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Ein Covid-19-Patient wird an einer Klinik in Neu Delhi transportiert. Foto: Adnan Abidi/Reuters
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Einreisen aus Indien gestoppt Wie gefährlich ist die Virusvariante B.1.617 für Deutschland?

Die dritte Welle überrollt Indien, vor und in Kliniken gibt es dramatische Szenen. In Deutschland wächst die Sorge vor einem Verlust des Impferfolgs.

Die Bilder sind dramatisch – und die Zahlen sind es auch: Indien wird von einem regelrechten Sturm von Neuinfektionen mit dem Coronavirus erschüttert. An vielen Orten geht medizinischer Sauerstoff aus, an Covid-19 Erkrankte können nicht mehr beatmet werden. Vor Kliniken betteln Patienten verzweifelt um Aufnahme und auch die Krematorien sind überlastet.

Eine Ursache ist offenbar die Virusvariante B.1.617. Wegen der Entwicklung in dem Land mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern zieht Deutschland nun Konsequenzen. Einreisen aus Indien nach Deutschland werden weitgehend gestoppt.

„Um unsere Impfkampagne nicht zu gefährden, muss der Reiseverkehr mit Indien deutlich eingeschränkt werden“, schrieb Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Samstag im Onlinedienst Twitter. Ab Montagfrüh 0 Uhr dürfen Spahn zufolge nur noch Deutsche und Ausländer mit Aufenthaltsrecht in der Bundesrepublik aus Indien einreisen. Für sie gilt eine Testpflicht vor dem Abflug sowie eine 14-tägige Quarantäne nach der Ankunft in Deutschland.

„Die neu entdeckte Virus-Mutation in Indien besorgt uns sehr“, erklärte Spahn. Auch Großbritannien und Italien stoppen die Einreisen aus dem Land.

In Indien meldete das Gesundheitsministerium am Sonntag mit 349.691 neuen Fällen binnen eines Tages wieder einen traurigen Weltrekord. Den vierten Tag in Folge wurden dort mehr als 300.000 Neuinfektionen und mehr als 2000 Tote registriert.

Allein in der vergangenen Woche wurden mehr als zwei Millionen Fälle verzeichnet – ein Anstieg von 58 Prozent im Vergleich zur Vorwoche, wie aus einer Berechnung der Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Daten der Gesundheitsbehörden hervorgeht. Die amerikanische Johns-Hopkins-Universität meldet seit Pandemiebeginn knapp 17 Millionen bestätigte Infektionen und mehr als 192.000 Covid-19-Tote.

Damit verzeichnet das Riesenland pro eine Million Einwohner mit rund 12.500 Infektionen und 142 Covid-19-Toten zurzeit noch deutlich weniger Fälle als beispielsweise Deutschland (etwa 39.700/984). Experten vermuten in Indien allerdings weitaus höhere Dunkelziffern.

Der SPD-Gesundheitsexperte und Epidemiologe Karl Lauterbach hatte sich bereits an mehreren Tagen hintereinander von der Entwicklung in Indien alarmiert gezeigt. Auf Twitter nannte er die Virusvariante B.1.617. „besorgniserregend“. In Großbritannien, wo es neben der britischen Variante auch einen hohen Anteil Geimpfter gebe, wachse sie schneller als alle anderen Varianten. „In Indien explodiert die 3. Welle geradezu mit dieser Variante“, so Lauterbach.

Da sich diese auch bei Geimpften durchsetzen könne, „kommt auch auf Europa ein Problem zu“, schrieb der Mediziner in einem anderen Tweet. Und twitterte am nächsten Tag: „Wir müssen unseren Impferfolg schützen gegen diese Mutationen.“

Krematorien haben mit Masseneinäscherungen begonnen. Foto: Altaf Qadri/AP/dpa Vergrößern
Krematorien haben mit Masseneinäscherungen begonnen. © Altaf Qadri/AP/dpa

Auch der Vizechef des Robert Koch-Instituts (RKI), Lars Schaade, hatte am Freitag gesagt, es sei denkbar, „dass uns die Variante vor neue Herausforderungen stellt“. Aber die Belege seien noch nicht da. „Wir müssen da hinschauen, Warnungen müssen ernst genommen werden.“ Es gehe auch darum, die weitere Einschleppung der Variante nach Deutschland zu vermeiden.

Die Zahl der bisherigen Nachweise liegt bei 21, wie das RKI bereits in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht geschrieben hatte. „Wir sehen im Moment noch keine Tendenz zur großen Verbreitung innerhalb von Deutschland. Aber wir haben das im Blick“, betonte Schaade.

Die Mutante werde als „Doppelvariante“ bezeichnet, weil es zwei besondere Mutationen im sogenannten Spike-Protein gebe, führte Schaade aus. Es werde vermutet, dass eine dieser Mutationen die Antikörper-Antwort etwas unterlaufe und die andere Mutation den zweiten Arm der Immunantwort. Das sei eine Theorie vor dem Hintergrund von Beobachtungen bei anderen Varianten mit solchen Mutationen. Das sei aber nicht belegt, es gebe dazu keine gesicherten Daten.

[Mehr zum Thema:Angst vor Corona-Mutanten - was man jetzt über die neuen Virusvarianten wissen muss]

Hoffnung macht dagegen eine neue Studie aus Indien. Darin kommen Wissenschaftler zu dem Schluss, dass die indische Mutante (B.1.617) mit den Antikörpern von Geimpften oder Infizierten gut neutralisiert werden. Die Schutzwirkung sei nur leicht abgeschwächt.

Auch Weltärzte-Präsident Frank Ulrich Montgomery forderte umfassende Schutzmaßnahmen. Die indische Mutante sei offenbar „ansteckender und im Krankheitsverlauf schlimmer“ als bisher bekannte Virusvarianten, sagte er der „Rheinischen Post“. „Daher sind alle Maßnahmen der Kontakteinschränkung gegenüber potentiell hiermit Infizierten gerechtfertigt.“

In der Bundesregierung gibt es nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa auch Überlegungen, den Flugverkehr mit Indien vorübergehend zu stoppen. Wie es in Regierungskreisen hieß, wird die Entscheidung darüber im Bundesverkehrsministerium seit Tagen vorbereitet. Thema seien nicht nur Direktflüge, sondern auch Flüge über Airports am Golf sowie am Bosporus.

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Offenbar hatte sich zuvor Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eingeschaltet. Das RKI hatte Indien zwar als Hochrisikogebiet, aber noch nicht als Virusvariantengebiet eingestuft. Die Regeln für Virusvariantengebiete sind deutlich strenger: Einreisende müssen für 14 Tage in Quarantäne ohne Verkürzungsmöglichkeit. Außerdem dürfen Fluggesellschaften bestimmte Personengruppen aus diesen Regionen nicht befördern. Das führt dann meist dazu, dass nur noch wenige Flüge angeboten werden.

Premier Nareneda Modi (70) erhielt am 8. April bereits die Zweitimpfung. Foto: by - / PIB / AFP Vergrößern
Premier Nareneda Modi (70) erhielt am 8. April bereits die Zweitimpfung. © by - / PIB / AFP

Indiens Premierminister Narendra Modi (70) rief am Sonntag alle Bürger auf, sich impfen zu lassen und vorsichtig zu sein. Nach der Bewältigung der ersten Welle sei man guten Mutes gewesen, sagte Modi in einer Rundfunk-Ansprache, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet. „Aber dieser Sturm hat die Nation erschüttert“, sagte Modi.

Modis Regierung steht in der Kritik, weil sie wieder Massenveranstaltungen zugelassen hatte, nachdem die Infektionszahlen im Oktober und November auf weniger als 10.000 pro Tag gesunken waren. Es gab wieder große Hochzeitsfeiern, zahlreiche Zuschauer verfolgten im riesigen Narendra-Modi-Stadion, wie Indien England im Kricket besiegte. Zehntausende Bauern beteiligten sich an Protesten gegen neue Agrargesetze.

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Bei der Kumbh Mela, einer der größten religiösen Feiern der Welt, drängten sich zwischen Januar und Mitte/Ende April geschätzt 25 Millionen Pilger dicht an dicht, die meisten ohne Maske. In vielen Bundesstaaten gab es zudem Wahlkampfveranstaltungen, darunter eine von Modi mit geschätzt 800.000 Teilnehmern, so die Nachrichtenagentur AFP. Zudem sind die Verkehrsmittel vor allem in den Metropolen nach wie vor so überfüllt wie vor der Pandemie.

Ohne Masken, ohne Abstand: Gläubige bei der Kumbh Mela im Ganges. Foto: Danish Siddiqui/Reuters Vergrößern
Ohne Masken, ohne Abstand: Gläubige bei der Kumbh Mela im Ganges. © Danish Siddiqui/Reuters

Nachdem sich Vermutungen über eine bereits bestehende Herdenimmunität im Land nicht bestätigten, ruhen die Hoffnungen nun auf den Impfungen. Bisher erhielten knapp 140 Millionen Inder ein Vakzin, ab dem 1. Mai sind alle Erwachsenen zu einer Impfung berechtigt. Allerdings gibt es einerseits Berichte, wonach der Impfstoff in einigen Gebieten knapp wird. Anderseits gibt es wegen der Variante B.1.617. neue Fragezeichen.

Ein weiterer Grund für die dramatische Entwicklung ist Indiens seit Jahrzehnten unterfinanziertes Gesundheitssystem. Experten kritisieren, dass auch nach der ersten Welle nichts unternommen worden ist. In den Krankenhäusern wurden weder die Vorräte an Medikamenten aufgestockt, noch wurden Beatmungsgeräte angeschafft.

Zudem herrschte in dem Land schon vor der Coronavirus-Krise ein chronischer Mangel an medizinischem Sauerstoff, der für die Behandlung von Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf lebensnotwendig ist. Der Agentur AFP bemüht sich die Zentralregierung inzwischen verstärkt, Sauerstofflieferungen aus anderen Ländern zu bekommen. Auch aus Deutschland sollen Anlagen geliefert werden. Zudem organisierte die Regierung Sonderzüge, um Sauerstoff in die am schlimmsten betroffenen Städte zu bringen.

Die Behörden der Hauptstadt Neu Delhi verlängerten inzwischen die bestehenden Auflagen. Der Lockdown bleibe eine weitere Woche in Kraft, erklärte Neu Delhis Regierungschef Arvind Kejriwal am Sonntag in einer Videobotschaft. „Die Verwüstung durch das Coronavirus geht weiter, und es gibt keine Verschnaufpause.“ Auch die Finanzmetropole Mumbai versucht, mit nächtlichen Ausgangssperren und weiteren Einschränkungen die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

Mehrere Länder – darunter auch die USA – kündigten inzwischen Hilfen für Indien an. „Deutschland steht Seite an Seite in Solidarität mit Indien. Wir bereiten so schnell wie möglich eine Unterstützungsmission vor“, erklärte Merkel am Sonntag in Berlin nach Angaben ihres Sprechers Steffen Seibert. „Der Kampf gegen die Pandemie ist unser gemeinsamer Kampf.“

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