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"Was bei Diabetikern gespart wurde, wird künftig 200 Millionen Euro Kosten verursachen"

Georgis Vichas leitet eine Poliklinik, wo Ärzte allen Patienten ohne Krankenversicherung kostenlos Hilfe bieten. Foto: Yannis Kolesidis
Ein griechischer Arzt berichtet „Wer kein Geld hat, der stirbt“

Gibt es Krankheiten, die typisch für die Krise sind?

Aids, Tuberkulose und Hepatitis. Die Infizierten sind oft gerade die Armen, die sich keine Behandlung leisten können. Darum stecken sie weitere an, und die Infektionen breiten sich aus. Hart trifft es auch Diabetiker, die ihre Diät nicht halten können oder nicht genügend Insulin bekommen, ihnen drohen Blindheit oder Amputationen. Und viel häufiger als früher sehen wir unterernährte Mütter, Babys und Kinder. Das wird viele Kinder für ihr ganzes Leben schädigen.

Wenn das stimmt, dann sind die Kürzungen selbst gemessen an rein ökonomischen Kriterien völlig unsinnig.

Das ist ja das Absurde. Diese Sparmaßnahmen werden die griechische Volkswirtschaft am Ende mehr kosten, als sie der Staatskasse insgesamt einbringen. Allein was bei den Diabetikern in den drei Jahren nach 2010 gespart wurde, wird künftig 200 Millionen Euro an zusätzlichen Kosten verursachen. Das wurde in einer Studie genau vorgerechnet.

Hat das die Verantwortlichen nicht ins Grübeln gebracht?

Hören Sie, wir hatten hier bis August vergangenen Jahres einen Gesundheitsminister, der hat sogar verfügt, dass die Krankenhäuser den Müttern ihre neugeborenen Babys nicht geben, bis sie ihre Rechnung bezahlt haben. Den interessierte das nicht!

Sie übertreiben.

Das ist tatsächlich geschehen, sechs Monate lang wurde das in den öffentlichen Kliniken praktiziert. Und noch schlimmer ist, dass sogar bei den Impfungen gespart wird. Die meisten Kinder, die zu uns kommen, sind nicht geimpft. Darum müssen wir nun damit rechnen, dass die Polio, die Kinderlähmung, wieder ausbricht. Das ist ein Risiko für ganz Europa. Die Erreger werden nicht an den Grenzen haltmachen.

Haben Sie je mit Vertretern der Kreditgeber aus der Eurozone oder der Troika darüber gesprochen, wie kontraproduktiv die Kürzungen sind?

Nur mit Abgeordneten aus den nationalen Parlamenten und dem Europaparlament. Gerade erst war eine Delegation aus dem deutschen Bundestag hier. Die haben dann zugegeben, dass sie selbst schlechte Erfahrungen mit Sparmaßnahmen haben, die darum wieder zurückgenommen werden mussten. Ich sagte ihnen, dann sollten sie doch die Regierung von Frau Merkel dazu bringen, auch auf Rücknahme der Kürzungen im griechischen Gesundheitswesen zu drängen. Da bekam ich von den Abgeordneten die Antwort, dafür sei die Troika verantwortlich, nicht die deutsche Regierung.

Aber sie ist es, die gemeinsam mit den Regierungen der anderen Eurostaaten die Troika beauftragt hat, diese Maßnahmen in Griechenland durchzusetzen.

Richtig. Die Abgeordneten fühlten sich trotzdem nicht zuständig.

Auch nicht die aus den Regierungsparteien CDU und SPD?

Nein, selbst die nicht. Stattdessen haben sie uns Spenden für die Klinik hier angeboten.

Es gab gute Gründe, das alte System gründlich zu reformieren. Schließlich war es hochgradig verschwenderisch und korrupt.

Sicher, Reformen waren dringend nötig, es wurde jedoch nicht reformiert, das ganze System wurde zerstört. Man hätte die Ärzte und Praxen besser im Land verteilen müssen, man hätte den Einkauf von Medikamenten billiger machen und den Einfluss der Pharmafirmen zurückdrängen müssen. Und natürlich musste die Korruption bekämpft werden. Das ist alles nicht geschehen, sondern es kam einfach nur zu Kürzungen und Entlassungen.

Aber war das die Schuld der Gläubiger aus Deutschland und der Eurozone? Die Verantwortung dafür liegt doch vielmehr bei der früheren griechischen Regierung aus Konservativen und Sozialdemokraten.

Formal liegt die Hauptverantwortung sicher bei den früheren griechischen Regierungen. Und die Beamten der Troika werden das auch immer so sagen. Nur, wenn Sie die Memoranda und Berichte der Troika lesen, dann sehen Sie, dass sie dieses brutale Programm bis ins Detail geplant hat.

Warum sollten unbeteiligte Beamte aus Brüssel oder Washington so etwas wollen, wenn es gar nichts bringt?

Das habe ich mich auch oft gefragt. Warum erzwingen sie eine so radikale Ausgabenkürzung, obwohl es doch nur zu noch mehr Schulden führt? Am Ende blieb nur eine Erklärung übrig: Hier ging es darum, eine Ideologie umzusetzen, die sagt: Wer Geld hat, darf leben, wer keines hat, stirbt.

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