Eine Frau geht auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz vor dem Mahnmal für die Opfer des Attentats. Foto: Christoph Soeder/dpa
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Dritter Jahrestag des Berliner Terroranschlags Das Leiden vom Breitscheidplatz verjährt nicht

Heute Gedenken, morgen wieder Alltag: Die rasche Abfolge dieser Ereignisse ist oft schwer zu ertragen. Einige Wunden vernarben nur langsam. Ein Kommentar.

Drei Jahre ist es her. Das klingt so kurz und kann so lang sein. Drei Jahre sind mehr als tausend Tage. Es gibt Menschen, die kaum einen dieser Tage verbracht haben ohne die Bilder jenes Abends im Kopf, die sich in ihre Erinnerung eingebrannt haben. Es sind quälende Bilder, die kommen, wann sie wollen. Abstellen lassen sie sich nicht.

Vor drei Jahren fuhr der Islamist Anis Amri mit einem Lastwagen in den Weihnachtsmarkt vor der Gedächtniskirche. Er ermordete zwölf Menschen und verletzte rund hundert, zum Teil schwer. Und mit ihnen endet die Zahl der Opfer nicht. Die Liste umfasst auch Augenzeugen, Ersthelfer, Hinterbliebene. Auch für sie stürzte eine Welt ein. Eine gewohnte Welt des Vertrauens, der Gewissheiten. Drei Jahre, das ist, gemessen an der Intensität der nachwirkenden Bilder, wie gestern. Gemessen an den unzähligen Tagen des stummen Leidens ist es eine halbe Ewigkeit.

Terroristen wollen, dass ihr Verbrechen die Menschen verzweifeln lässt, sie wahnsinnig oder radikal macht. Terroristen wollen Menschen zwingen, ihr Verhalten zu ändern. Sie zielen auf wenige, um viele zu treffen. Sie zielen auf unsere Seelen, unser inneres Gleichgewicht. Deshalb heißt es nach jedem Attentat, halb trotzig, halb selbstbewusst: Das Leben geht weiter, wir lassen uns nicht einschüchtern. Was für die vielen stimmen mag, aber für die wenigen, die getroffen wurden, kaum.

In der Gedächtniskirche gibt es eine Andacht

Auch auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz ist fast alles wie vorher, es wirkt fast unheimlich, als wäre nichts gewesen. Glühwein, Gedränge, Zuckerwatte, kandierte Äpfel, gebrannte Mandeln. Auf den Stufen des Mahnmals mit den Namen der Toten und einem drei Zentimeter breiten goldenen Riss auf dem Boden stehen Kerzen, liegen Blumen. Am Abend des Jahrestages gibt es in der Gedächtniskirche eine Andacht, gefolgt von einer Kranzniederlegung, der Verlesung der Opfernamen und dem Glockengeläut.

Solche Gedenkrituale sind wichtig. Sie stiften Gemeinschaft, vermitteln das Gefühl, mit den Erinnerungen nicht alleine zu sein. Aber einige Wunden vernarben nur langsam. Heute Gedenken, morgen Alltag, heute Kerzen und Blumen, morgen die Einsamkeit in der Trauer: Die rasche Abfolge dieser Ereignisse ist oft schwer zu ertragen.

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Hinzu kommt die Menge des Unverstandenen, der Ungereimtheiten. Anis Amri war observiert worden, hätte abgeschoben werden können, reiste mit mehreren Identitäten herum, radikalisierte sich, es lagen Hinweise auf Anschlagsplanungen vor. Trotzdem schlug er zu. Je unfassbarer die Versäumnisse der Sicherheitsbehörden, desto fassungsloser wurden die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer. Durch das bedauernde Achselzucken der Verantwortlichen fühlen sie sich im Stich gelassen.

Verarbeitung als Sinngebung des Sinnlosen

Eine Tat zu verstehen, hilft bei der Verarbeitung. Der Schmerz mag unverändert sein, aber er lässt sich einordnen, rationalisieren. Der Philosoph Theodor Lessing sagte einmal, Geschichte sei die „Sinngebung des Sinnlosen“. Nach einem ähnlichen Muster verlaufen die Bewältigungsprozesse traumatisch empfundener Ereignisse, als Sinngebung des Sinnlosen.

Der Weihnachtsmarkt soll Normalität suggerieren. Für viele Menschen aber ist seit dem Anschlag nichts mehr normal. Ihr Leben ist aus den Fugen geraten. Trotz und Trauer wollen sie in eine Balance bringen. Das kann nur gelingen, wenn alle Informationen geteilt, alle Fragen beantwortet, alle Hintergründe aufgedeckt werden. Daran muss die Politik sich messen lassen, an jedem Tag, in jedem Jahr.

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