Rede dann auch ein prominentes Neumitglied der Liberalen: den Ex-Sozialdemokraten Florian Gerster, früher rheinland-pfälzischer SPD-Arbeitsminister und seit Neuestem bei der FDP.

Lindner kündigt für das kommende Frühjahr eine Diskussion über die künftige Ausrichtung der FDP an – ob sie sich eher ökologischer, konservativer oder sozialer aufstellen solle. Dazu sagt der Liberalenchef Sätze, die genauso gut auch aus dem Mund eines waschechten Sozialdemokraten stammen könnten: „Am Ende des Jahrzehnts sollten wir einen enkeltauglichen Sozialstaat haben, der sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert.“ Die FDP will den Menschen ein „Aufstiegsversprechen“ machen, für alle, „die es zu etwas bringen“ wollen, sagt Lindner. Die Sozialdemokraten leisteten das nicht mehr, stellt der FDP-Chef fest. Unter den neuen linken Parteichefs Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans habe sich die Sozialdemokratie „völlig abgekoppelt von den Bedürfnissen der Mitte unseres Landes“.

SPD als Hauptgegner

„Die Mitte lebt“ – das ist auch der Wahlspruch der Hamburger FDP-Spitzenkandidatin Anna von Treuenfels, die in Stuttgart einen kurzen Auftritt hat. Auch Generalsekretärin Linda Teuteberg betont den Anspruch der Liberalen, die Interessen der Mitte zu vertreten.

Für die 39-Jährige ist es der erste Auftritt beim Dreikönigstreffen – den Test besteht sie, sie spricht klar und ruhig, fährt einzelne Attacken auf den politischen Gegner und wird am Schluss ihrer Rede kräftig beklatscht.

Die Liberalen wollen sich als die einzig wahre bürgerliche Stimme präsentieren und so von den Schwierigkeiten, in denen die Volksparteien stecken, profitieren. Zugleich soll das dem Höhenflug der Grünen, die alle Redner beim FDP-Treffen routiniert kritisieren, etwas entgegensetzen.

Die Sozialdemokraten scheinen allerdings die neuen Hauptgegner der FDP zu sein. Teuteberg wirft etwa Juso-Chef Kevin Kühnert („Kevin aus West-Berlin“) ein erotisches Verhältnis zu „radikalen Vorschlägen“ vor. „Sozialismus, der macht nicht frei“, warnt Teuteberg. „Der macht nicht sexy, der macht arm.“

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