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In Kabul wird Brot an Bedürftige verteilt. Die große Mehrheit Afghanen weiß nicht, wie sie den Winter überstehen soll. Foto: picture alliance/AP Photo/Petros Giannakouris
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Fast 23 Millionen Afghanen hungern „Es bleibt ein Rennen gegen die Zeit“

In Afghanistan zeichnet sich eine der größten humanitären Katastrophen ab – doch es ist schwierig, dem Land zu helfen.

Die Not ist groß. Doch nun verschärft auch noch die Witterung die Lage im Land. Immer wieder starker Schneefall, gefolgt von Tauwetter, das bereits den Wasservorrat für das nächste Jahr wegschmilzt. Extreme Sandstürme und starker Niederschlag, der ausgetrocknete Bäche in reißende Ströme verwandelt. So beschreibt Florian Luckner, einer der Nothilfekoordinatoren des Welternährungsprogramms (WFP) in Afghanistan, die Bedingungen am Hindukusch. Sie schränken auch die Planbarkeit der so wichtigen Nahrungslieferungen ein. „Es bleibt ein Rennen gegen die Zeit“, sagt Luckner dem Tagesspiegel.

Seit Monaten schlagen Hilfsorganisationen Alarm wegen der humanitären Situation in Afghanistan – und sie wird immer schlechter. Seit die Taliban am 15. August des vergangenen Jahres erneut die Macht im Land übernahmen, hat sich die Lage zu einer der schwersten humanitären Krisen weltweit entwickelt. Fast 23 Millionen Menschen, mehr als die Hälfte der Bevölkerung, leiden Hunger. 95 Prozent der Afghanen nehmen zu wenig Nahrung zu sich. Die Zahl der Menschen, die von WFP Ernährungshilfe erhalten, hat sich seit August bereits fast versechsfacht. 15 Millionen Menschen wurden bis Ende Dezember unterstützt.

„Das Welternährungsprogramm plant eine massive Ausweitung der Hilfsmaßnahmen, um 23 Millionen Menschen zu erreichen, damit sie den bitteren Winter überstehen“, sagt Martin Frick, Leiter des WFP in Berlin. „Um diese Hilfe aufrecht erhalten zu können, brauchen wir aber kontinuierliche Unterstützung.“

Wirtschaftskrise, Dürre, steigende Nahrungsmittelpreise

Die Ursachen der Krise sind zahlreich. Schon vor der Machtübernahme der Islamisten war die Arbeitslosigkeit hoch. Die jahrzehntelangen Konflikte schadeten der Wirtschaft enorm, hinzu kamen seit 2020 die Auswirkungen der Pandemie. Doch seit dem chaotischen Abzug der USA und ihrer Verbündeten ist die Wirtschaft regelrecht eingebrochen. Ausländische Geldgeber stellten Hilfen in Milliardenhöhe ein. Die alte Regierung erhielt jährlich 8,5 Milliarden US-Dollar und deckte damit 80 Prozent ihres Staatshaushalts.

Zudem kämpft die Landwirtschaft mit den Folgen einer der schwersten Dürren seit Jahrzehnten. Bauern zerbröselt das geerntete Getreide regelrecht zwischen den Fingern. Nun ist Nahrung knapp, während die Preise für Lebensmittel fast täglich steigen. Weizen, Mehl, Speiseöl und Treibstoff seien im Vergleich zum Juni um etwa ein Drittel teurer geworden, teilt das WFP mit.

Seit der Rückkehr der Taliban an die Macht ist die afghanische Wirtschaft regelrecht eingebrochen. Foto: Wakil Kohsar/AFP Vergrößern
Seit der Rückkehr der Taliban an die Macht ist die afghanische Wirtschaft regelrecht eingebrochen. © Wakil Kohsar/AFP

Erst Mitte Januar hatten die Vereinten Nationen den größten humanitären Spendenaufruf ihrer Geschichte gestartet. „Es zeichnet sich eine riesige humanitäre Katastrophe ab“, sagte UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths. Die Rede war von 4,5 Milliarden Euro, die im laufenden Jahr benötigt würden. Vergangenen Mittwoch sagte Sondergesandte Deborah Lyons vor dem UN-Sicherheitsrat, dass zusätzliche 3,6 Milliarden US-Dollar benötigt werden. Der Bedarf 2022 steige so auf umgerechnet fast 7,1 Milliarden Euro.

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Es ist so viel Geld, wie die UN noch nie zuvor in einem Jahr für ein einzelnes Land benötigten. Gebraucht wird das Geld die Grundversorgung der Afghanen, für die Gesundheit, Bildung und auch zur Stabilisierung der Wirtschaft. Konkret geht es in Nahrungsmittelhilfe, Notunterkünfte, die Wasserversorgung, die Versorgung der Schulen und die Unterstützung von Bauern. Auch für die Versorgung von Millionen Afghanen in den Nachbarländern wird es benötigt.

Auch UN-Generalsekretär António Guterres forderte die internationale Gemeinschaft auf, eingefrorene afghanische Mittel freizugeben, um eine Verschärfung der Krise zu verhindern. Zugleich rief er die Taliban-Regierung dazu auf, die Rechte von Frauen und Mädchen zu achten.

Das Dilemma: Helfen, ohne die Taliban zu stabilisieren

Guterres’ Appell zeigt das Dilemma, in dem sich die Staatengemeinschaft derzeit befindet. Zwar sollen die Menschen in ihrer Not nicht alleine gelassen werden. Doch soll auch ein Zugriff der Taliban auf die finanziellen Hilfeleistungen verhindert werden. Im Westen besteht über den richtigen Umgang mit dem Regime keinesfalls Einigkeit.

Als die norwegische Regierung vergangene Woche in Oslo mit einer Delegation der Taliban verhandelte, erhielt sie viel Kritik. Ministerpräsident Jonas Gahr Støre verteidigte die Einladung an die Taliban und verwies auf die dramatische humanitäre Lage. Auch die EU, die an den Gesprächen teilnahm, hat die Wiederaufnahme der Hilfe für Afghanistan an die Einhaltung der Menschenrechte durch die neuen Herrscher geknüpft.

Fast 23 Millionen Menschen in Afghanistan leiden Hunger. Grafik: Tagesspiegel/Rita Böttcher Vergrößern
Fast 23 Millionen Menschen in Afghanistan leiden Hunger. © Grafik: Tagesspiegel/Rita Böttcher

Mit der Machtübernahme der Taliban wurden Überweisungen in das Land über das Swift-System ausgesetzt, Reserven der afghanischen Zentralbank in Milliardenhöhe eingefroren, regelmäßige Bargeldlieferungen eingestellt. „Das Einfrieren der internationalen Gelder erstickt das Gesundheitssystem, und gerade jetzt wird humanitäre Hilfe mehr denn je benötigt, um Menschenleben zu retten“, erklärte Florian Westphal, Geschäftsführer von Save the Children Deutschland.

Dem Welternährungsprogramm gelingt es auch in diesen Tagen, robust zu helfen. In einer Januarwoche lieferte das WFP über 15.000 Tonnen Nahrungsmittel an Partner im ganzen Land. Der Humanitäre Flugdienst der UN stellt wichtige Flugverbindungen im Land her, über 170 Lastwagen sind im Einsatz.

Viele Familien sind so arm, dass sie ihre Kinder verkaufen

Besonders fatal wirkt sich die Not auf Afghanistans Kinder aus. Mangelernährung, fehlendes Trinkwasser, eisige Temperaturen und Krankheiten – das ist der tödliche Kreislauf, in dem Millionen Mädchen und Jungen aufwachsen. An einen Schulbesuch ist überhaupt nicht zu denken. Etwa 13 Millionen Kinder benötigen dringend humanitäre Hilfe. Das gilt vor allem für die Kleinsten. Viele Schwangere oder stillende Mütter sind selbst dramatisch mangelernährt, ihre Töchter und Söhne dadurch schon sehr früh gefährlich geschwächt. Wer es schafft – also genug Geld und eine Klinik in der Nähe hat – bringt seine Kinder dorthin. Zum Beispiel, um sie wegen schwerer Lungenentzündung behandeln zu lassen. Auch das eine Folge der Hungerkrise.

Fast vier Millionen Kinder in Afghanistan sind unterernährt. Foto: Scott Peterson/Getty Images Vergrößern
Fast vier Millionen Kinder in Afghanistan sind unterernährt. © Scott Peterson/Getty Images

Doch die meisten afghanischen Familien können es sich nicht leisten, ein Krankenhaus aufzusuchen. Es geht ihnen wie Zabi. Die dreifache Mutter hat ihren Mann verloren, ihr fehlt jedes Einkommen, Lebensmittel oder Brennstoff zum Heizen kann sie sich nicht leisten. „Ich habe keine warme Kleidung für meine Kinder. Ich höre meine Kinder nachts weinen. Sie können nicht schlafen, weil es so kalt ist, und wir haben nichts zu essen.“ Ihre Kinder kauen auf Papierstücken oder Schutt, den sie auf dem Boden finden, um ihren Hunger zu stillen. So hat es Zabi Mitarbeiter:innen der Hilfsorganisation Save the Children erzählt. Da kann es kaum überraschen, dass die Zahl unterernährter Kinder in den vergangenen Monaten von schätzungsweise 3,2 Millionen auf 3,9 Millionen gestiegen ist.
Die Lage ist so verheerend, dass Millionen Afghan:innen zu extremen Mitteln greifen: Sie verkaufen ihre Kinder. Die verarmten Familien können es sich einfach nicht leisten, jedes Kind zu ernähren. Vor allem Töchter werden weggegeben, nicht selten für ein paar Hundert Dollar. Und das nicht etwa als Jugendliche, wie es in einigen Teilen des Landes bei arrangierten Ehen üblich ist, sondern immer häufiger schon im Kindesalter. Afghanistan versinkt in Armut – und zieht die Schutzbedürftigsten mit in den Abgrund.

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