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Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei Foto: picture alliance/dpa/Federico Gambarini
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Enthüllungen in der Türkei Erdogan und sein Problem mit dem Mafiaboss

Ein Mafiapate legt Kontakte zwischen der türkischen Regierung und dem organisierten Verbrechen offen. Die Berater von Präsident Erdogan sind entsetzt.

Der Pate sitzt an einem Tisch und schaut in die Kamera, unter seinem offenen Hemd schimmert eine Goldkette, vor ihm liegen Bücher und Papierstapel. So beginnen die Videobotschaften des türkischen Mafiabosses Sedat Peker, die Ankara erbeben lassen.

Denn was Peker zu sagen hat, ist pures Dynamit – besonders wenn er von dem „sauberen Süleyman“ spricht, dem türkischen Innenminister Süleyman Soylu. In seinen Videos enthüllt Peker enge Verbindungen zwischen der türkischen Regierung und dem organisierten Verbrechen. Auch im fünften Clip, der am Sonntag verbreitet wurde, spielte der „saubere Süleyman“ eine große Rolle.

Der 49-jährige Peker ist unter anderem wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung vorbestraft und stand mehrmals wegen Mord, Mordversuch, Entführung und anderen Vorwürfen vor Gericht. Eine Zeit lang trat der nationalistische Mafiaboss als besonders rabiater Anhänger der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan auf. So drohte er öffentlich, er werde Gegner der Regierung am nächsten Baum aufhängen und in ihrem Blut baden. Da die Justiz ihn unter Verweis auf die Meinungsfreiheit gewähren ließ, war klar, dass Peker den Schutz der Regierung genoss.

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Der Pate Sedat Peker belastet türkische Minister schwer. Foto: Getty Images Vergrößern
Der Pate Sedat Peker belastet türkische Minister schwer. © Getty Images

Aber damit ist es vorbei. Im Januar 2020 floh Peker überstürzt ins Ausland – kurz darauf wurde sein Rivale aus der türkischen Unterwelt, Alaattin Cakici, auf Betreiben von Erdogans rechtsnationaler Koalitionspartei MHP aus dem Gefängnis entlassen. Cakici habe seitdem Pekers Platz als staatsnaher Mafiaboss übernommen, kommentierten die Medien.

Peker soll inzwischen in Dubai leben. Von dort aus veröffentlicht er seit einem Monat über sein Twitter-Konto ein Video nach dem anderen. Die Serie begann, als die türkische Polizei in landesweiten Razzien mehrere Dutzend Mitglieder seiner Bande festnehmen ließ. Peker ärgert sich besonders über Soylu: Dieser habe ihn lange geschützt, dann aber fallen gelassen. Der Innenminister nennt Peker inzwischen eine „Ratte“.

Der Mafioso behauptet, er habe auf Befehl von Soylu türkischen Polizeischutz erhalten und dem Innenminister häufig geholfen. Noch voriges Jahr habe er per Internet eine Solidaritätsbewegung für Soylu organisiert und ihm so das politische Überleben gesichert, nachdem der Minister wegen einer schlecht organisierten Corona-Ausgangssperre zurückgetreten war. Damals gab es eine Twitter-Kampagne gegen Soylus Rücktritt – Erdogan beließ den Minister deshalb im Amt.

Heute ist Soylu mächtiger denn je. Der Minister tue so, als habe er eine weiße Weste, schimpft Peker. Dabei habe der „saubere Süleyman“ seine Anhänger zu Richtern und Staatsanwälten befördern lassen, sagt er in seinem Video vom Sonntag.

Suleyman Soylu, Innenminister der Türkei (Archivbild) Foto: Imago/MusienkoxVladislav Vergrößern
Suleyman Soylu, Innenminister der Türkei (Archivbild) © Imago/MusienkoxVladislav

In anderen Clips greift Peker den früheren Innenminister Mehmet Agar an, dem schon lange Verbindungen zur Mafia nachgesagt werden: Während Agars Amtszeit in 1990er Jahren kam heraus, dass der türkische Staat rechtsgerichtete Mafosi als Handlanger einsetzte, um vermeintliche Staatsfeinde zu töten. Peker behauptet, dass diese Verbindungen heute noch funktionieren. So sei eine junge Frau, die den Sohn von Agar bei der Polizei als Vergewaltiger angezeigt habe, kurz darauf tot aufgefunden worden. Die Staatsanwaltschaft stellte alle Ermittlungen rasch ein.

Andere Videos befassen sich mit angeblichen Drogenlieferungen aus Südamerika in die Türkei, die von der Justiz ignoriert worden seien. Peker berichtet auch von seinen eigenen Verbrechen als regierungstreuer Mafioso. So habe er einen ehemaligen Parlamentsabgeordneten in einer Polizeiwache krankenhausreif prügeln lassen, weil dieser angeblich Erdogan und die Präsidentenfamilie beleidigt hatte.

Selbst Erdogan-Berater sind entsetzt. Wenn Pekers Behauptungen auch nur zu einem Tausendstel wahr seien, wäre dies eine Katastrophe, sagte der ehemalige Justizminister Cemil Cicek. Er rief die Justiz zum Handeln auf – doch die Staatsanwälte, die sonst bei jeder regierungskritischen Äußerung einschreiten, schweigen bisher beharrlich.

Das liegt womöglich daran, dass Peker noch viel mehr über die dunklen Kontakte zwischen Regierung und Verbrecherbanden erzählen könnte, wenn er unter Druck gesetzt wird. Minister Soylu sei die Schlüsselfigur im Dreieck zwischen Erdogans Regierungspartei AKP, Bahcelis MHP und der Mafia, sagt der Oppositionspolitiker Özgür Özel.

In der türkischen Öffentlichkeit haben Pekers Enthüllungen sogar die Corona-Pandemie von der Tagesordnung verdrängt. Die Journalistin Tugce Tatari stellte in einem Beitrag für das Nachrichtenportal T24 eine Frage, die das ganze Land beschäftigt: „Ist die Türkei ein Mafia-Staat?

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