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Der CDU-Politiker Michael Brand bei einer Rede im Bundestag. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
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Eine „Runde Bundestag“ mit Michael Brand (CDU) Wie der Mord an Walter Lübcke den guten Freund nicht loslässt

Michael Brand sieht im Bundestag Leute, die er für Brandstifter hält. Bei einem Spaziergang spricht er über Lübcke, das Waldecklied und die Koalition Rut-Wiess.

Es regnet. Das passt zur Stimmung, wenn man Michael Brand auf jenen 1. Juni 2019 anspricht, als Walter Lübcke auf seiner Terrasse erschossen wurde. „Es ist jetzt schon über zwei Jahre her, dass Walter feige ermordet worden ist“, sagt Brand. Der Hesse ist menschenrechtspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, eigentlich eine ziemliche Frohnatur. Aber dieser Mord lässt ihn nie mehr los.

Wir haben uns getroffen zu einer „Runde Bundestag“, dem Politik-Podcast des Tagesspiegels zur Bundestagswahl (Produktion: Markus Lücker), Abgeordnete berichten bei einem Spaziergang, was sie bewegt, was Politik als Beruf heute, wo die Anfeindungen rasant zunehmen, bedeutet.

Michael Brand kannte Lübcke seit vielen Jahren, sie waren eng befreundet. Und er hat auch die Familie des getöteten Kasseler Regierungspräsidenten jeden Tag zum Prozess begleitet. Lübcke hatte sich für die Aufnahme von Flüchtlingen stark gemacht und bei einer Veranstaltung 2015 in Lohfelden rechtsextremen Störern zugerufen: „Wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen." Daraus entwickelte sich der Mord- und Racheplan. Der spätere Täter, der Rechtsextremist Stephan Ernst, wurde zu lebenslang verurteilt.

Brand berichtet, Lübcke hätte sich damals gewünscht, dass mehr Bürger aufgestanden und ihn unterstützt hätten. „Wenn ich das übertrage auf das, was uns hier im Parlament und außerhalb in der Gesellschaft beschäftigt, dann ist es das Vermächtnis von Walter Lübcke, dass man sich nicht wegducken darf, sondern dass man, wenn jemand im Sturm steht, für unsere Werte, für unsere Demokratie einsteht.“

Der Prozess: "Er hat uns dreckig ins Gesicht gelacht"

Wir gehen am Reichstagsgebäude entlang, Richtung der großen Wiese. „Das war verdammt schwer. Es waren fast sieben Monate und ich muss sagen, was die Familie dort durchgestanden hat, wie sie mit dem Schicksal umgeht, wie sie zusammenhält, das werde ich ewig in Erinnerung behalten“, erinnert sich Brand an den Strafprozess.

Der Täter und der Mittäter saßen vor der Familie und der Mittäter habe der Familie Lübke dreckig ins Gesicht gelacht. Zwei Mal die Woche hätten sie alle gemeinsam den Tätern in die Augen geschaut und „klargemacht, dass wir uns nicht wegducken, sondern dass wir alle zu Walter stehen.“ Wegen der unklaren Rolle des wegen Beihilfe angeklagten und dann freigesprochenen zweiten Mannes hat die Familie Revision eingelegt.

Aber dass er hier im Parlamentsviertel immer wieder die AfD-Abgeordneten sieht, lässt ihn nicht ruhen, er sieht in vielen von ihnen geistige Brandstifter. „Es bleibt bis heute unfassbar, dass er einfach weg ist und dass man einen so guten Charakter praktisch hingerichtet hat“, sagt Brand. „Jemand, der sich als Christdemokrat, als Patriot für unser Land und für die Werte eingesetzt hat, der auch ein sehr fröhlicher Mensch, einfach ein Menschenfreund war.“

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Trauerfeier für den mit einem Kopfschuss getöteten Walter Lübcke (CDU) am 13.06.2019. Foto: Swen Pförtner/dpa Vergrößern
Trauerfeier für den mit einem Kopfschuss getöteten Walter Lübcke (CDU) am 13.06.2019. © Swen Pförtner/dpa

"Eine Linie von Höcke zu Gewalt und Mord"

Gerade in der vergangenen Wahlperiode sei durch die AfD und Reichsbürger ein anderes Klima entstanden. „In diesen vier Jahren ist ein systematisches Aufheizen und Hetzen gegeben hat. Und das hat ein Umfeld geschaffen, in dem am Ende Täter bereit sind, Menschen zu ermorden.“ Und deswegen sei für ihn völlig klar, dass es zu dieser Hetze, „zu dieser systematischen Aufheizung von Björn Höcke, von Alexander Gauland und wie sie alle heißen, eine direkte Linie zu Gewalt und auch zu Mord gibt.“ Das seien die Brandstifter, die als Biedermänner daherkommen.

Brand hält jetzt kurz inne, blickt auf das große Hauptportal mit der Innschrift „Dem Deutschen Volke“. Das Gebäude wurde ja bereits im Kaiserreich gebaut, als das Deutsche Reich aus vielen Fürstentümern bestand.

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Lübcke und das Waldeck-Lied

Brand zeigt auf das Wappen des Fürstentums Waldeck und Pyrmont, der späteren Heimatregion Lübckes – es wurde nach der Novemberrevolution 1918 Preußen zugeschlagen. Lübcke sei immer sehr stolz gewesen auf sein Waldecker Land. „Die haben einen starken Lokalpatriotismus wie wir auch in Fulda.“  Er habe sich immer diebisch gefreut, wenn er anderen das Wappen zeigen konnte. Für ihn war seine ganz persönliche Nationalhymne auch das Waldeck-Lied, er hatte es stets auf seinem Handy, berichtet Brand. „Das war für ihn die Hymne. Und deshalb wurde bei der Trauerfeier für ihn in Kassel dann zum Schluss das Waldeck-Lied gespielt; ein sehr emotionaler Moment, weil alle mitgesungen haben“. Er habe da wahrscheinlich auf einer Wolke zugeschaut und mitgesungen.

Seit 2017 sitzt auch die AfD im Bundestag, etwas, das Michael Brand sehr beunruhigt. Foto: Kay Nietfeld/dpa Vergrößern
Seit 2017 sitzt auch die AfD im Bundestag, etwas, das Michael Brand sehr beunruhigt. © Kay Nietfeld/dpa

Die beste Therapie: Die Koalition Rut-Wiess

Brand versteht Lübckes Tod auch als Auftrag, seit er mit Anfang 20 während des Kosovokriegs in Bosnien gelebt hat, kämpft er für die Menschenrechte, hat sich unter anderem intensiv auch für eine Entschädigung der Opfer der Colonia Dignida in Chile eingesetzt. „Ich als Christ halte es für wichtig, wir hier in Deutschland und Europa, die seit über 70 Jahren in Frieden leben, das Maul aufmachen müssen, für diejenigen, die das eben nicht machen können: Sei es in Russland, China, Tibet, oder für Christen, die verfolgt werden.“

Brands Arbeit im Parlament sind oft schwere Themen, für die man einen langen Atem braucht. Eine gewisse Leidensfähigkeit braucht man aber auch in seinem bedeutsamen Nebenamt im Bundestag, das nur wenige kennen. Michael Brand ist Präsident des Parlaments-Fanclubs des 1. FC Köln, der „Koalition Rut-Wiess“. „Ein Freund sagte mir mal: Ich glaub bei dir ist dieser Fanatismus für den 1. FC Köln auch eine Therapie für die Themen, mit denen Du sonst so zu tun hast. Er hat recht. Und hier halten wir fraktionsübergreifend fest zusammen.“ 

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