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Zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Europa wurden 25 Zentimeter lange Eisennägel geschmiedet und mit der Friedenstaube geprägt. Foto: Ingo Wagner / picture alliance / dpa
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Ein schonendes Gedenken gibt es nicht Der 8. Mai brachte eine Befreiung von Hitler, aber nicht von Furcht und Terror

An diesem 8. und 9. Mai prallen konträre Lesarten der Geschichte aufeinander. Was war, muss ans Licht. Das kann schmerzen. Ein Kommentar.

Geschichte kann wehtun. Abwehrreflexe setzen ein, wenn die gewohnte Sicht auf die Vergangenheit durchbrochen wird. Das lässt in diesem Jahr, mit großer Wucht, der Jahrestag des 8. Mai 1945 erkennen. An diesem Tag, so heißt es, sei der Zweite Weltkrieg beendet, der Faschismus besiegt und Deutschland von Hitler befreit worden.

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Das ist eine sehr enge Perspektive. Sie ist richtig, aber ignorant. Der Zweite Weltkrieg endete am 15. August 1945 mit der Kapitulation Japans. Bis dahin war im asiatisch-pazifischen Raum gekämpft worden. Über Hiroshima und Nagasaki warfen die USA Atombomben ab. All das wird nivelliert, wenn der 8. Mai als Tag des Kriegsendes tituliert wird.

Noch problematischer ist das Wort von der Befreiung. Ja, der Faschismus war besiegt, die überlebenden KZ-Insassen gerettet und den von der Wehrmacht besetzten Völkern ihre Freiheit zurückgegeben worden.

Doch jenseits des Eisernen Vorhangs – in Osteuropa, dem Baltikum, der sowjetisch besetzten Zone – begann für Millionen Menschen eine andere, die kommunistische Diktatur. Befreiung von Hitler? Ja. Befreiung von Furcht, Terror und Unterdrückung? Nein.

Das ist lange Zeit verdrängt worden. Wer sich für ein gesamteuropäisches Gedenken einsetzte, das die Opfer der Sowjet-Herrschaft umfasste, dem wurde vorgeworfen, die nationalsozialistischen Verbrechen zu relativieren.

Es ist kein Zufall, dass die Realisierung des vom Bundestag beschlossenen Mahnmals für die Opfer des Kommunismus nicht vorankommt. Und eher verschämt wird an den 23. August 1939 erinnert, an dem sich Hitler und Stalin auf die Aufteilung Polens und des Baltikums verständigten.

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Russlands Krieg gegen die Ukraine hat das Hineinholen der osteuropäischen Leidenserfahrungen in ein gesamteuropäisches Gedenken beschleunigt. Das Verständnis dafür wächst, dass die Ängste von Polen und Balten vor russischem Hegemonialstreben nicht übertrieben, sondern gut begründet sind. Das gilt auch für Finnen, die nun, gemeinsam mit Schweden, der Nato beitreten wollen. „Erfahrung macht klug“, sagt der Volksmund.

In der russischen Geschichtsschreibung beginnt der „Große Vaterländische Krieg“ – wegen des Hitler-Stalin-Paktes, der nicht thematisiert werden soll – erst am 22. Juni 1941 mit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Wladimir Putin hat sich zum Alleinerben dieses antifaschistischen Kampfes erklärt.

„Nie wieder!“ heißt eben auch, nie wieder verdrängen

Irritierend muss es daher für ihn sein, dass die Ukraine, die im Zweiten Weltkrieg zur Sowjetunion gehörte, seit ihrer Unabhängigkeit im Jahre 1991 ein starkes eigenes historisches Bewusstsein entwickelt hat. Erinnert wird an den Holodomor, die von Stalin verursachte Hungersnot, der rund sechs Millionen Ukrainer erlagen. Erinnert wird daran, dass Ukrainer im Zweiten Weltkrieg überproportional mehr Opfer gebracht haben als Russen.

Selbstbewusst demonstriert wird, dass sich das Antifa-Vermächtnis vereinbaren lässt mit einer prowestlichen, proeuropäischen Orientierung, mit liberalen und demokratischen Werten.

An diesem 8. und 9. Mai prallen konträre Lesarten der Geschichte aufeinander. Das „Nie wieder!“, das sich auf Krieg und Verbrechen bezieht, erstreckt sich auf die Erinnerung an Krieg und Verbrechen.

Was war, muss ans Licht. „Nie wieder!“ heißt eben auch, nie wieder verdrängen. Geschichte kann wehtun. Ein schonendes Gedenken gibt es nicht.

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