Ein Genie kommt in die Hauptstadt-Region. Elon Musk, Tesla-Chef. Foto: Mike Blake/REUTERS
© Mike Blake/REUTERS

Elon Musk, der Mobilmacher Brutal genial – so tickt der Tesla-Chef

Elon Musk hat mit seiner Elektroautofirma Tesla noch nie einen Jahresgewinn gemacht – Geldgeber und Kunden folgen ihm dennoch. Wie kommt das? Ein Portrait.

Es war die Nacht des 31. Oktober des vergangenen Jahres, Halloween, als Elon Musk im Tesla-Hauptquartier im kalifornischen Palo Alto eines seiner seltenen Interviews gab. Die Unterhaltung dauerte 80 Minuten, und Musk nahm dabei einen seiner berühmtesten Aussprüche zurück. Den hier: „Ich will auf dem Mars sterben – nur nicht bei der Landung.“

Musk sagte nun, dies müsse ironisch gemeint gewesen sein und er müsse vorsichtig sein, „um das Schicksal nicht herauszufordern“. Denn er denke oft, die ironischsten Aussagen seien „die passendsten“. Der Mann, der wohl doch nicht auf dem Mars sterben will und um die Gefahr zu wissen scheint, die hinterm Uneigentlichen lauert, der bemannte Flüge zum Mars möglich machen, Los Angeles untertunneln und Verbrennungsmotorautos vom Planeten fegen will, plant nun den Bau einer Elektroautofabrik in Grünheide, Brandenburg, Landkreis Oder-Spree.
Einer, der als Kind Science-Fiction-Romane las und besonders „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams gemocht haben soll – ein Buch, das wenig ernst nimmt – will hinterm südöstlichen Berliner Stadtrand eine „Gigafactory“ errichten lassen. Dort sollen „Batterien, Powertrains und Autos“ hergestellt werden, twittert er am Dienstag, „beginnend mit Model Y“, einem im nächsten Jahr in den USA erstmals vom Band laufenden Tesla-SUV.

Und was auch immer Powertrains sind, laut Berliner Wirtschaftsverwaltung könnten 6000 bis 7000 Arbeitsplätze in Grünheide entstehen, in einem in Berlin geplanten Tesla-Entwicklungszentrum weitere.

"Warst du das?"

Gigawerke, wie nun eines in Brandenburg entstehen soll, gibt es bereits. Vergangenes Jahr eröffnete eines in Shanghai. Das, sagt Musk, soll der Maßstab sein. Das berüchtigtste steht in Nevada. Musk selbst hat es als Produktionshölle bezeichnet. Mehr als eine Milliarde Dollar hatte Tesla in das Werk gesteckt.

Der Tagesspiegel kooperiert mit dem Umfrageinstitut Civey. Wenn Sie sich registrieren, tragen Sie zu besseren Ergebnissen bei. Mehr Informationen hier.

Und nichts lief wie geplant. Manche sagten, weil die Ziele, die Musk sich gesteckt hatte, unmöglich zu erreichen waren. Es sind die gleichen Leute, die später zugeben mussten, dass Musk ein grundlegend anderes Konzept der Kategorien „möglich“ und „unmöglich“ hat als eben die meisten Menschen.

Der Pulitzer-Preisträger und „Wired“-Autor Charles Duhigg ist einer der wenigen, die mit Menschen reden konnten, die eng mit Musk zusammenarbeiteten. Die meisten, schreibt Duhigg, hätten Schweigeklauseln unterzeichnet, Angst um ihre Karrieren. Und was in Nevada vorgefallen ist, ist in Deutschland aufgrund von Arbeitnehmerrechten, Gewerkschaften schwer vorstellbar.

Doch es gibt Einblick in die Psyche eines Mannes, der twitterte: „Niemand mit einer 40-Stunden-Woche hat je die Welt verändert.“

Lebhaft erinnern sich mehrere Tesla-Mitarbeiter beispielsweise an einen Samstag im Oktober 2017. Elon Musk hatte nicht weniger als eine Revolution angekündigt. Das Modell 3, ein massenweise produziertes, emissionsfreies Elektrofahrzeug für weniger als 35.000 Dollar, die Mobilitätswende für jedermann. Das Werk in Nevada sollte 5000 davon pro Woche produzieren. Zu diesem Zeitpunkt schaffte das Werk etwa drei am Tag.

Es muss gegen 10 Uhr morgens gewesen sein, schreibt Duhigg bei „Wired“, als Elon Musk durch die Produktionshalle läuft, versucht herauszufinden, was schiefläuft. Vor einem Roboter bleibt er stehen und spricht einen jungen Ingenieur an: „Hey, das hier funktioniert nicht. Warst du das?“

Der Ingenieur, den Musk nie zuvor getroffen hatte, versteht die Frage nicht. „Ob du das warst, verdammt!?“, soll Musk gebrüllt haben. „Du bist ein verdammter Idiot. Hau ab und komm nie wieder!“ Später musste der Mitarbeiter tatsächlich seine Entlassungspapiere unterschreiben. Nur der Erste von 700, die in der Folge gefeuert wurden.

„Elon bedeuten die Menschen, die in seinen Firmen arbeiten, viel“, hieß es vom Unternehmen. „Deshalb feuert er manchmal Leute, die nicht gut genug sind.“ Zum Wohle der Firma.

Eine Führungskraft formulierte es später anders: „Elon liegt die Menschheit am Herzen, der Mensch eher weniger.“ Was seien schon die Gefühle eines Einzelnen verglichen mit dem Schicksal von Milliarden?

Acht Monate später produzierte Tesla die von Musk geforderten 5000 Tesla Model 3 pro Woche und wies einen Gewinn von 312 Millionen Euro aus.

Das Werk eines Wahnsinnigen. Ein Geniestreich.

Das Studium brach er nach zwei Tagen ab

Elon Musk, so hat es seine Biografin Ashlee Vance in ihrem Buch „Elon Musk: Tesla, SpaceX and the Quest for a Fantastic Future“ beschrieben, oszilliert schon immer zwischen diesen beiden Polen. Widerstand, Ablehnung haben Elon Musk, dessen Vermögen auf mehr als 20 Milliarden Dollar geschätzt wird, nur weiter angetrieben.

Über seine Kindheit sagte Musk der Autorin: „Sie haben meinen verdammten besten Freund dazu gebracht, mich aus meinem Versteck zu locken, damit sie mich verprügeln konnten.“ Er, ein Nerd und Außenseiter, sei ständig Angriffen ausgesetzt gewesen. Das habe „das Erwachsenwerden schwer gemacht“. Sein Vater sei tyrannisch gewesen. „Du wirst in der Schule von Banden gejagt, dann kommst du nach Hause und dort ist es auch schrecklich“, sagte er seiner Biografin.

Geboren ist Elon Musk 1971 in Pretoria, Südafrika, besuchte dort auch eine öffentliche Schule. Seine Mutter gab später zu Protokoll, Musk sei als Kind so introvertiert und scheu gewesen, dass sie eine Zeitlang glaubte, er sei taub: „Er zieht sich in seinen Verstand zurück und man merkt einfach, dass er in einer anderen Welt ist. Er tut das immer noch. Mittlerweile lasse ich ihn aber in Ruhe, denn wer weiß, vielleicht entwickelt er gerade eine Rakete oder so.“

Mit zwölf Jahren, heißt es, entwickelte Musk ein Videospiel. „Blaster“ verkaufte er für 500 Dollar an eine Computerzeitschrift. Es darf als das erste in einer Reihe von Projekten gelten, die ihn zu einem der einflussreichsten Menschen gemacht haben.

Um dem Militärdienst in Südafrika zu entgehen, beantragten Musk und sein Bruder Kimbal schon mit 16 Jahren Reisepässe bei der kanadischen Botschaft. Sie wanderten aus. Musk studierte an einer kanadischen, später an einer Uni in Pennsylvania, hält einen Bachelor in Physik und Wirtschaft. Schaffte es sogar auf die Eliteuni im kalifornischen Stanford.

Angeblich, so erzählt er es, brach er nach zwei Tagen ab – eine Entscheidung, die ihn zum Millionär machen sollte. „Ich gründe Firmen nicht, um Firmen zu gründen, sondern um Dinge zu erledigen“, hat Musk einmal gesagt. Seine erste 1995, kurz nachdem er Stanford verlassen hatte: „Zip2“. 28.000 Dollar Startkapital bekam er von seinem Vater.

Sein Start-up vermarktete Inhalte für Medienunternehmen. Und das in einer Zeit, als die Großen dieser Branche das Internet noch für eine vorübergehende Erscheinung hielten. Vier Jahre später wurde es für 307 Millionen Dollar gekauft. Musk, 31 Jahre alt, erhielt persönlich 22 Millionen und gründete im selben Jahr X.com. Ein Online-Bezahlsystem per E-Mail, das später mit der Confinity fusionierte und das wichtigste Online-Bezahlsystem weltweit auf den Markt brachte: PayPal.

Ebay kaufte die Firma für 1,5 Milliarden.

Für Musk muss es die Bestätigung dessen gewesen sein, für das ihn Leute bis heute verachten: die Hybris, dass mit Einfallsreichtum und Ambition alles machbar sei. Musk, der mit 2000 Dollar in die USA gekommen war, sagte: „Ich könnte mir eine der Inseln der Bahamas kaufen und dort mein persönliches Reich errichten. Aber mich interessiert eher, Firmen zu entwickeln und neue aufzubauen.“ Er hatte längst nicht genug.

Und dann kam Tesla. Musk investiert 2004 einen Teil seines PayPal-Vermögens in die ein Jahr zuvor gegründete Firma und wird damit Hauptinvestor und Chef des Verwaltungsrats. Er tat damit etwas für Internetpioniere Untypisches, er investierte in ein Unternehmen, das es schon gab und das ein Produkt entwickelte, das ebenfalls nicht neu war: Autos, mit Elektromotoren.

Ähnlich verfuhr er zwei Jahre zuvor bei seiner Raumfahrtfirma SpaceX, die er zwar selbst gründete, aber die Raumfahrt gab es ebenso schon wie die Idee, Menschen und Güter unterirdisch durch Hochgeschwindigkeitstunnel am Stau vorbeirasen zu lassen. Das 2016 gegründete Unternehmen heißt „The Boring Company“, „Das bohrende“ – oder auch „Das langweilige Unternehmen“. Die Geschäftsidee bei allen dreien bestand darin, die jeweiligen Produkte billiger und damit massentauglich zu machen.

Ein Genie und viele Wahnsinnige

Sie war bei Tesla so überzeugend, dass auch andere Investoren einstiegen. Das war auch nötig, Ende 2008 stand Tesla kurz vor dem Konkurs. Von der Unternehmensgründung bis heute hat die Firma zwar gelegentlich Quartalsgewinne, aber noch nie einen Jahresgewinn gemacht.

Die Autoproduktion lief in den allermeisten Jahren schleppend, die Kaufpreise sanken ebenso langsam. Und dennoch: Im Juni 2017 hatte Tesla erstmals den Börsenwert von BMW übertroffen – bei nur 80 000 Autos im Jahr zuvor. BMW verkaufte zwei Millionen.

Denn die Tesla-Idee hatte irgendwann auch die potenziellen Kunden befallen. Teslas muss man vorbestellen, oft auch anzahlen – was Menschen sogar bei Modellen taten, von denen noch niemand wusste, wie sie einmal aussehen würden. Ein Genie und viele Wahnsinnige.

Am Morgen des 7. August 2018, in Los Angeles hinterm Lenkrad eines Tesla sitzend, twitterte er: Er „denke darüber nach, Tesla von der Börse zu nehmen“, für 420 Dollar je Aktie, „Finanzierung gesichert“. Die US-amerikanische Börsenaufsicht wertete das als versuchte Kursmanipulation, reichte Klage ein, Teslas Aktienkurs fiel um 14 Prozent, und bald darauf war Musk nicht mehr Tesla-Verwaltungsratsvorsitzender, Vorstandschef durfte er bleiben, er und Tesla mussten jeweils 20 Millionen Dollar Strafe zahlen.

Jetzt also kündigt Elon Musk an, herkommen zu wollen. Er, der mit Henry Ford verglichen wird und mit Steve Jobs. Dessen Autofirma bislang nur Geld gekostet, aber keins eingebracht hat.

Und der 2018 mal 20.000 „Flammenwerfer“ binnen vier Tagen verkaufte – Bunsenbrenner in Maschinenpistolen – einfach so, als Witz, mit dem Namen „Kein Flammenwerfer“ versehen. Beworben wurden die Geräte mit dem Satz: „Kaufen Sie einen überteuerten Flammenwerfer!“

Zur Startseite