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Hermann Otto Solms (FDP) an seinem letzten "Arbeitstag" nach 37 Jahren Bundestag vor dem Reichstag. Foto: Georg Ismar/TSP
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„Eine Runde Bundestag“ mit FDP-Urgestein „Wir waren pleite“ – was Hermann Otto Solms nach 37 Jahren Bundestag denkt

Er war FDP-Fraktionschef, Bundestagsvize- und Alterspräsident. Hermann Otto Solms verlässt den Bundestag. Ein Gespräch über Sternstunden und rote Ampel-Linien.

Hermann Otto Solms blickt auf das Reichstagsgebäude, Kaiserwetter über Berlin. Es ist ein historischer Tag, zumindest für Hermann Otto Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich, 80 Jahre alt und seit 1980, mit der Unterbrechung 2013 bis 2017 Mitglied des Deutschen Bundestags. Nur Wolfgang Schäuble ist länger dabei. Zu Beginn der neuen Legislaturperiode fungierte er als Alterspräsident.

Solms hat an diesem Tag gerade seine letzte Bundestagssitzung absolviert. Ich verlasse das Parlament hochzufrieden“, sagt er, als wir zu einer „Runde Bundestag“ (Produktion: Markus Lücker), einem Interview-Spaziergang durch das Parlamentsviertel aufbrechen.

"Wir waren schlicht und einfach pleite"

2013 flog die FDP aus dem Parlament, nun könnte sie erstmals in ihrer Geschichte zum zweiten Mal hintereinander ein zweistelliges Ergebnis einfahren.

Solms war über 25 Jahre Schatzmeister seiner Partei, der Schock von 2013 sei auch heilsam gewesen, berichtet er.

„Ja, wir waren pleite. Schlicht und einfach.“ Um Kosten zu senken, habe er über die Hälfte der Mitarbeiter in der Parteizentrale entlassen müssen, die Zahl von über 50 auf rund 20 reduziert. „Überall mussten wir sparen. Das war aber auch gesund.“ Auf die Frage nach dem Warum, antwortet Solms: „Weil man dann sieht, dass man mit wenigen konzentriert viel bewegen kann.“ Auch dem Staat und den Behörden empfiehlt er mal so eine Kostenüberprüfung, da ließe sich viel einsparen.

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Hermann Otto Solms (FDP), Vorkämpfer gegen zu hohe Steuern, hier 2007. Foto: Frank Ossenbrink Vergrößern
Hermann Otto Solms (FDP), Vorkämpfer gegen zu hohe Steuern, hier 2007. © Frank Ossenbrink

„Wir haben gesehen, wie schnell das Ganze vorbei sein kann, wenn man nicht gute und gemeinsam geschlossene Politik betreibt“, erinnert sich an den Wahlabend 2013. „Heute tritt die FDP so geschlossen auf, wie ich es in den letzten 50 Jahren nicht erlebt habe.“ Solms ist jetzt kaum noch zu hören, vor dem Hauptportal mit der Inschrift „Dem Deutschen Volke“ demonstrieren Ex-Iraner, sie fordern Freiheit für politisch Gefangene.

Die Sternstunde? Da muss Solms nicht lange überlegen

In so vielen Jahren im Parlament, erst in Bonn, dann in Berlin, was war die Sternstunde? Solms braucht gar nicht überlegen, das war ein Freiheitserlebnis, von dem auch viele im Iran träumen. „Das herausragende Ereignis war natürlich der Fall der Mauer, der 9. November 1989. Da saßen wir im Ersatzparlament, im Wasserwerk in Bonn. Und da kam diese Meldung herein. Die Abgeordneten sind spontan aufgestanden, wir haben die Nationalhymne angestimmt, das war der emotionalste Moment.“

Im Streit um den NATO-Doppelbeschluss, als Helmut Schmidt die Gefolgschaft seiner SPD verlor, wechselte die FDP zur Union, Helmut Kohl wurde Kanzler. Nun könnte es plötzlich, zusammen mit den Grünen eine Wiederauflage der sozial-liberalen Zeit geben. Solms will nicht spekulieren, zieht aber für sich eine klare rote Linie für ein Ampelbündnis: „Unverhandelbar ist die komplette Abschaffung des Solis, weil die Erhebung des Solis heute verfassungswidrig ist.“

Die rote Linie für die Ampel? Der Soli muss ganz weg

SPD und Grüne wollen ihn aber aus Gerechtigkeitsgründen für die oberen zehn Prozent, die ihn noch zahlen, erhalten. Solms betont, wer ihn noch zahle, sei ja vor allem die Wirtschaft, also Unternehmen. „Und das geht voll zulasten der Investitionen. Wenn wir aus den Schulden wieder herauskommen wollen, brauchen wir aber ein starkes Wirtschaftswachstum.“ Und insbesondere die Sozialdemokraten seien schuld an immer mehr Bürokratie. In der Volkswirtschaftsabteilung des Finanzministeriums seien jetzt 150 Leute, da hätten zehn Leute gereicht. „Der Herr Vizekanzler hat da ein Nebenkanzleramt aufgebaut. Die denken immer nur größer, größer, größer.“

Der Rat an die Nachfolger: weniger Schlagzeile, mehr Arbeit

Ganz am Ende des Spaziergangs blickt Solms noch einmal auf das Eingangsportal für die Abgeordneten, wo er so oft hineingegangen ist. Sein Rat zum Abschied an die künftigen Parlamentarier: „Nicht so sehr darauf gucken, dass man in irgendeine Headline in einer Tageszeitung kommt“, sagt Solms. Profil gewinne man, „wenn man sich in das Arbeitsgebiet, für das man eingeteilt ist, in dessen Fachausschuss man sitzt, intensiv einarbeitet.“ Dann bekomme man wirkliche Anerkennung und werde ernst genommen, nicht mit besonders vielen Talkshow-Auftritten und knalligen Interviews.

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