Blutige Hände? Bis heute wird der saudische Kronprinz bin Salman verdächtigt, den Mord an Khashoggi in Auftrag gegeben zu haben. Fogo: Yasin Akgul/AFP
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Ein Jahr nach dem Mord an Khashoggi Warum die Tat dem saudischen Kronprinzen wenig schadet

Am 2. Oktober 2018 wird der Journalist Khashoggi ermordet. Saudi-Arabiens Thronfolger steht im Verdacht, dahinter zu stecken. Doch seine Macht ist ungebrochen.

Es war einer der schamlosesten politischen Morde der jüngeren Geschichte. Doch die Hinrichtung wird wohl politisch folgenlos und juristisch ungesühnt bleiben.

Denn ein Jahr nach dem Tod des regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi erfreut sich Saudi-Arabien der vollen Unterstützung des Westens. Der neu aufgeflammte Konflikt mit dem Nachbarn Iran macht das ölreiche Königreich besonders für die USA wichtiger denn je.

Kurz vor dem Jahrestag des Mords an Khashoggi an diesem Mittwoch gab das US-Verteidigungsministerium die Verlegung von zusätzlichen Radarsystemen, Flugabwehrbatterien und 200 Soldaten nach Saudi-Arabien bekannt.

Kronprinz Mohammed bin Salman, genannt MBS, kann es sich inzwischen sogar leisten, öffentlich die politische Verantwortung für die Gewalttat zu übernehmen und von einem Fehler zu sprechen – weil er weiß, dass er vor Konsequenzen sicher ist. Erst am Montag bezeichnete der 34-jährige Thronfolger die Tat als „abscheulich“, angeordnet habe er sie aber nicht – was als wenig glaubhaft gilt.

Der bestialische Mord

Am 2. Oktober gegen 13.15 Uhr betritt Jamal Khashoggi das saudische Konsulat in Istanbul. Er will einige Tage zuvor erbetene Dokumente für die geplante Hochzeit mit seiner türkischen Verlobten Hatice Cengiz abzuholen. Der 59-jährige Kolumnist der „Washington Post“ ist ein prominenter Kritiker von MBS. Er hat die Herrscher in Riad mehrfach mit seinen Äußerungen verärgert.

Im Konsulat wird er von einem eigens aus Saudi-Arabien angereisten Killerkommando erwartet. Der türkische Geheimdienst hört mit, als die Mörder den Journalisten ein „Opfertier“ nennen, das geschlachtet werden soll. Einer von ihnen scherzt, er höre oft Musik, wenn er Leichen auseinanderschneide.

Die letzen Minuten. Dieses von der der türkischen Zeitung "Hurriyet" zur Verfügung gestellte Videobild zeigt den Jamal Khashoggi (r.) beim Betreten des saudischen Konsulats. Foto: Uncredited/CCTV via Hurriyet/AP/dpa Vergrößern
Die letzen Minuten. Dieses von der der türkischen Zeitung "Hurriyet" zur Verfügung gestellte Videobild zeigt den Jamal Khashoggi (r.) beim Betreten des saudischen Konsulats. © Uncredited/CCTV via Hurriyet/AP/dpa

Türkischen Geheimdiensterkenntnissen zufolge, die von der Regierung in Ankara nach und nach an die Medien gestreut werden, erzählen die Mörder Jamal Khashoggi, dass er nach Saudi-Arabien gebracht werden soll.

Sie betäuben ihn, halten ihm Mund und Nase zu. „Ich habe Asthma, macht das nicht, ihr erstickt mich“, sagt Khashoggi demnach. Es sind seine letzten Worte. 20 Minuten nachdem sich die Tür des Konsulats geöffnet hat, ist der prominente Kritiker des saudischen Regimes tot.

Anschließend zersägt ein aus Riad angereister Forensiker mit einer Knochensäge die Leiche des Journalisten. Später wird ein US-Senator sagen, es gebe in diesem Fall zwar keine „smoking gun“ als Beweismittel, wohl aber eine „smoking saw“, eine rauchende Kettensäge.

Was später mit den sterblichen Überresten Khashoggis geschieht, ist bis heute ungeklärt. Möglicherweise wird die zerstückelte Leiche in einem Säurebad aufgelöst. Türkische Ermittler in den Abwasserleitungen des Konsulats entsprechende Spuren.

Nach dem Mord setzten die Saudis alles daran, die Bluttat zu vertuschen. Sie schicken sogar einen Doppelgänger des Getöteten auf die Straßen Istanbuls, um vorzutäuschen, dass der Dissident die Vertretung lebend verlassen habe. Khashoggis Verlobte Cengiz, die vor dem Gebäude stundenlang vergeblich auf ihn gewartet hat, schaltet die türkische Regierung ein.

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Die verhaltene Empörung

In den Tagen nach dem Mord verstricken sich die saudischen Behörden in immer neue Ausflüchte. Schließlich müssen sie am 19. Oktober zugeben, dass Khashoggi im Konsulat getötet wurde. Von einem bedauerlicherweise aus dem Ruder gelaufenen Streit ist die Rede.

Das Hinrichtungskommando konnte indes unerkannt nach Riad zurückkehren. Monate später werden zwar rund ein Dutzend mutmaßliche Tatbeteiligte in einem Geheimverfahren vor ein saudisches Gericht gestellt. Das Königshaus bleibt bis heute bei seiner Darstellung, dass der Mord eine Einzelaktion von Geheimdienstlern war, von der die Regierung und insbesondere der Kronprinz nichts wussten.

Diese Version überzeugt in der internationalen Gemeinschaft niemanden. Die amerikanische CIA und andere westliche Geheimdienste halten eine Verstrickung höchster saudischer Regierungsstellen nach wie vor für plausibel.

Treuer Verbündeter. Eine seiner ersten Reisen führte US-Präsident Trump nach Saudi-Arabien. Foto: Jonathan Ernst/Reuters Vergrößern
Treuer Verbündeter. Eine seiner ersten Reisen führte US-Präsident Trump nach Saudi-Arabien. © Jonathan Ernst/Reuters

Die Vereinten Nationen kommen in einem Untersuchungsbericht ebenfalls zu dem Schluss, es gebe „glaubwürdige Beweise“ dafür, dass der Kronprinz hinter der Tat steckte und versucht habe, die Spuren zu verwischen. Khashoggis Tötung war demnach eine außergerichtliche Tötung, für die Saudi-Arabien und damit auch der Thronfolger verantwortlich sind.

Als eine der ganz wenigen Staaten weltweit reagiert Deutschland auf die Anschuldigungen. Die Bundesregierung stellt aus Protest seine Rüstungslieferungen an Saudi-Arabien komplett ein. Erst vor Kurzem sagte Kanzlerin Angela Merkel, es gebe derzeit „keine Voraussetzung für eine veränderte Haltung“.

Ganz anders die USA. Schon unmittelbar nach dem Mord weigert sich die US-Regierung unter Donald Trump, öffentlich Druck auf MBS und die saudische Regierung zu machen. Der US-Präsident argumentiert, die Verwicklung der saudischen Regierung in den Mord sei nicht erwiesen. Zudem will er nicht, dass saudische Rüstungsaufträge in Milliardenhöhe an andere Länder gehen.

Washington bleibt als treuer Verbündeter auch an Riads Seite, als einige Monate nach Khashoggis gewaltsamen Tod bekannt wird, dass die saudische Führung auch andere Exil-Dissidenten im Westen verfolgt. Entführungs- oder Mordversuche inklusive.

Der mächtige Kronprinz

Keine Frage: Mohammed bin Salmans Ruf ist durch Khashoggis gewaltsamen Tod schwer beschädigt. Der charmante Prinz hat sich in Machtfragen als ruchlos entpuppt. Das war für den Westen eine schmerzhafte Erkenntnis.

Denn als der ehrgeizige Prinz 2017 von seinem Vater König Salman als Nachfolger auserkoren wurde, gab es große Zuversicht, der Sohn könne die erzkonservative Petrodollar-Monarchie in die Moderne führen. Der Eindruck kam nicht von ungefähr.

So präsentierte sich bin Salman bei einer Reise durch die USA – wenige Monate vor Khashoggis Ermordung – als anpackender Reformer. Einer, der sein Land mutig umkrempeln, es von der Ölabhängigkeit und religiösen Gängelungen befreien wird.

Macht, mächtiger, bin Salman. Der saudische Königssohn herrscht ungefährdet. Foto: Saudi Press Agency/dpa Vergrößern
Macht, mächtiger, bin Salman. Der saudische Königssohn herrscht ungefährdet. © Saudi Press Agency/dpa

Doch schon damals hätte den Fans des Prinzen klar sein müssen, dass er nur von ihm gewährte Freiheiten duldet und politische Kontrahenten so konsequent wie rücksichtlos ausschaltet. Wie im November 2017. In einer offenkundig von langer Hand vorbereiteten Aktion werden mehr als 300 einflussreiche Persönlichkeiten in einem Fünf-Sterne-Hotel festgesetzt.

Die Geschäftsleute, Familienmitglieder und Minister werden der Korruption beschuldigt. Nur wer Teile seines Vermögens dem Staat überschreibt, kommt frei. Es geht aber nicht nur um Geld, sondern um eine Machtdemonstration gegenüber potenziellen Rivalen: Der Herrscher heißt Mohammed bin Salman. Punkt.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Beobachter sind sich sogar sicher, dass der Prinz heute mächtiger denn je ist. Sogar Riads brutale Militärintervention im Jemen mit seinen verheerenden Bombardements, Tausenden Toten und Millionen Hungernden kann den Thronfolger nicht ins Wanken bringen. Ebenso wenig wie Khashoggis Ermordung.

Der drängende Präsident

Das Interesse an den Umständen der Bluttat in Istanbul habe ohnehin stark nachgelassen, sagt Joe Macaron, Nahost-Experte am Arabischen Zentrum in Washington. Ganz abschütteln werde der Kronprinz die Folgen des Verbrechens aber wahrscheinlich nicht können.

Das wäre ganz im Sinne des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Seine Regierung hatte wegen des Khashoggi-Mords alles daran gesetzt, den Kronprinzen in Bedrängnis zu bringen und ihn möglichst zu entmachten. Gelungen ist das Ankara nicht.

Das Verhältnis zwischen der Türkei und Saudi-Arabien ist schon längere Zeit ein schwieriges. So hatte Mohammed bin Salman die Türkei im vergangenen Jahr zusammen mit dem Iran und islamistischen Extremisten als Teil eines „Dreiecks des Bösen“ bezeichnet.

Der Türkei wurde außerdem vorgeworfen, sich für zwar für Ermittlungen im Fall Khashoggi einzusetzen, zugleich aber Journalisten im eigenen Land einzusperren.

Der türkische Präsident Erdogan gehört zu den schärfsten Kritikern des saudischen Kronprinzen. Foto: Pavel Golovkin/AFP Vergrößern
Der türkische Präsident Erdogan gehört zu den schärfsten Kritikern des saudischen Kronprinzen. © Pavel Golovkin/AFP

Erdogan will dennoch nicht aufgeben. Sein Land werde weiter unbequeme Fragen nach dem Drahtzieher des Khashoggi-Mordes und dem Verbleib der Leiche stellen , schrieb der türkische Präsident am Montag in einem Beitrag für die „Washington Post“, den früheren Arbeitgeber des Mordopfers.

In Erdogans Streit mit Riad geht es nicht allein um den Mord in Istanbul und den saudischen Kronprinzen. Die Türkei unterstützt zum Beispiel die Muslim-Bruderschaft, die älteste Bewegung des politischen Islams – die Golfmonarchie dagegen betrachtet sie als Terrorgruppe. Erst kürzlich trafen sich in Istanbul fast 500 Vertreter der Muslimbrüder zu einer Konferenz.

Auch das ein Zeichen, dass Erdogan nach wie vor den Kampf mit dem Kronprinzen sucht. Für den Westen ist Mohammed bin Salman jedoch wieder ein hofierter Partner. Paria? Das war gestern. Schließlich geht es ums Geschäft.

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