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Das Atommülllager Gorleben ist ein Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente und hoch radioaktive Abfälle. Foto: dpa/ Sina Schuldt
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Eine Chance für den strahlenden Schrott Und wenn dann die Atommüll-Wut wieder hochkocht...?

In der Endlagersuche werden jetzt Namen genannt, doch der Atommüll macht Angst. Und just die gewünschte Transparenz könnte zum Manko werden. Ein Kommentar.

Die Bilder aus Gorleben hat kein Politiker vergessen. Von Menschen, die Bahnschienen unterhöhlen, sich an Betonpfeiler ketten, von Polizisten oder Wasserwerfern von der Straße gedrängt werden. Sie sind immer da, wenn es um die Atommüll-Endlagersuche geht. Und wenn diese am Montag erstmals wieder in eine entscheidende Phase tritt, wenn erstmals Namen von Regionen genannt werden, die sich für ein Endlager eignen, dann könnte es viele neue Gorleben geben. So fürchtet man es bereits in der Politik: dass der Geist des Widerstands wieder erwacht, erst lokal, dann bundesweit.

Die Sorgen sind berechtigt. Die Endlagersuche wird eine harte Prüfung für die Politik. 1900 Castoren mit hochradioaktiven Abfällen müssen unter die Erde. Im Umfeld der 16 Lager im Bundesgebiet, meist an alten AKW-Standorten, sind sie unbeliebt. Wer kann es den Menschen verdenken? Keiner will den strahlenden Schrott dauerhaft in seiner Nachbarschaft, auch nicht tief unter der Erde. Der Müll macht Angst. Und da, wo die Castoren derzeit sind, können sie nicht für immer bleiben. Die Genehmigungen für viele der Zwischenlager laufen schon im kommenden Jahrzehnt aus.

Die Endlagersuche könnte ein heißes Wahlkampfthema werden

Wenn in einem Jahr die Bundestagswahl ansteht, könnte die Vorauswahl in der Endlagersuche ein heißes Wahlkampfthema werden. Die Länder und Gemeinden, die Politiker in den Wahlkreisen beschäftigt sie ohnehin. Da ist Bayern, wo sich CSU und Freie Wähler 2018 in den Koalitionsvertrag geschrieben haben, dass der Freistaat kein geeigneter Standort sei. Erst vor wenigen Tagen stellte dessen Umweltminister, Thorsten Glauber, die Suche erneut infrage und verwies recht zynisch auf Gorleben. Das sei ja ein fertiges Bergwerk. Dann sind da Landtags- und Bundestagsabgeordnete, die sich immer wieder frei nach dem Motto äußern: „Überall, nur nicht hier“. Und aus dem Osten ist auch mal zu hören, man wolle kein Endlager für westdeutschen Atommüll bauen.

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Dabei hat das Verfahren eine Chance verdient – denn es ist die einzige Chance für den strahlenden Schrott. Eine Suche dieser Art, die im Konsens der 16 Länder den bestmöglichen Standort ermittelt, die wissenschaftlich und transparent erklären soll, warum Regionen infrage kommen oder nicht, hat es in dieser Größe noch nicht gegeben. Anders als zu Zeiten Gorlebens geht es nicht mehr um die Frage pro und contra Kernenergie. Der Atomausstieg ist besiegelt, 2022 wird das letzte deutsche AKW abgeschaltet. Die Suche kann das Atomzeitalter in Deutschland beenden – wenn sie gut geht.

Auch Bundespolitiker werden die Ergebnisse erklären müssen

Schon um die Gesetze, die heute die Suche regeln, wurde jahrelang hart gerungen. Einige Länder versuchten, die Gesteine in ihrem Untergrund von der Suche auszunehmen. Bürgerinitiativen und Umweltverbände lehnten den Kompromiss ab, der politische Konsens ist fragil. Wenn schon Länder ausscheren, die den Müll nicht in ihrem Untergrund wollen, wie sollen dann Landräte und Bürgermeister ihren Nachbarn erklären, wie sie zur Endlagersuche stehen? Aber was wäre die Alternative? Dass Entscheidungen, die in Hinterzimmern getroffen werden, nicht dauerhaft bestehen, davon zeugt die lange Geschichte von Gorleben.

Das Manko der Suche könnte ihre Transparenz werden. Wohl nicht alle Entscheidungen wird man transparent belegen können. Die notwendigen Daten wird man nicht immer veröffentlichen können, wenn private Eigentümer und Unternehmen sich sperren. Das Problem ist der Politik lange bekannt. Wenn Menschen auf geschwärzte Passagen blicken anstatt belegt zu erfahren, warum ihr Haus über einer geeigneten Tonschicht liegt, wenn man sie in enge Beteiligungsformate zwängt, wird die Akzeptanz rasch sinken.

Auch Bundespolitiker werden sich in die erste Reihe stellen und ihren zäh errungenen Kompromiss verteidigen müssen, dort wo die Wut hochkocht, in Stadthallen und Rathäusern, in den Regionen, die es trifft.
Der Atommüll betrifft uns alle. Weil er unser aller Müll ist.

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