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"In jüngeren Jahren war ich optimistischer"

Doppelinterview mit Norbert Lammert und Peer Steinbrück Wie kommt Vertrauen zurück?

Sind Sie also ein Alarmist, Herr Steinbrück?

Steinbrück: Mir ist schon vieles nachgesagt worden, aber als Alarmist bin ich noch nie bezeichnet worden. Richtig ist: In jüngeren Jahren war ich optimistischer. Herr Lammert hat recht, dass die Gründe für abnehmende Wahlbeteiligungen sehr unterschiedlich sein können. Aber wir Politiker sollten jedenfalls sehr selbstkritisch nachdenken, warum das Interesse an Politik und das politische Engagement im Vergleich mit den 70er und 80er Jahren deutlich geringer geworden ist.

Was muss die Politik tun, um Vertrauen zurückzugewinnen?

Lammert: Vollmundige programmatische Erklärungen abzugeben reicht jedenfalls nicht. Wir müssen uns mit der notwendigen Ernsthaftigkeit und Gründlichkeit, aber auch mit der Bereitschaft zur Selbstkritik, an die Erledigung der konkreten Aufgaben machen. Wir müssen dabei den Betroffenen und Interessierten oft komplizierte Zusammenhänge verdeutlichen und erläutern, uns aber auch nicht vor der Verantwortung drücken, die mit der Erteilung des Mandates verbunden ist. Politiker müssen in manchen Situationen Entscheidungen treffen, für die es noch keine erkennbare mehrheitliche Zustimmung gibt.

Steinbrück: Der letzte Punkt ist sehr wichtig. Ich glaube, dass die persönliche Achtung, die Politiker erfahren, maßgeblich von diesem Punkt abhängig ist. Ich mache in Gesprächen mit Wählern immer wieder die Erfahrung, dass ich Respekt gewinne, wenn ich für meine Überzeugungen einstehe, was nicht heißt, dass ich sie überzeugt habe.

Was ist in der Politik der höchste Vertrauensbeweis?

Lammert: Der höchste Vertrauensbeweis ist in jedem Fall nicht die Höhe eines Wahlergebnisses.

Steinbrück: Der Kabarettist Werner Finck hat den genialen Satz geprägt: Ich wähle diejenigen, die es mir nicht übel nehmen, wenn ich sie nicht wähle. Genau darum geht es, um das Vertrauen, dass die Mehrheit aus einem sittlichen Wertekanon heraus nichts tun wird, was der Minderheit schadet.

Gibt es ein Rezept, wie man in der Politik Vertrauen gewinnt?

Steinbrück: Es geht immer um eine Kombination. Politiker sind moralisch nicht besser einzustufen als die Normalverteilung in der Bevölkerung. Dessen unbenommen haben sie eine Vorbildfunktion. Wenn sie gegen moralische Regeln handeln, verlieren sie Vertrauen.

Aber das ist doch noch kein Rezept.

Steinbrück: Nach meiner Erfahrung wird in der Politik Vertrauen am ehesten gewonnen durch Erklären und Zuhören. Das wird allerdings immer schwieriger. Denn viele Sachverhalte werden immer komplexer, also werden auch die Erklärungen langwieriger – und das in einer immer schnelllebigeren Zeit. Erschwerend kommt hinzu: Die Bereitschaft zum Zuhören nimmt ab.

Angela Merkel genießt mit das höchste Vertrauen. Sie ist aber nicht als Erklärerin bekannt. Wie passt das zusammen?

Lammert: Ich glaube, dass das hohe Vertrauen, das die Kanzlerin genießt, mit der Kombination von Kompetenz und Redlichkeit zusammenhängt. Das sind wesentliche Faktoren.

Wie muss man als Politiker auftreten, damit man als kompetent und redlich wahrgenommen wird?

Steinbrück: Es kommt heute viel weniger auf das an, was man als Politiker sagt, als vielmehr darauf, wie man als Person auf die Menschen wirkt. Wer keine Empathie ausstrahlt, hat es schwer. Das läuft viel stärker über Körpersprache, als die meisten Politiker ahnen.

Ist ein hochgezogener oder nach unten gebogener Mundwinkel entscheidender als jedes Argument?

Steinbrück: Die Erfahrung habe ich gemacht. Nur wenige Politiker setzen Körpersprache bewusst ein. Die meisten zeigen ungewollt, wie es in ihnen aussieht. In dem Zusammenhang sollten wir auch über die Medien reden. Wenn Äußerlichkeiten in der politischen Berichterstattung zur Hauptsache gemacht werden, schaden die Medien dem Vertrauen in die Politik.

Ist es eigentlich gut für die Demokratie, dass das Persönliche eine so große Rolle spielt?

Steinbrück: Personen vor Inhalte ist ein Prinzip, das ich beklage. Politik wird unter dem Gesichtspunkt der Unterhaltung gesehen. Die Duellsituation wird zunehmend für wichtiger gehalten als die Inhalte, die Politiker vertreten. Vor dem Hintergrund eines Vertrauensentzuges von Parteien und Politik konzentriert sich das Publikum stärker auf die Protagonisten der Politik und ihr Verhalten.

Zur Beliebtheit der Kanzlerin trägt auch bei, dass sie sich dem Parteienstreit entzieht und gleichsam wie ein Präsident über allen Auseinandersetzungen schwebt. Ist das gut für die Demokratie?

Steinbrück: Es stimmt, Frau Merkel ist in der Lage, sich präsidial abzulösen vom Kabinett und damit eine gewisse Unberührbarkeit zu erlangen. Sie hat es tatsächlich geschafft, sich aus den Niederungen dieses Kabinetts weitgehend abzuheben, was ihr zum Vorteil gereicht in der öffentlichen Wahrnehmung. Für mich ist das Wesen der Demokratie der Streit um die bessere Lösung. Es wäre gut, wenn daran auch die Kanzlerin teilnehmen würde.

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