Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Ärzte und Pfleger demonstrieren das Intubieren bei einem Covid-19 Patienten an einer Patienten-Simulationspuppe. Foto: Christian Charisius/picture alliance/dpa
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„Es muss jetzt gehandelt werden“ So bereiten sich acht große Kliniken auf mehr Intensivpatienten vor

Steigen die Corona-Infektionszahlen weiter wie bisher, könnten Intensivpfleger auf den Stationen knapp werden. Das sagen Krankenhäuser vor Ort.

Die Zahl der täglichen Neuinfektionen in Deutschland wächst weiter, ab Montag gilt bundesweit ein Lockdown light. Die drastischen Beschränkungen des öffentlichen Lebens sollen auch verhindern, dass das Gesundheitssystem kollabiert und die Intensivstationen mit Covid-19-Patienten überlastet werden.

Intensivmediziner und Pfleger warnen bereits vor einer drohenden Überlastung: „Wenn es zu einem massiven Anstieg von Corona-Patienten in den Intensivstationen kommt, werden nicht alle fachgerecht betreut werden können“, mahnte kürzlich die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege. Nicht, weil es an Intensivbetten mangele, sondern an qualifiziertem Fachpflegepersonal.

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Auch Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), sagte der Deutschen Presse-Agentur, das Problem sei nicht so sehr die Anzahl der Intensivbetten. „Wir haben mehr Betten und mehr Beatmungsgeräte als zu Beginn der Pandemie. Aber wir haben nicht eine müde Maus mehr beim Personal.“

Das Schichtsystem könne schnell aus den Fugen geraten, wenn Mitarbeiter sich nachweislich mit dem Virus infizieren. Er schätzt, dass bundesweit etwa 3500 bis 4000 Fachkräfte für die Intensivpflege fehlen. Die Bettenbelegung sei zur Zeit regional noch unterschiedlich, erläuterte Janssens. So seien in Schleswig-Holstein 40,7 Prozent der Intensivbetten frei, in Hessen 18,7 Prozent, in Berlin aber nur noch 13,7 Prozent.

Zahl der Intensivpatienten vervierfacht

Der Trend zeigt dabei in eine eindeutige Richtung: Seit Ende September steigt die Anzahl gemeldeter intensivmedizinisch behandelter Covid-19-Fälle rasant. Am 1. Oktober waren es noch 362 Menschen, die wegen einer Coronavirus-Erkrankung auf einer Intensivstation behandelt wurden, derzeit sind es, Stand 30. Oktober, 1839 Menschen. So steht es im Intensivregister, das das Robert-Koch-Institut gemeinsam mit der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin führt.

Der Tagesspiegel hat bei mehreren Kliniken angefragt, wie die Pflegesituation bei ihnen vor Ort auf den Intensivstationen aussieht – ob schon ein Mangel an Pflegepersonal besteht und wie sie sich auf die kommenden Wochen vorbereiten.

Das Fazit: Viele Kliniken sehen sich gut vorbereitet, räumen aber auch ein, dass bei stark steigenden Infektionszahlen zusätzliche Maßnahmen – Helfer aus anderen Bereichen, weniger Behandlungen auf anderen Stationen – nötig seien. So könnten Studierende mit einer Pflegeausbildung, berentete Ärzte, Pfleger von anderen Stationen oder Mediziner der Bundeswehr aushelfen.

Damit jedoch genug Intensivpfleger auf den Stationen arbeiten, müssten diese sich weiterhin gut vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen. Erkrankt nämlich auch das Pflegepersonal, fallen sie für die anspruchsvolle Intensivpflege aus – was die Lage auf den Intensivstationen verschärfen könnte.

Das Universitätsklinikum Köln, so Kliniksprecher Timo Müggel, könne die Krankenversorgung „nicht mehr im bisherigen Rahmen“ organisieren, wenn während der Corona-Pandemie zusätzliche Intensivbetten notwendig wären. Für einen solchen Fall wären mehr Pflegekräfte notwendig, die dann aus anderen Bereichen auf den Intensivstationen eingesetzt werden müssten. „Wir gehen allerdings davon aus, dass wir durch die Erfahrungen im Frühjahr auf die Herausforderungen der kommenden Wochen vorbereitet sind.“

Die Zahl der jetzigen Covid-19-Patienten im Uniklinikum Köln sei für die Pfleger gut handhabbar. Für die kommenden Wochen rechnet das Klinikum jedoch mit mehr schweren Krankheitsverläufen und einer höheren körperlichen und psychischen Belastung der Intensivpfleger.

Ähnlich schätzt man die Lage auch auch im Universitätsklinikum Dresden in Sachsen ein: „Im Moment haben wir ausreichend Pflegepersonal auf den Intensivstationen“, heißt es seitens des Krankenhauses. Allerdings sei zu erwarten, dass auch das Uniklinikum an seine Grenzen stoße, wenn sich immer mehr Menschen infizieren.

„In diesen Fällen werden wir Personal umverteilen“, sagte eine Sprecherin da – dafür müssten dann nicht-dringende Operationen aufgeschoben und Studierende mit einer Pflegeausbildung eingesetzt werden.

Freiwillige Helfer und Personal aus anderen Bereichen

Auf freiwillige Helfer und Personal aus anderen Bereichen setzt ebenfalls das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, sollte die Zahl der Covid-19-Patienten steigen. Für die aktuellen Intensivbetten „ist die Personalstärke ausreichend vorhanden“, erklärte die Kliniksprecherin Anna Dammrich-Warth.

„Wir haben in der ersten Coronawelle eine große Anzahl von freiwilligen Helfern verbuchen können, darunter auch viele Medizinstudenten und Pflegekräfte, die zurzeit nicht im Beruf arbeiten.“ Helfen könnten in einer Notsituation auch Pfleger und Ärzte aus anderen Krankenhäusern oder aus der Bundeswehr.

Konrad Schwarzkopf, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Klinikum Saarbrücken, erklärte, dass die Quarantänemaßnahmen im Rahmen der Corona-Krise die Ausfall-Lage des Personals verschärften. „Aktuell haben wir noch sehr wenig erkrankte Mitarbeiter, mit steigenden Zahlen ist aber zu rechnen“, sagte er.

Die im Ernstfall notwendige Verdoppelung der Intensivbeatmungsbetten werde nur gelingen, wenn die getroffenen Maßnahmen zur Mitarbeiter-Sicherheit greifen würden. Er appellierte in diesem Zusammenhang an die die Eigenverantwortung aller Mitarbeiter im Gesundheitsbereich.

Eine Pflegerin geht auf der Corona-Intensivstation im Universitätsklinikum Dresden hinter einer Glastür mit einer Atemschutzmaske einen Gang entlang. Foto: dpa/Sebastian Kahnert Vergrößern
Eine Pflegerin geht auf der Corona-Intensivstation im Universitätsklinikum Dresden hinter einer Glastür mit einer Atemschutzmaske einen Gang entlang. © dpa/Sebastian Kahnert

Auch das Klinikum Saarbrücken hat aufgrund der steigenden Zahlen erneut einen Aufruf für Helfer gestartet - schon im Frühjahr gab es das Programm, das um Unterstützung Freiwilliger im medizinischen Bereich bat.

Lage „absolut besorgniserregend“

Stefan Kluge, der Leiter der Intensivmedizin des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), warnte am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Berlin vor einer Überlastung der Krankenhäuser und Intensivstationen. Die Lage bei den Corona-Neuinfektionen sei „absolut besorgniserregend“.

Zwar wären noch rund 7000 freie Intensivbetten gemeldet. Doch diese im Krankenhaus-Register verzeichneten freien Kapazitäten könnten nicht komplett belegt werden, sagte Kluge. Er fordert die Krankenhäuser auf, nur solche Betten zu melden, für die neben der technischen Ausstattung auch Personal vorhanden sei.

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Das Universitätsklinikum Leipzig sieht sich nach Angaben von Sprecher Markus Bien zufolge beim Personal „sehr gut aufgestellt“. Das Krankenhaus könne auch weiterhin nicht-dringende Operationen durchführen lassen.

„Bei einer Verschlechterung der Situation würde es hier allerdings zu Abstrichen kommen müssen, um Personal zur Behandlung von Covid-19-Patienten verschieben zu können“, schätzt das Management. Stiegen die Infektionszahlen weiter wie derzeit, würde das Klinikum seine „Leistungen außerhalb der Betreuung von Covid-19-Patienten“ nicht aufrechterhalten können.

Viele Intensivbetten in Brandenburger Kliniken sind noch frei

Auch Brandenburger Kliniken sehen sich gut gerüstet für steigende Infektionszahlen. Noch sei die Situation in den Krankenhäusern gut, sagte der Geschäftsführer der Landeskrankenhausgesellschaft Brandenburg, Michael Jacob, der dpa. Bei Weitem seien noch nicht alle Intensivbetten belegt. Die angespannte Personalsituation könne aber zum Nadelöhr werden, wenn die zweite Corona-Welle in den Krankenhäusern ankomme.

Personal für die Intensivpflege zu bekommen, sei schon zu Normalzeiten schwierig, sagte Jacob. Zum Jahresanfang hätten die Krankenhäuser die Anzahl der Intensivbetten verdoppelt, nicht aber das Personal.

Das Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikum ist ebenfalls gut mit Pflegern und Ärzten aufgestellt. Foto: Ottmar Winter PNN Vergrößern
Das Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikum ist ebenfalls gut mit Pflegern und Ärzten aufgestellt. © Ottmar Winter PNN

Die derzeit geltende Pflegepersonaluntergrenze für die Intensivmedizin, nach der eine Pflegekraft maximal 2,5 Patienten am Tag und 3,5 Patienten in der Nacht betreuen soll, sei bald vielleicht nur schwer einzuhalten.

Potsdamer Klinikum: Genug Pfleger und Ärzte

Im Carl-Thiem-Klinikum in Cottbus ist die Lage im Augenblick „im grünen Bereich“, wie Sprecherin Anja Kabisch sagte. Seit einigen Wochen setze sich der Krisenstab wieder täglich zusammen, um schnell auf Veränderungen reagieren zu können. Alle Dienste seien abgedeckt.

„Bislang sieht es nicht so aus, als steuern wir auf eine Situation zu, in der wir den Dienst am Patienten nicht mehr meistern können“, sagte Kabisch. In die Zukunft schauen könne aber auch sie nicht.
Im Ernst von Bergmann-Klinikum in Potsdam gibt es derzeit keinen Personalmangel - weder in der Pflege noch bei den Ärzten, sagte Sprecherin Damaris Hunsmann.

Aber Betten stünden nicht unendlich zur Verfügung. Man müsse schauen, welche Operationen gegebenenfalls verschoben werden können, wenn die Anzahl von intensiv-medizinisch zu betreuenden Covid-Patienten steige.

„In 20 Tagen stehen wir ganz woanders“

Im Gespräch mit dem Tagesspiegel sagte Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, dass es grundsätzlich richtig sei, dass alle Kliniken in Deutschland gut vorbereitet seien: „Alle Kliniken sind in einem anderen Strategiemodus als im März, man hat viel gelernt.“

Uwe Janssens, Präsident der DIVI, Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Foto: Reiner Zensen/imago images Vergrößern
Uwe Janssens, Präsident der DIVI, Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. © Reiner Zensen/imago images

Dennoch könne man nicht wegdiskutieren, dass es derzeit eine Verdopplungszeit der Infektionszahlen von zehn Tagen gebe. „In 20 Tagen stehen wir ganz woanders.” Außerdem würde man erst in etwa zwei Wochen sehen, wie viele der heute Neuinfizierten auf die Intensivstationen müssten. „Wenn etwa fünf Prozent der heute Neuinfizierten auf der Intensivstation landen, dann kann man sich ausrechnen, wie viele das sind.”

Problematisch werde es vor allem, wenn sich wieder mehr ältere Menschen anstecken würden. „Wir in der Intensivmedizin würden uns ein klares Signal aus der Politik wünschen, dass wir jetzt in den gleichen Modus gehen, wie wir das schon einmal gehabt haben.“ Das Wichtigste sei, dass die Finanzierung gesichert werde.

Dass sich viele Kliniken trotz der steigenden Coronavirus-Zahlen optimistisch zeigen, wundert ihn nicht. Es sei immer ein Unterschied, ob man mit den Geschäftsleitungen der Einrichtungen rede oder mit den Ärzten und Pflegern. In der Intensivmedizin sei man sich einig, dass jetzt gehandelt werden müsse.

In Berlin näherte sich am Montag die Quote der freien Intensivbetten bereits rasant der kritischen Grenze von zehn Prozent an. Viele Krankenhäuser der Hauptstadt haben bereits damit begonnen, planbare Operationen zu verschieben(mit dpa)

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