Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Lokale Lockdowns, wie in Gütersloh, könnten die Coronavirus-Krise weiter verschärfen. Foto: Ina Fassbender/AFP
© Ina Fassbender/AFP

Erst Lockdown, jetzt Verlockung Die Gesellschaft droht zu vergiften, anstatt sich zu immunisieren

Nach den harten Corona-Maßnahmen im Frühjahr setzt der Staat jetzt auf Vernunft und Freiwilligkeit. Darin liegt auch ein Risiko. Ein Kommentar.

Zwischen Obrigkeitsstaat und Anarchie ist in Deutschland nicht viel Platz. Viele Leute sind überfordert mit zu viel Entscheidungsfreiheit, sie sehnen sich nach klaren Regeln – die einen aus Unsicherheit, die anderen aus Bequemlichkeit. So ist die Verantwortung auch fürs eigene Leben leichter zu ertragen.

Die breite Mehrheit für ein generelles Tempolimit auf den Autobahnen wird getragen vom Gefühl der Erleichterung, sich in die nächste 130er-Zone gerettet zu haben. Langsamer ist sicherer und gesünder – aber offenbar für viele erst dann, wenn der Staat es verordnet.

Es geht in der Gesellschaft eben oft auch nicht viel anders zu als in einer streng antiautoritären Kita, wo die Kinder, schon morgens von zu vielen Entscheidungen erschöpft, die Erwachsenen jammernd fragen: Müssen wir heute schon wieder spielen, was wir wollen?

Am Umgang mit Corona lässt sich das gut beobachten. Eine große Mehrheit der Deutschen erklärt bei Umfragen, mit den Maßnahmen des Staates, die ihre Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt haben, zufrieden zu sein. Nur weniger als ein Fünftel beurteilt das anders.

Appelle werden ignoriert, Verbote gebrochen

Bemerkenswert werden solche Aussagen aber erst im Zusammenspiel mit dem sorglosen Verhalten, seit der Staat die Einschränkungen lockert und zunehmend auf Vernunft und Freiwilligkeit setzt.

Als gäbe es kein Morgen, an dem sich eine neue Welle aufbaut, als gäbe es nicht den Rest der Welt, wo die Welle sich gerade austobt, werden Appelle ignoriert und Verbote gebrochen, beim Reisen, beim Shoppen, beim Feiern. Und dort, wo sich der Staat zurückzieht, wo Vernunft auf Unvernunft trifft, steigt, in doppelter Hinsicht, die Temperatur.

Dabei wissen die Menschen, oder sie könnten es jedenfalls wissen, dass sie mit ihrem Verhalten einen neuen Lockdown riskieren. Nur würde dieser wohl anders ausfallen als zu Beginn des Jahres. Statt flächendeckender Schließungen und Ausgehverbote setzt die Politik jetzt auf lokale und regionale Maßnahmen. Davon betroffen ist dann nicht mehr wie zuvor die ganze Gesellschaft, sondern jeweils nur ein Teil von ihr.

[Jetzt noch mehr wissen: Mit Tagesspiegel Plus können Sie viele weitere spannende Geschichten, Service- und Hintergrundberichte lesen. 30 Tage kostenlos ausprobieren: Hier erfahren Sie mehr und hier kommen Sie direkt zu allen Artikeln.]

Das klingt banaler, als es eigentlich ist. Die Einschränkungen im Frühjahr wurden vor allem deswegen noch halbwegs ertragen, weil sie jede und jeden gleichermaßen trafen und so das Gefühl einer Leidensgemeinschaft entstand – Ausnahmen wie irrationale Generationenkonflikte mal außen vor gelassen.

Gemeinsam sind Zumutungen eben besser auszuhalten, zumal dann, wenn jemand die Verantwortung dafür übernimmt. Die partielle Abschottung einzelner Bevölkerungsgruppen dagegen öffnet die Schleusen für Neid, Missgunst und Stigmatisierung. Das Gefühl von Willkür und Ungerechtigkeit bis hin zum Unrecht würde die Gesellschaft schleichend vergiften, anstatt sie zu immunisieren.

Die Bahn erlebt, was die BVG schon durch hat

Die Wahrscheinlichkeit, dass es so kommt, würde signifikant sinken, wenn nicht alle täten, was sie (wieder) dürfen – oder sich zumindest an das hielten, was noch gilt, zum Beispiel an die Plicht zum Mund-Nase-Schutz. Die Bahn erlebt damit gerade, was die BVG schon durch hat: Ein Verordnung ohne Sanktion ist so wirkungslos wie eine Sanktion ohne Kontrolle, und eine Kontrolle bedarf klarer Zuständigkeiten, die angenommen und durchgesetzt werden.

Aber auch die gesellschaftliche Selbstregulierung funktioniert nicht so richtig: Wer keinen Streit oder gar Schläge riskieren mag, hält die Klappe, wenn andere auf die Maske verzichten. Und setzt sie bald entnervt selbst nicht mehr auf, spätestens dann, wenn der Zwang entfällt.

Für selbstbestimmt denkende, fühlende, hoffende Menschen sind das keine guten Zeiten. Zwischen einer Politik, die massiv in die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger eingreift, und jenen, die jedes bisschen Freiheit zu Lasten anderer missbrauchen, ohne Abstand und Maske, aber mit Vollgas, ist nicht viel Platz. Wer ihn nicht aufgeben will, muss Verantwortung übernehmen. Für sich selbst – und damit auch für andere.

Zur Startseite