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Der Flughafen von Kabul nach dem Abzug der US-Truppen Foto: Imago/Xinhua/Saifurahman Safi
© Imago/Xinhua/Saifurahman Safi

Drehkreuz am Hindukusch Türkei will den Flughafen von Kabul übernehmen

Die Türkei möchte ihren Einfluss in Zentralasien stärken. Sie bietet sich als Betreiber des Flughafens von Kabul an. Diplomaten sehen das als klugen Schachzug.

Nach dem Abzug der US-Truppen aus Afghanistan sieht die Türkei die Chance, ihren Einfluss in Zentralasien auszubauen. Ankara will zusammen mit Katar den Flughafen von Kabul übernehmen, um zivile Flüge und Hilfslieferungen zu ermöglichen. Die Initiative soll die Beziehungen der Türkei zum Westen verbessern – andere Nato-Länder sind froh, dass Ankara die undankbare Aufgabe übernehmen will. Die Türkei will aber auch eigene Interessen vorantreiben. Präsident Recep Tayyip Erdogan ist dafür offenbar bereit, das Taliban-Regime als legitime Regierung von Afghanistan anzuerkennen.

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Etwa 500 türkische Soldaten, die für die Nato den militärischen Teil des Flughafens Kabul bewacht hatten, kehrten vorige Woche in die Türkei heim, doch die türkische Botschaft in der afghanischen Hauptstadt ist weiter besetzt. In Verhandlungen zwischen türkischen Diplomaten und den Taliban geht es um die Bedingungen, unter denen türkische Techniker zusammen mit Experten aus Katar die Leitung des Flughafens übernehmen könnten.

Ein geregelter Flugbetrieb könnte es Deutschland und anderen Staaten ermöglichen, weitere Staatsbürger und Ortskräfte auszufliegen. Außerdem könnte die Lieferung von Hilfsgütern wieder aufgenommen werden. Die Türkei hatte schon vor der Machtübernahme der Taliban angeboten, den Flughafen zu übernehmen, und erhält das Angebot auch jetzt aufrecht. Weil kein anderer Nato-Staat nach dem Abzug aus Kabul dort Verantwortung übernehmen will, sind Europäer und Amerikaner den Türken dankbar. Erdogans Regierung hofft vor allem auf ein besseres Verhältnis zu den USA. Auch Deutschland hat Unterstützung zugesagt. Westliche Diplomaten sprechen von einem „klugen Schachzug“ Ankaras.

Bisher ist allerdings offen, wie und wann die teilweise zerstörte Infrastruktur am Flughafen repariert werden kann. Unklar ist auch, wer für die Sicherheit am Flughafen zuständig sein soll. Die Taliban wollen keine türkischen Soldaten in Afghanistan haben, doch Erdogan will der Miliz nicht das Feld überlassen. In einem Gespräch mit türkischen Journalisten wandte er sich an die Taliban: „Nehmen wir an, wir lassen euch für die Sicherheit sorgen und dann gibt es wieder einen verheerenden Anschlag – wie sollen wir das dann der Welt erklären?“

Ankara will eine neue Flüchtlingswelle verhindern

Ein Ausweg könnte in der Entsendung von türkischen Ex-Soldaten bestehen, die als Angestellte privater Sicherheitsfirmen nach Kabul geschickt würden, berichtete das meist gut informierte Nachrichtenportal Middle East Eye. Die diplomatische Anerkennung des Taliban-Regimes durch die Türkei sei ebenfalls Teil der geplanten Vereinbarung zwischen der Türkei und den Taliban, hieß es.

Die Türkei engagiert sich in Afghanistan, weil sie eine Flüchtlingswelle aus dem Land verhindern will. Ihr geht es aber auch darum, vom Rückzug der Amerikaner zu profitieren. So wie vor zwei Jahren in Libyen will die Türkei jetzt in Afghanistan ein Machtvakuum für sich nutzen. Auch Katar, der Iran, Russland, China und Pakistan wollen nach dem Abzug der internationalen Truppen ihren Einfluss in Afghanistan sichern und ausbauen.

[Mehr zum Thema: Pakistan hat Forderungen an Heiko Maas - „Wir werden keine weiteren Flüchtlinge aus Afghanistan aufnehmen“ (T+)]

Erdogan hält einen Vertrag mit den Taliban nach Vorbild des türkischen Abkommens mit Libyen für möglich. Mit der umstrittenen Vereinbarung zwischen Ankara und Tripolis vom November 2019 sicherte die Türkei der damaligen libyschen Regierung militärische Hilfe im Bürgerkrieg zu. Im Gegenzug erkannte Libyen die sehr weit reichenden Gebietsansprüche der Türkei im östlichen Mittelmeer an.

Alles, was er für ein ähnliches Abkommen mit Afghanistan brauche, seien Gesprächspartner, sagte Erdogan den türkischen Reportern mit Blick auf die noch ausstehende Regierungsbildung in Kabul. Der Präsident spielt den Extremismus der Taliban seit Wochen herunter. So sagte er im Juli, es gebe keine großen religiösen Unterschiede zwischen Türken und den Taliban. Jetzt betonte Erdogan, die Taliban würden nach seiner Einschätzung heute Frauen anders behandeln als in ihrer ersten Herrschaftszeit vor 20 Jahren.

Bei den Wählern kommt das außenpolitische Abenteuer des Präsidenten nicht gut an. Mehr als die Hälfte der Türken lehnen eine Anerkennung des Taliban-Regimes ab, wie eine Befragung des Instituts MetroPoll ergab. Nur noch 38 Prozent der Türken sind mit Erdogans Leistung im Amt zufrieden – der niedrigste Wert seit sechs Jahren.

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