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Die Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern hat stark zugenommen. dpa
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Fälle von sexuellem Missbrauch Täglich mehr als 40 minderjährige Opfer

Die Zahl der Fälle von sexuellem Missbrauch hat 2021 gegenüber 2020 stark zugenommen. Der BKA-Präsident fordert Änderungen bei der Vorratsdatenspeicherung.

Dramatisch. Mit diesem Wort beschreibt Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), den Anstieg bei Fällen von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in Deutschland im vergangenen Jahr. Das Wort „dramatisch“ ist angemessen. 2021 gab es 15 507 Fälle, das sind 6,3 Prozent mehr als 2020.

Noch extremer war der Anstieg der Missbrauchsdarstellungen – also von Verbreitung, Erwerb, Besitz oder Herstellung sogenannter kinderpornografischer Schriften. Diese schnellten um 108,8 Prozent hoch, auf mehr als 39.000 Fälle. Anders ausgedrückt: In Deutschland wurden im vergangenen Jahr im Schnitt täglich 42 Kinder und Jugendliche Opfer sexualisierter Gewalt.

Am Montag präsentiert Münch diese Zahlen, als er er die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik (PKS) 2021 vorstellt. Neben ihm sitzt Kerstin Claus, die neue Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Für sie sind diese Zahlen „erschreckend, aber auch in der Höhe zu erwarten gewesen“. Denn dokumentiert werden nur Taten, die von Polizei und Justiz erfasst wurden.

Und diese Institutionen bekamen mehr Arbeit, weil die Sensibilität für das Thema Kindesmissbrauch gestiegen ist und damit die Zahl der Strafanzeigen. Aber auch, weil die Polizei mit erheblich verbesserten Ermittlungsmethoden arbeitet.

Für Münch ist auch schon klar: „Wir werden auch 2022 einen Anstieg der Fälle haben, weil nur jene Fälle in die Statistik kommen, die strafrechtlich behandelt wurden. Das bedeutet aber, das viele Taten ein Jahr zuvor passiert sind. Wir haben noch lange nicht die Spitze erreicht.“

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Zumal ja viele Taten gar nicht bekannt werden, weil sie sich im sogenannten Dunkelfeld abspielen. Die meisten Fälle sexuellen Missbrauchs passieren unverändert im Bereich der Familie oder zumindest im sozialen Nahbereich eines Kindes oder Jugendlichen.
Den extremen Anstieg von Missbrauchsdarstellungen muss man aber differenzieren. In vielen Fällen, sagt Münch, handelte sich es sich dabei um Bilder, die Jugendliche „unbedacht“ untereinander verschickt hätten. Sie hätten dabei keine kriminelle Energie entwickelt, sondern die strafrechtliche Bedeutung ihrer Aktionen unterschätzt.

Missbrauchs-Beauftragte fordert mehr Medienkompetenz bei Jugendlichen

Deshalb fordert Kerstin Claus auch mehr Medienkompetenz von Jugendlichen. Ihnen sollte klargemacht werden, was strafrechtlich verboten ist, „ohne sie zu kriminalisieren“. Die eigentliche Zielgruppe der Fahnder bleibe unverändert gleich: „Die Erwachsenen stehen im Fokus.“

Und denen kommen die deutschen Ermittler immer stärker mit Hilfe aus den USA auf die Spur. Das BKA arbeitet eng mit einer US-Institution zusammen, die Kindesmissbrauch verfolgt und Hinweise mit Deutschlandbezug an die deutschen Polizisten weiterleitet. Beim BKA liefen im vergangenen Jahr 78 600 Hinweise ein, von denen 62 300 strafrechtlich relevant waren. Ein Jahr zuvor waren es nur 56 000 Hinweise gewesen, davon 30 000 strafrechtlich relevante.

Die Flut der Daten hat aber auch Nachteile

Die Flut von Daten hat aber auch negative Seiten. „Sie erforderte Ressourcen, die man nicht zur Verfügung stellen kann“, erklärt Münch. Das BKA hat die Zahl der Beamten, die sich um sexuellen Kindesmissbrauch kümmern, zwar verdoppelt. „Aber die eigentlich Arbeit geht vor Ort weiter, bei den Polizeidienststellen in den Ländern.“ Und dort ist oft genug das Personal knapp. Allerdings unternimmt zum Beispiel Nordrhein-Westfalen enorme Anstrengungen im Kampf gegen den Missbrauch, als Reaktion auf massive Vorfälle in dem Bundesland. „Mehr Personal bringt auch substanzielle Erfolge, siehe Nordrhein-Westfalen“, betont auch Kerstin Claus.

BKA-Chef Münch räumt aber auch ein: „Wir könnten noch besser sein.“ Er spielt damit an auf die Vorratsdatenspeicherung an, mit deren aktueller Regelung Ermittler Probleme haben. Derzeit dürften Daten maximal sieben Tage gespeichert werden, für Münch ein zu geringer Zeitraum. „Wir hatten im vergangenen Jahr 2100 strafrechtlich relevante Hinweise, bei denen wir nur eine IP-Adresse als Ermittlungsansatz hatten“, sagt der BKA-Präsident.

Ermittler sehen Defizite für ihre Arbeit bei der Vorratsdatenspeicherung

„Doch wegen der Vorratsdatenspeicherung hatten wir keine Chance, die betreffenden Personen zu identifizieren.“ Insgesamt 19 200 Verfahren mussten 2021 letztlich eingestellt werden, weil auch hier, unter anderem, die Regelung der Vorratsdatenspeicherung eine weitere Verfolgung der Täter unmöglich gemacht hätten.

Münch sagt, er habe „Verständnis für die Abwägung zwischen Daten- und Kinderschutz, aber wenn die Lücken im Kinderschutz zu groß sind, muss man über den Datenschutz sprechen.“ Zehn Tage Vorratsspeicherung wären nützlich, aber sechs Monate viel sinnvoller. „Doch sieben Tage reichen auf keinen Fall.“

Auch Kerstin Claus ist mit der Regelung und der Diskussion über die Vorratsdatenspeicherung unzufrieden. Daten- und Kinderschutz dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden, betonte sie, „aber die Stimme des Kindesschutzes ist bei der Debatte etwas untergegangen“.

Kerstin Claus fordert dauerhafte Forschung zum Thema Dunkelfeld

Viel deutlicher wurde sie bei einem anderen Thema. Für die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs ist es ein „Skandal, dass bis heute keine Daten über Missbrauchsfälle im Dunkelfeld vorliegen“. So könne man unmöglich einschätzen, ob die dokumentierte Zahl der Missbrauchsfälle gestiegen sei, weil es tatsächlich mehr Taten gibt oder nur mehr angezeigt würden.

Sie plädiert erneut für die Einrichtung eines Forschungszentrums, das diesen Fragen nachgehen soll. Durch gezielte Befragung von Jugendliche und jungen Menschen zwischen 16 und 29 Jahren über ihre Erfahrungen sollten Experten Antworten zum Thema Dunkelfeld herausarbeiten.

Daten können jetzt verschlüsselt übermittelt werden

Dieses Zentrum soll nach Vorstellung von Claus dauerhaft über den Bundes-Haushalt finanziert werden. Die Kosten bezifferte sie, nach einer Anschubfinanzierung von 425 000 Euro im nächsten Jahr, auf jährlich 800.000 Euro.

Wenigstens war Geld da für eine enorm verbesserte Fahndungsmethode. „Es ist kaum zu glauben“, sagte Münch, „aber vor fünf Jahren haben wir noch Festplatten mit Daten durchs Land gefahren, weil es keine Methode gab, diese Daten sicher verschlüsselt weiterzuleiten.“ Das Problem hat sich inzwischen erledigt.

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