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Gregor Gysi ist einer der erfahrensten und originellsten Politiker der Linken. Foto: Michael Kappeler/dpa
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„Eine Runde Bundestag“ Wie Gregor Gysi Rot-Grün-Rot schaffen will

Er ist ein gewiefter Verhandler und hat noch einen Lebenstraum: die Linke in die Regierung führen. Wären da nicht diese Hürden. Ein Spaziergang mit Gregor Gysi.

Das Bundestagsbüro von Gregor Gysi ist ein Panoptikum seiner politischen Karriere. Eine rote Karl-Marx-Büste ist hier anzutreffen, Bilder mit Peter Maffay und Jan Böhmermann, ein Bild mit ihm bei der Großdemonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz - und die Urkunden für zwei Tierpatenschaften, einmal für ein Zwergflusspferd, die andere für den Brüllaffen Marlon-Gregor im Berliner Tierpark. Und dazu Botschaften wie „Verbunden werden auch die Schwachen mächtig“. Gysi meint dazu: „Wenn Die Schwachen sich nicht organisieren, sind sie völlig chancenlos.“

Wer Gysi dieser Tage trifft, der spürt, der Mann ist nicht fertig. Die Linken-Fraktion hat den 73-Jährigen im vergangenen Jahr zum außenpolitischen Sprecher gemacht, der gewiefte Anwalt soll ein ganz besonderes Kunststück vollbringen, wenn es denn nach der Bundestagswahl zu Sondierungen über eine rot-grün-rote Koalition kommen sollte. Die scheinbar unüberbrückbaren Differenzen in der Außen- und Sicherheitspolitik so einebnen, dass SPD und Grüne bereit zu einem Bündnis wären.

Bei einer „Runde Bundestag“, dem Podcast des Tagesspiegel zur Bundestagswahl (Produktion: Markus Lücker), erzählt er bei einem Spaziergang rund um den Reichstag, wie er sich das vorstellt, und warum er nun noch einmal im Bezirk Treptow-Köpenick kandiert und wieder das Direktmandat holen will, er tritt hier unter anderem gegen die frühere Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein (CDU) an. 

„Also, man verändert auch etwas in der Opposition, dadurch, dass du den Zeitgeist veränderst“, sagt Gysi beim Spaziergang über die Wiese vor dem Reichstag. „Ja, und wenn dir das, natürlich auch mit Hilfe anderer gelingt, dann verändert sich auch Regierungspolitik.“ Wenn heute über Rot-Rot-Grün oder Rot-Grün-Rot diskutiert werde, das sei das Neue, sei das nicht mehr des Teufels. „Die SPD kann sogar dazu stehen, dass wenn es denn ginge, sie es versuchen würde.“

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"Die Hartgesottenen machen wir zu Staatssekretären"

Auf den Einwurf, dass Kanzlerkandidat Olaf Scholz viel lieber eine Ampel-Koalition will und so ein Bündnis und wegen vieler Abweichler bei der Linken sicher eine Mehrheit von 30 Mandaten brauchen würde, meint Gysi: „Wissen Sie, die Hartgesottenen werden parlamentarische Staatssekretäre und dann völlig harmlos.“

Aber es gebe in der Tat nicht nur in der Außen- und Sicherheitspolitik erhebliche Differenzen, sondern genauso in der Steuerpolitik und in der Sozialpolitik.

„Trotzdem sollten wir das Ziel nicht aus dem Auge verlieren. Und wenn es scheitert, soll es eben nicht an uns scheitern.“ Deshalb kandidiere er nochmal für den Bundestag, weil er dann dabei sei, wenn es wirklich zu Sondierungen kommen sollte.

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Just in dem Moment spazieren wir vorbei an der Parlamentarischen Gesellschaft, wo die Sondierungen meist stattfinden - ein beliebtes Motiv der Fotografen sind die in Pausen auf dem Balkon quatschenden Politiker, die hier verhandeln.

Wo aber SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz ein Bekenntnis der Linken zu Auslandseinsätzen und dem Verbleib in der Nato fordert, sagt Gysi: „In der Sicherheits- und der Außenpolitik, da können wir von unseren Prinzipien nicht weg. Wir müssen den anderen helfen, einen Weg zu finden, der es uns ermöglicht, es ihnen aber auch möglich macht.“ Recht optimistische Worte für den Vertreter einer Partei, die bei 6,7 Prozent steht und mit Abstand die schwächste Kraft in so einem Bündnis wäre.

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Gregor Gysi will den Wahlkreis Treptow-Köpenick wieder direkt gewinnen. Foto: AFP Vergrößern
Gregor Gysi will den Wahlkreis Treptow-Köpenick wieder direkt gewinnen. © AFP

Gysi: ich führe die Verhandlungen

Wie das gehen soll, bleibt bis auf weiteres Gysis Rätsel. „Darüber will ich vorher nicht diskutieren. „Wenn Sie den Kompromissvorschlag vorher einbringen, dann hat sich ja das schon erledigt.“ Aber er werde auf jeden Fall für die Linke die Verhandlungen mitsteuern. „Damit haben sie mich ja überzeugt, dass ich nochmal kandidiere.“ Was ihn bei allen politischen Unterschieden mit Olaf Scholz verbindet ist, dass sie beide Anwälte sind, die auch in ausweglosen Lagen Kompromisse finden. Aber Scholz hat „unverhandelbare“ rote Linien eingezogen.

Was die Linke fordert, ist für Scholz "unverhandelbar"

Nur zur Erinnerung, was die Linke und ihre Fraktion im Bundestag betonen: „Die Linke will die Nato auflösen und durch ein gesamteuropäisches kollektives Sicherheitssystem unter Beteiligung Russlands ersetzen, um auf diese Weise die Grundlagen für gemeinsame Sicherheit und somit für einen nachhaltigen Frieden in Europa zu schaffen."  Ein erster Schritt hierzu sei der Austritt Deutschlands aus den militärischen Strukturen der NATO, schon jetzt werde durch diese auf dem Boden der Bundesrepublik bundesdeutsches Recht gebrochen – "allen voran durch die Ermöglichung von völkerrechtswidrigen Drohnenmorden, die die USA über eine Relaisstation auf dem US-Stützpunkt in Ramstein durchführen".

Aber selbst wenn es bei allen Unwahrscheinlichkeiten klappen sollten, hätte Gysi noch ein anderes Ziel, das er eisern verfolgt - und so lange will er weitermachen: „Ich kann ja erst gehen, wenn die Gleichstellung zwischen Ost und West erreicht ist“, sagt er. Das sollte Union und SPD und alle anderen animieren, es schnell zu versuchen, „damit sie mich loswerden.“

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