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Ein Mann springt auf die Tanzfläche kurz nach der Wiedereröffnung, im The Piano Works in Farringdon, in London. Foto: Alberto Pezzali/AP/dpa
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England ohne Masken und Abstand Johnsons Impf-Erfolgstrunkenheit wird zur Gefahr

Gegen den Rat der Experten und dem Willen der Bevölkerung hebt England alle Beschränkungen auf. Premier Johnson setzt viel aufs Spiel. Ein Kommentar.

Die Corona-Fälle verdoppeln sich in Großbritannien derzeit alle 10 Tagen. Noch im Sommer könnten sich bis zu 100.000 Briten täglich mit Covid-19 infizieren, sagt der Gesundheitsminister – wegen der Delta-Variante und trotz fast 70 Prozent Erstgeimpften.

Und dennoch werden Premierminister Boris Johnson und seine Regierung am Montag in England fast alle Corona-Beschränkungen aufheben: Die Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr fällt ebenso wie die Homeoffice-Pflicht. Selbst Nachtclubs öffnen wieder.

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Es ist ein Schritt gegen alle Vernunft, gegen den Rat der meisten Experten und auch gegen den Willen der Bevölkerung. Britische Wissenschaftler warnen seit Wochen, hohe Fallzahlen erhöhten die Zahl der Long-Covid-Fälle, die Gefahr von Mutationen und die Gefahr überlasteter Krankenhäuser. Rund zwei Drittel der Briten befürworten laut einer Ipsos-Umfrage für den „Economist“, zentrale Maßnahmen wie die Maskenpflicht beizubehalten.

Johnson zieht es trotzdem durch - aufgrund einer Mischung aus Chuzpe, Impf-Erfolgstrunkenheit und libertärem Denken.

"Bitte holen Sie sich den Pieks" - letzte Ansage aus Downing Street

In einer Ansprache in der vergangenen Woche übertrug der Premier die Verantwortung für den Coronaschutz den Bürgern. Die Quintessenz seiner Rede: Die Pandemie sei nicht vorbei - aber der Staat sei dann jetzt erst einmal weg. Wir haben die Impfung geliefert, jetzt fahren wir unser Programm herunter, ihr seid dran. „Please get that jab – bitte holen Sie sich den Pieks“ - und seien Sie vorsichtig. „Endlich beschreiten wir den Weg der Eigenverantwortung“, freute sich ein Tory-Abgeordneter.

Das ist ein bemerkenswerter Moment in dieser Pandemie. Ein Staat gibt seine koordinierende Aufgabe beim Schutz der Bürger auf – inmitten einer Krisenphase. Kann das Erfolg haben?

Dieses Schild wird verschwinden: Fast alle "temporäre Einschränkungen" wie hier im Londoner Stadtteil Soho werden am Montag aufgehoben. Foto: Tayfun Salci/dpa Vergrößern
Dieses Schild wird verschwinden: Fast alle "temporäre Einschränkungen" wie hier im Londoner Stadtteil Soho werden am Montag aufgehoben. © Tayfun Salci/dpa

Je länger die Pandemie dauert, desto klarer zeigt sich, wie gut welche Staaten die Krise gemeistert haben. Der „Spiegel“ und der „Economist“ versuchten sich zuletzt an Rankings, indem sie die Übersterblichkeit, die Härte der Maßnahmen, die Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung und Impffortschritt ins Verhältnis setzten.

Diese ersten Rankings zeigen: Ja, es gab einige wenige Länder – Inseln wie Taiwan oder Neuseeland – die trotz geringer staatlicher Einschränkungen eine hohe Zahl an Toten vermeiden konnten. Sie sind aber eher Ausnahmen. Wo Staaten eingriffen, gab es tendenziell weniger Tote. Und ein klarer Gegensatz zwischen „Leben retten“ und „Wirtschaft retten“ lässt sich bislang nicht erkennen.

Impftempo verlangsamt sich

Den einen erklärenden Faktor für den Erfolg in der Pandemie wird es wohl nicht geben. Aber eines spielt zunehmend eine Rolle, jetzt, da die Impfkampagnen der westlichen Länder fortschreiten – und es ist genau das, was Boris Johnson wieder verspielt: Vertrauen.

Zu Beginn des Impfens waren diejenigen Staaten erfolgreich, die früh viel Vakzin kaufen konnten und besonders effizient organisiert waren, neben Großbritannien etwa Israel und die USA. Mittlerweile ist Deutschland bei den Erstimpfungen an den USA vorbeigezogen.

Seit Wochen verlangsamt sich dort das Tempo. Die Impfung ist – wie so vieles – politisch aufgeladen, sie polarisiert. In konservativen ländlichen Regionen mit traditionell hoher Staatsskepsis verweigern sich viele. In Missouri geht nun eine Gemeinde so weit, geheime Impfungen anzubieten – weil der „jab“ so verpönt ist. Hinzu kommt, dass sich wie in Großbritannien und Deutschland sozial Benachteiligte seltener impfen lassen.

Wenn die Pandemie eines gezeigt hat – sowohl in den „Lockdowns“ als auch jetzt, wo durch die Virus-Varianten die Anforderungen an die Impfquote gestiegen sind – dann ist es, dass eben sehr viele mitmachen müssen. In intakteren Gesellschaften mit höherem Vertrauen lässt sich das eher durch Eigenverantwortung organisieren. Doch je gespaltener eine Gesellschaft politisch und wirtschaftlich ist, desto mehr müssen Regierungen werben, anbieten, Regeln setzen. Die jüngere Geschichte Großbritannien spricht nicht dafür, dass Johnsons Weg eines lapidaren „Get that jab“ ausreicht, um die Bürger zu schützen. Gut möglich, dass das Land seine Erfolge wieder verspielt.

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