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Erinnerung der Deutschen Marine Wie der Lebensretter Hans Langsdorff in Vergessenheit geriet

Kapitän Langsdorff bewahrte vor 80 Jahren mehr als 1000 Seeleute des Panzerschiffes „Graf Spee“ vor dem Tod. Warum will die Marine keine Erinnerung an ihn?

Das Grab auf dem Friedhof Chacarita in Buenos Aires liegt noch da, wie vor 80 Jahren. Aber es fehlt ein kleines Detail. „Kapitän zur See Hans Langsdorff. Kommandant Panzerschiff Admiral Graf Spee. *20. März 1894, + 20.12.1939“, steht auf dem schlichten Grabkreuz, darüber ein Eisernes Kreuz. Hierin befand sich Jahrzehnte in der Mitte noch ein kleines Hakenkreuz – doch das ist heute nicht mehr da. Auf Verlangen der Tochter von Hans Langsdorff wurde es herausgefräst.

Aus dem kollektiven Gedächtnis der Marine ist aber auch ein wenig das Erinnern an diesen Kapitän zur See verschwunden, der verantwortlich ist für eine der ungewöhnlichsten Geschichten des Zweiten Weltkriegs. Eine Geschichte, die Adolf Hitler in der Reichskanzlei zum Toben brachte. Die aber über 1000 deutschen Seeleuten das Leben rettete – und ein Leben in Freiheit in Argentinien ermöglichte.

Durch die erste umfassende Biografie kommen nun auch auf die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) unangenehme Fragen zu. Sie sagte am Jahrestag des versuchten Hitler-Attentats von Claus Schenk Graf von Stauffenberg beim Gelöbnis neuer Rekruten am 20. Juli: „Soldatischer Dienst erfordert Gewissen und Haltung, keinen Kadavergehorsam.“

Gewissen und Haltung, keinen Kadavergehorsam, zeigte in einer ausweglosen Situation auch Langsdorff. Doch die Deutsche Marine behandelt ihn bis heute wie ein rotes Tuch. Geschrieben hat das Werk „Kapitän zur See Hans Langsdorff: Der letzte Kommandant des Panzerschiffs Admiral Graf Spee“ der frühere Marine-Kapitän Hans-Jürgen Kaack. Er kennt sich aus und will aufrütteln. Am 9. September erscheint das 724-Seiten-Buch im Verlag Ferdinand Schöningh.

Als das Panzerschiff im Dezember 1939 im ersten Seegefecht des Zweiten Weltkriegs in einen aussichtslosen Kampf gegen die britischen Kreuzer geschickt zu werden drohte, entschied sich Langsdorff zur Versenkung des Schiffes in der Atlantikmündung des Rio de la Plata vor Uruguays Küste. Die Matrosen konnten zuvor auf der anderen Seite in Buenos Aires an Land gehen. Er rettete ihr aller Leben und nahm sich sein eigenes mit einem Schuss in den Kopf.

Hans Langsdorff ist in Vergessenheit geraten

Eigentlich eine Heldentat. Die Spee-Fahrer gründeten in Argentinien Familien, Tausende Kinder wurden geboren, bis heute gibt es Stammtische der Nachfahren der Spee-Besatzung. Jedes Jahr im Dezember gedenkt man gemeinsam mit Blumen und Reden an Langsdorffs Grab des Graf-Spee-Kommandanten, dem sie ihr Leben verdanken.

Erst vor ein paar Wochen machte diese Schlagzeile die Runde: „Uruguay muss Hakenkreuz-Bronzeadler von deutschem Panzerschiff verkaufen.“ Ein Privatunternehmer hatte 2006 die Bergung der „Graf Spee“ organisiert. Einem Urteil zufolge muss das Verteidigungsministerium in Montevideo die Skulptur innerhalb von 90 Tagen zu Geld machen und die Hälfte der Einnahmen dem Unternehmer überlassen. Doch während der Bronzeadler weiter Schlagzeilen produziert, als Überbleibsel dieses Seegefechts im fernen Südamerika, das für das Deutsche Reich im Desaster endete, ist Hans Langsdorff in Vergessenheit geraten.

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In Deutschland sind keine Straßen und Plätze nach dem Kommandanten der „Graf Spee“ benannt, in der kanadischen Stadt Ajax gibt es immerhin eine Straße zu seinen Ehren, den „Langsdorff Drive.“ „Die Bundeswehr selbst war meines Wissens bisher noch nicht bei Gedenkveranstaltungen zugegen“, sagt Angelika Nawroth vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Langsdorffs Verhalten werde aber an der Marineschule Mürwik (MSM) in den dortigen militärhistorischen Unterrichten „historisch-kritisch thematisiert“.

Das Thema Langsdorff findet sich dort als offizieller Themenpunkt in den Lehrplänen. Nachfrage bei der Marineschule Mürwik, was das denn heiße, er werde historisch-kritisch thematisiert. „Hier muss ich Ihnen leider mitteilen, dass derartige inhaltliche Informationen und Schulungsmaterial der Marineschule nur für den Dienstgebrauch bestimmt sind und nicht ohne Weiteres an Presse und Öffentlichkeit ausgegeben werden können“, antwortet ein Sprecher.

Soll eine Debatte vermieden werden?

Den früheren Fregattenkapitän Hans-Jürgen Kaack hat die ganze Geschichte nicht ruhen lassen, seit er erstmals davon gehört hat, wie er bei einem Treffen in einem Café in Berlin berichtet. Es geht um die zentrale Frage, wie Offiziere sich in Grenzsituationen verhalten sollen, nach dem ethischen Geländer, an dem sie sich dann festhalten können. Ihn treibt um, warum in der Marine bis heute dieser Offizier, der in einer einmaligen Situation unter brutalem Druck unkonventionell handelte und nicht der Tradition, sondern seinem Gewissen folgte, total beschwiegen wird. Er hofft auf eine breite Debatte und hat jahrelang an der ersten großen Langsdorff-Biografie gearbeitet.

Es ist ein bemerkenswertes Werk über einen Diener dreier Staaten. Kaack hat rund 150 private Briefe Langsdorffs, vor allem Familienbriefe an seinen Vater gerichtet, nutzen können. Alle in Sütterlin, was er erst lernen musste, um die Briefe zu transkribieren. Kaack hat schon seine Diplomarbeit über die Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr geschrieben, über die Adenauer-Stiftung kam er in das Büro von Manfred Wörner, damals verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, nach dem Mauerfall leitete Kaack das erste CDU/CSU-Verbindungsbüro in Berlin. „Die spannendste Zeit meiner Berufszeit.“

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In einem Interview des Magazins „Leinen los“ wurde vor Kurzem Jörg Hillmann, Leiter des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, auf die erste Langsdorff-Biografie angesprochen. Damit werde es laut Hillmann möglich sein, einen differenzierten Blick auf die Person Hans Langsdorff zu werfen. „Und dann werden wir schauen, wie wir uns zu dieser Person positionieren“, sagte er. „Es ist sicherlich ein beispielgebendes Verhalten, das Langsdorff mit der Rettung seiner Besatzung damals gezeigt hat.“ Damit werde allerdings noch keine Traditionswürdigkeit begründet. Will heißen: Keine Änderung des Status quo. Soll eine Debatte vermieden werden?

Tochter lebt heute in Freudenstadt

Langsdorff handelte eigenmächtig, entgegen der Erwartungen der deutschen Seekriegsleitung und allen Traditionen der Kriegsmarine. Ihm waren über 1000 lebende Matrosen lieber als 1000 tote Helden. Am 13. Dezember 1939 gerät sein Panzerschiff „Admiral Graf Spee“ sechshundert Kilometer vor Montevideo in ein Seegefecht mit drei englischen Kreuzern. Schwer beschädigt erreicht das deutsche Schiff den Hafen der uruguayischen Hauptstadt. Im Einklang mit dem Völkerrecht gewährt die Regierung der kampfunfähigen „Graf Spee“ 72 Stunden Aufenthaltsrecht. Eine Reparatur hätte mindestens 14 Tage beansprucht. Deshalb lässt Kapitän Langsdorff das Panzerschiff vor den Augen der Öffentlichkeit am 17. Dezember in der La-Plata-Mündung versenken.

Die Besatzung von 1039 Mann und ihr Kapitän sind zuvor von Bord und in Buenos Aires an Land gegangen. Die dortige deutsche „La Plata Zeitung“ ehrt mit zahllosen Bildern die „Helden der Graf Spee“ und ruft zu „Geldspenden zur Beschaffung von Liebesgaben für die Besatzung“ auf – das von Schweizer Einwanderern gegründete Argentinische „Tageblatt“ fragt dagegen, ob es sich bei der Besatzung um „Schiffsbrüchige“ oder „Kriegführende“ handele. Per Regierungsdekret verfügt Argentiniens Präsident Roberto María Ortiz am 19. Dezember, dass die Besatzung bis zum Ende des Krieges in Argentinien bleiben solle. Der Kommandant und die Offiziere werden in Buenos Aires interniert, die Besatzung später in verschiedenen Provinzen.

Einen Tag später verübt Kapitän Langsdorff in Buenos Aires Selbstmord. Die „La Plata Zeitung“ nennt Langsdorff einen „Held der Pflicht“, der „nach treuer Pflichterfüllung bis zum Letzten von eigener Hand fällt auf dem Feld der Ehre“. Zur Aufbahrung des Sarges titelt die Zeitung pathetisch: „Der Kommandant der Admiral Graf Spee folgt seinem Schiffe in den Tod“. Langsdorff war ein treu sorgender Familienvater, eine Tochter lebt heute in Freudenstadt. Kaack berichtet, wie Langsdorff sich in der Vorweihnachtszeit schon mal tagelang in seinen Bastelkeller zurückzog, um für seine Kinder Bauernhof, Ritterburg und Modell-Eisenbahnen zu bauen.

verlässliche Wegmarken in ethisch-moralischen Fragen

Vieles deutet darauf hin, dass Langsdorff kein überzeugter Nationalsozialist war. Schon 1918, nach dem Zusammenbruch der Monarchie am Ende des Ersten Weltkriegs, habe er die Notwendigkeit eines politischen wie gesellschaftlichen Neubeginns erkannt und nicht auf der reaktionären Seite innerhalb der Flotte gestanden, betont Kaack. „In Bremerhaven arbeitete er als Kommandant eines Minensuchboots im November 1918 mit dem Arbeiter- und Soldatenrat zusammen, um an Stelle einer Revolution in und außerhalb der Marine Reformen auf den Weg zu bringen.“

Direkt aus dem Minensucheinsatz in der Nordsee kommend, habe er an der bereits unter roter Flagge stehenden Bremerhavener Schleuse erstmals ein ungewöhnliches Verhalten gezeigt, hat Kaack herausgefunden. Als revolutionäre Matrosen die Besatzung aufforderten, die kaiserliche Kriegsflagge niederzuholen, weigerte sich die Besatzung. Als die Revolutionäre daraufhin ihre Waffen in Anschlag brachten, befahl Langsdorff das Niederholen von Flagge und Wimpel. Seinem Vater gegenüber begründete er sein Verhalten damit, dass er am Ende des Krieges seine Männer „nicht sinnlos über den Haufen schießen lassen“ wollte. 21 Jahre später stand er in einer ähnlichen Situation – und rettete erneut Leben.

Kaack betont, mehr denn je sei heute der einzelne Offizier in einer Zeit rasch wechselnder Veränderungen „auf verlässliche Wegmarken in ethisch-moralischen Fragen“ angewiesen, die ihm, zumal in außergewöhnlichen Entscheidungssituationen, Handlungssicherheit geben können. Doch Langsdorffs Verhalten wird in der Marine bisher nicht als ein Vorbild oder als Richtschnur in so einer Lage gesehen.

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