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Ein Mitarbeiter aus der pflegerischen Bereichsleitung wird im Universitätsklinikum in Halle/Saale (UKH) gegen das Coronavirus geimpft. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa
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Eine Dosis Unsicherheit Was tun gegen die zu geringe Impfbereitschaft?

Impfen ist der Weg aus der Pandemie – aber viele zögern. Die Zurückhaltung von Ärzten und Pflegern alarmiert die Politik. Wie können Zweifel beseitigt werden?

Im Kanzleramt sind sie so besorgt wie selten in dieser Pandemie. Der Grund: Die hoch ansteckende Virus-Mutation B 117. Fassungslos wird zudem auf die Lage in Irland geblickt. Dort ist die Sieben-Tages-Inzidenz von 40 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner Mitte Dezember auf 942 explodiert. Offenbar auch, weil über Weihnachten zu früh gelockert wurde.

Der Schluss für Kanzlerin Angela Merkel und Kanzleramtschef Helge Braun (beide CDU) ist klar: Es darf keineswegs zu früh gelockert werden. Dem Impfen kommt jetzt eine noch größere Bedeutung zu. Doch trotz weiterer Bestellungen und zusätzlichen Produktionskapazitäten wird es im ersten Quartal nicht genügend Impfstoff geben. Politiker sorgen sich zudem über eine zu geringe Impfbereitschaft der Bürger. CSU-Chef Markus Söder lässt eine alte Debatte wiederaufleben.

Was bereitet Sorge?

Vor allem unter dem Personal in Pflege- und Altenheimen gibt es viele, die sich nicht impfen lassen wollen. In Thüringen ist nur ein Drittel der Beschäftigten in Kliniken und Pflegeheimen bereit für den Piks. „Jeder möge in sich gehen“, appellierte Ministerpräsident Bodo Ramelow, „dieser Impfstoff ist ein Schutz für Leib und Leben.“ Immer wieder wird vor allem aus Pflegeheimen berichtet, dass die Impfskepsis unter den Helfern hoch sei.

Bayerns Ministerpräsident Söder kritisiert Falschmeldungen, die rund ums Impfen zuhauf durchs Internet geistern. Er schlägt nun eine partielle Impfpflicht vor: für Pflegekräfte.

Sein Vorstoß stößt jedoch auf weitgehende Ablehnung. „Die Diskussion über einen Impfzwang für bestimmte Berufsgruppen bringt uns keinen Schritt weiter“, sagte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Jetzt über einen Impfzwang zu räsonieren, löse mehr Misstrauen als Impfbereitschaft aus. Die Kanzlerin ist ebenfalls gegenüber jeder Form von Corona-Impflicht. Hinzu kommt: Wenn zumindest die meisten Bewohner geimpft sind, sind sie schon mal geschützt, und damit die besonders Gefährdeten. Zudem gibt es bereits eine Pflicht, die zum Testen: Somit kann zumindest schonmal das Infektionsrisiko und damit die Todesgefahr in den Heimen reduziert werden. Als weitere Maßnahme wird bundesweit über noch eine Pflicht nachgedacht: Die zum Tragen der besser schützenden FFP2-Masken, in Bayern wird sie für den ÖPNV und die Geschäfte eingeführt. FDP-Generalsekretär Volker Wissing kritisiert, erst gebe es nicht genug Impfstoff - dann noch eine Debatten über eine Impflicht zu führen, untergrabe erst recht die gesellschaftliche Akzeptanz für die Impfungen. "Die Regierung muss die Menschen umfassend von der Wirksamkeit einer Impfung überzeugen", sagte er dem Tagesspiegel. "Es darf keine Nachlässigkeiten geben, was die Sicherheit des Impfstoffes angeht. Hier herrscht noch großer Nachholbedarf und es muss noch jede Menge Überzeugungsarbeit geleistet werden:"

Woher kommt die Impfskepsis?

Der Angstforscher Borwin Bandelow von der Uni Göttingen erklärt die Zurückhaltung vieler Menschen folgendermaßen: Immer dann, wenn eine neue, bedrohliche Situation eintrete, die wir als unbeherrschbar einschätzen, übernehme das „Angstgehirn“, sagt er. Im Gegensatz zu unserem „Vernunftgehirn“ könne das Angstgehirn Fakten, Zahlen und Statistiken nicht verarbeiten.

Zu Anfang der Coronakrise hätten deshalb viele Menschen unvernünftige Dinge getan; etwa Toilettenpapier oder Mehl gehamstert. Nach vier Wochen ungefähr habe man sich an eine neue Gefahr gewöhnt. „Die Menschen können realistischer einschätzen, wie groß ihr Risiko ist, an Corona zu erkranken“, sagt Bandelow. Jetzt werde die Impfung als die neue Gefahr wahrgenommen. „Es ist vielen Leuten unheimlich, dass ihnen da was gespritzt wird, was sie nicht verstehen.“

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Dass man an die Corona-Gefahr gewöhnt sei, an die Impfung aber nicht, führe bei manchem zu einer völlig falschen Risikoabschätzung. „Das Risiko, an Corona zu versterben, ist ganz erheblich. Das Risiko an der Corona-Impfung zu sterben, ist praktisch gleich null“, sagt Bandelow.

Noch etwas spielt eine Rolle: Verschwörungserzählungen und Fake News hätten besonders leichtes Spiel, wenn das Angstgehirn aktiv sei, sagt Bandelow. So berichten Hausärzte davon, dass ihre Patienten mit hanebüchenen Fehlinformationen über die Impfung in die Praxis kämen. Dabei gebe wohl kaum ein Medikament, das so gut untersucht sei, wie der Biontech-Impfstoff, erklärt Experte Bandelow. „Und doch haben einige jetzt mehr Angst vor der Impfung als vor Corona.“

Welche Folgen haben die Zweifel?

Die Impfbereitschaft liegt derzeit deutlich niedriger als noch vor einem Dreivierteljahr. Gut verfolgen lässt sich die Entwicklung im „Cosmo Covid-19 Snapshot Monitoring“, in dem regelmäßig die Impfbereitschaft abgefragt wird. Vergangenen April wollten sich 79 Prozent impfen lassen, seither ist die Bereitschaft kontinuierlich gesunken. Anfang Dezember 2020 waren es nur noch 48 Prozent. Ende Dezember gab es allerdings eine Trendwende: Zum Start der Impfkampagne zeigen sich 57 Prozent der Befragten offen für eine Impfung.

Bald könnten in Deutschland drei Impfstoffe zugelassen sein. Foto: imago images/Christian Ohde Vergrößern
Bald könnten in Deutschland drei Impfstoffe zugelassen sein. © imago images/Christian Ohde

Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Uni Erfurt, erklärt den Abfall der Impfbereitschaft nach April damit, dass damals die Impfung noch in weiter Ferne lag und die Menschen sich wenig Gedanken über mögliche Risiken machten. Nun rückt die Impfung näher und somit bei vielen die Bedenken stärker in den Fokus.

Interessant an den Cosmo-Daten ist, dass die Impfbereitschaft bei Menschen in medizinischen Berufen lange Zeit deutlich niedriger war als bei anderen. Auf einer Skala von eins (auf keinen Fall impfen) bis sieben (auf jeden Fall impfen) lag Mitte Dezember die durchschnittliche Impfbereitschaft von Menschen aus medizinischen Berufen bei 3,84. Bei Menschen aus nicht-medizinischen Berufen dagegen bei 4,23. Mittlerweile nähern sich die Werte aber an.

Wie reagiert die Politik?

Die Bundesregierung will es mit Werben um Vertrauen, Informationen zu den Wirkstoffen, dem Verweis auf Impferfolge und ausbleibende Nebenwirkungen schaffen, die Zahl der Impfwilligen zu erhöhen. Angestrebt wird, dass sich 65 bis 70 Prozent der Deutschen impfen lassen, das wären bis zu 58 Millionen. Dann gilt eine Corona-Herdenimmunität als ziemlich sicher erreicht.

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Ministerpräsident Söder fordert, dass die Spitzen des Staates und der Bundesländer sowie andere Personen des öffentlichen Lebens als Vorbilder mit gutem Beispiel vorangehen und sich öffentlich impfen lassen. Doch Merkel ist anderer Meinung. Sie betont, dass sie sich dann impfen lasse, wenn sie dran sei. Denn der Grat zwischen politischer Impfkampagne und dem Vorwurf einer Vorzugsbehandlung ist ein schmaler. Daher wird es noch etwas dauern, bis die Kanzlerin mit hochgekrempeltem Oberarm zu sehen wird, wie sie einen Piks bekommt. In Israel erhielt Premierminister Benjamin Netanjahu demonstrativ die erste Impfdose, in keinem Land läuft es so gut, auch weil im Fernsehen viel mehr gezielt über die Impfstoffe und das geringe Risiko informiert wird. Ein großer Streitpunkt ist aber noch, ob die Bürger den Impfstoff frei wählen können, gerade wenn auch noch der weniger wirksame von Astra Zeneca zugelassen wird. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) lehnt eine Wahl bisher ab. Er rechnet nach neuesten Zahlen mit bis Ende März etwa 10,1 Millionen Dosen von Biontech/Pfizer - dazu 1,8 Millionen Dosen des zweiten zugelassenen Präparats von Moderna, so dass bis Ostern fast alle über 80, Pflegeheimbewohner und Gesundheitspersonal geimpft werden könnten.

Will, dass die Politik beim Impfen mit gutem Beispiel vorangeht: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Foto: Peter Kneffel/dpa Vergrößern
Will, dass die Politik beim Impfen mit gutem Beispiel vorangeht: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). © Peter Kneffel/dpa

Zugleich gibt es weiter Kritik an der Priorisierung von Impfgruppen. Gesundheitsminister Spahn hätte diese nicht per Verordnung festlegen dürfen, befindet die Staatsrechtlerin Anna Leisner-Egensperger von der Uni Jena in einer Stellungnahme für den Gesundheitsausschuss des Bundestags. „Diese Vorschriften sind daher rechtswidrig und damit nichtig. Sie dürfen von den Behörden nicht angewendet werden und müssen von den Bürgern nicht beachtet werden.“ Weiterer Streitpunkt ist, ob die Bürger den Impfstoff, sofern ausreichend vorhanden, künftig frei wählen können. Spahn lehnt dies bisher ab.

Wird es Sonderrechte für Geimpfte geben, damit mehr Menschen sich impfen lassen?

Die Debatte wird an Fahrt gewinnen. Wer die Impfung bekommen hat, will auch wieder seine alte Freiheit zurück, zum Beispiel beim Reisen. So hat die Landesregierung in Sachsen-Anhalt am 8. Januar beschlossen, dass wer eine abgeschlossene, mindestens zwei Wochen alte Corona-Schutzimpfung nachweisen kann, von der Quarantänepflicht nach der Rückkehr aus einem Risikogebiet ausgenommen sei. Man beruft sich da auf eine Muster-Quarantäne-Verordnung des Bundes – da Sonderwege vermieden werden sollen, wird das aber womöglich noch angepasst. Es gibt zudem wenig Handhabe, wenn Clubbesitzer oder Fluglinien Impfnachweise verlangen. FDP-Generalsekretär Wissing betont, er halte die Debatte über Privilegien für Geimpfte für deplatziert. "Zum einen ist noch nicht bekannt, wie lange der Impfschutz anhält. Auch ist nicht klar, ob eine Impfung nur gegen Erkrankung schützt oder auch eine Ansteckung anderer Personen verhindern kann. Zum anderen sind Grundrechte eindeutig keine Privilegien", sagte er dem Tagesspiegel. Es wäre zweifellos eine schwierige Situation, wenn die einen ihre Grundrechte uneingeschränkt ausüben könnten und andere nicht. "Das kann der Staat aber nur verhindern, indem alle geimpft werden, die geimpft werden wollen. Unsere Verfassung erlaubt es der Regierung nicht, die Grundrechte aller Bürgerinnen und Bürger einzuschränken, wenn es dafür nur in Bezug auf einen Teil einen sachlichen Grund gibt." Deshalb müsse man dafür sorgen, dass genügend Impfstoff beschafft werde "Die bisherige Beschaffungspolitik der Bundesregierung war unzureichend.“

Wie lässt sich die Impfbereitschaft steigern?

Die Experten von der Uni Erfurt sehen vor allem einen Bedarf an vertrauensbildenden Maßnahmen. Eine regelmäßige, transparente Aufklärung über den Stand der Entwicklung und die Arten der neu entwickelten Impfstoffe könnten helfen, das Vertrauen zu stärken. Am größten sei das Bedürfnis nach Informationen über potenzielle Nebenwirkungen der Impfung.

Patienten warten in der Metropolishalle des Filmparks Babelsberg im Zentrum für das Impfen gegen Corona auf ihren Aufruf. Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/POOL/dpa Vergrößern
Patienten warten in der Metropolishalle des Filmparks Babelsberg im Zentrum für das Impfen gegen Corona auf ihren Aufruf. © Soeren Stache/dpa-Zentralbild/POOL/dpa

Sinnvoll wäre aus Sicht von Experte Bandelow zudem, mit der Werbung für das Impfen auch das Belohnungssystem anzusprechen. „Man könnte etwa Menschen zeigen, die geimpft sind und wieder mit Freunden feiern können oder Urlaub machen.“ Appelle an die Bürgerpflicht oder die Drohung mit einer Impfpflicht hält Bandelow dagegen für kontraproduktiv. „Bei denen, die skeptisch sind, erhöht sich dadurch nur der Widerstand.“

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Es sei immer besser, Menschen zu überzeugen, anstatt ihnen Angst zu machen und zu sagen: „Wenn du dich nicht impfen lässt, passiert das und das.“ Für hilfreich halten es Experten zudem, wenn sich Prominente und Politiker öffentlichkeitswirksam impfen lassen – insofern sie an der Reihe sind. „Das kann anderen ein Stück weit die Angst nehmen“, sagt Bandelow.

Wie wollen die Pflegeheime die Impfskepsis bei ihren Pflegekräften bekämpfen?

Angesichts der vergleichsweise geringen Bereitschaft vieler Pflegekräfte, sich immunisieren zu lassen, wollen Betreiber von Pflegeheimen verstärkt aufklären. In den zwei Berliner Pflegeheimen der Renafan-Gruppe wollen sich rund zwei Drittel der Mitarbeitenden impfen lassen, sagt Sprecherin Christina Brandt. „Am anderen Drittel sind wir dran und überzeugt, dass sich deren Impfbereitschaft noch erhöhen wird.” Dafür habe das Unternehmen eine Aufklärungskampagne gestartet.

Das hat auch die Caritas Altenhilfe getan. Mit der Kampagne wolle man Mitarbeitende, Bewohnerinnen und Bewohner sowie deren Angehörige dafür sensibilisieren, was die Impfung bedeute, sagt Sprecherin Claudia Appelt. „Die Corona-Schutzimpfung bietet uns aktuell die einzige Perspektive auf eine Rückkehr zur Alltagsnormalität.”

Auch die Erfahrungen von bereits Geimpften spielen eine Rolle. „Wir stellen immer wieder erfreut fest, dass sich Pflegekräfte, die sich zum Impftermin Bedenkzeit erbeten hatten, bei nächster Gelegenheit nachimpfen lassen”, sagt die Sprecherin der Korian-Gruppe, Tanja Kurz. Korian ist mit bundesweit mehr als 250 Häusern der größte private Heimbetreiber in Deutschland.

Und bei Pro Seniore, die deutschlandweit mehr als 70 Pflegeheime betreibt, registriert man: „Die anfängliche Skepsis gegenüber den Impfstoffen ist gesunken, je mehr Menschen sich komplikationslos impfen ließen”, sagt Konzernsprecher Peter Müller. „Wir gehen deshalb davon aus, dass die meisten unserer Mitarbeiter die Corona-Impfung als zusätzlichen Arbeitsschutz sehen und sich deshalb impfen lassen.”

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