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Dagmar Freitag (SPD), Vorsitzende des Sportausschusses, seit 1994 Mitglied des Bundestags. Foto: Christoph Soeder/dpa
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„Eine Runde Bundestag“ mit Dagmar Freitag Wie eine SPD-Abgeordnete mit dem „Gender“-Druck hadert

Die Sportausschuss-Vorsitzende verlässt den Bundestag. Ein Gespräch über den Aderlass in Vereinen und warum zu viele junge Leute dem Parlament nicht gut tun.

Dagmar Freitag war sich lange sicher, dass Paul Ziemiak ihr Nachfolger wird. Eigentlich war es schon eine kleine Sensation, dass die SPD-Politikerin Freitag seit 1998 immer im eher konservativen Märkischen Kreis das Direktmandat gewonnen hat, 2013 mit 54 Stimmen Vorsprung, danach war sie fix und fertig. „Ich möchte so einen Abend kein zweites Mal erleben, zumal ich auch auf der Landesliste in der sogenannten Todeszone war. Also da, wo man nicht wusste, reicht es, reicht es nicht.“

Stichwort „Todeszone“: CDU-Generalsekretär Ziemiak hat nun sogar Wahlkampfhilfe von Kanzlerin Angela Merkel erhalten, die am Mittwoch ein Medizinunternehmen in dem Wahlkreis im Sauerland mit ihm besucht hat; auch Ziemiak muss wegen des Scholz-Höhenflugs fürchten, dass er gegen die neue SPD-Herausforderin verliert und dem nächsten Bundestag gar nicht mehr angehört.

27 Jahre im Parlament

So wie Freitag, die aber aus freien Stücken nach 27 Jahren im Parlament aufhört. „Ich finde nach über 40 Jahren Vollzeit Arbeitszeit, die über die das normale Renteneintrittsalter hinausgegangen ist, darf man das Ende seiner Berufstätigkeit selbst definieren“, sagt sie bei einer „Runde Bundestag“, dem Politik-Podcast des Tagesspiegels (Produktion: Markus Lücker) vor der Bundestagswahl.

Der Mitgliederschwund in den Sportvereinen durch Corona 

Wir spazieren am Reichstagsgebäude vorbei. Freitag ist seit 2009 auch Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag. Sie treibt die Sorge um, dass hunderttausende junge Leute nach der Pandemie nicht in ihre Sportvereine zurückkehren, es hat enorm viele Austritte gegeben, weil es monatelang kein Angebot mehr gab im Lockdown. „Ich würde mir schon wünschen, dass das Bundesgesundheitsministerium eine richtige Kampagne auflegt, gerne mit dem organisierten Sport zusammen, um dafür zu werben, wie wichtig Bewegung für Menschen allen Alters ist.“

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Ein gefühlter "Gender-Zwang"

Dagmar Freitag, 68 Jahre alt, gehört zum Seeheimer Kreis in der SPD, dem konservativen Flügel. Sie war immer wieder genervt von zu viel Identitätspolitik. „Ich glaube, die SPD wäre sehr gut beraten, wenn sie sich auf Themen konzentrieren würde, die wirklich die Menschen bewegen, die den Laden Deutschland am Laufen halten.“

Und angesprochen auf rund 150 Gendersternchen im SPD-Wahlprogramm, räumt sie beim Gang über die Reichstagswiese freimütig an, was da oft für ein Druck entstehe, etwas mitzumachen, hinter dem sie gar nicht so steht. „Im Moment nutze ich in der Schriftsprache die Sternchen oder den berühmten Doppelpunkt, je nachdem, was gewünscht wird, um bestimmten Diskussionen aus dem Weg zu gehen“, berichtet Freitag. „Ich habe keine Lust, mit denen, die Empfänger meiner Antwort sind, darüber zu diskutieren, warum ich es nun nicht gemacht habe.“

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Der Bundestag am Abend, nach 27 Jahren hört Dagmar Freitag als Bundestagsabgeordnete auf. Foto: Paul Zinken/dpa Vergrößern
Der Bundestag am Abend, nach 27 Jahren hört Dagmar Freitag als Bundestagsabgeordnete auf. © Paul Zinken/dpa

Ob sie das in ihrem privaten Leben später noch so machen werde, „das wird sich zeigen.“ Freitag gehörte nie zu den Lautsprechern in der SPD-Fraktion, sie verbringt viel Zeit in ihrem Wahlkreis.  Schützenfeste, Empfänge, Jubiläen. „Und mir hat meine Verankerung im Sport natürlich auch geholfen. Es gibt kaum einen Sportverein in meinem Wahlkreis, wo ich zwischendurch nicht irgendwann meine Rede zum Jubiläum gehalten habe.“

Das Erfolgsrezept: Bürgernähe nicht predigen, sondern leben

So habe sie sich das Image erworben, die kümmert sich ja. „Und das erzählen auch CDU-Mitglieder oder CDU-geneigte Wählerinnen und Wähler ihren Nachbarn oder ihren Verwandten.“ Die Leute hätten ein feines Gespür, wenn da jemand nur alle vier Jahre im Wahlkampf verstärkt auftauche. Und in Berlin hat sie sich von Anfang an angewöhnt, jede einzelne E-Mail mindestens aus dem Wahlkreis selbst zu lesen und oftmals auch selbst zu beantworten. „Das kostet Zeit, aber das schafft auch Vertrauen bei den Bürgerinnen und Bürgern.“

Freitag räumt ein, dass auch die SPD in Teilen zu sehr zu einer Akademikerpartei geworden ist und wieder mehr den Querschnitt der Bevölkerung brauche. Und dass auf einmal sehr viele linke Jusos in den Bundestag streben, die sofort in die Berufspolitik einsteigen wollen, sieht sie die Lehrerin skeptisch: „Ich war immer der festen Überzeugung, dass eine solide berufliche Ausbildung, es kann ein Hochschulabschluss sein, das kann aber auch eine Handwerksausbildung sein, gepaart mit einer gewissen Lebenserfahrung sowohl im Privaten als auch im Alltagsleben, sehr hilfreich ist, wenn man Entscheidungen treffen soll, die 80 Millionen Menschen betreffen.“

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